Zeitung Heute : Wem Ehre gebührt

Dagmar Rosenfeld

Das Berliner Abgeordnetenhaus diskutiert darüber, ob Wolf Biermann die Ehrenbürgerschaft verliehen werden soll. Wer steht eigentlich bisher schon auf der Liste der Ehrenbürger Berlins?


Wer Ehrenbürger der Stadt Berlin ist, der erhält eine Reihe von Vergünstigen wie eine kostenlose Jahreskarte der Berliner Verkehrsbetriebe – und er sichert sich schon zu Lebzeiten ein Ehrengrab auf einem Berliner Friedhof (samt Übernahme der Bestattungskosten). Ausgewählten Menschen Vergünstigungen zu gewähren, das war auch das Leitmotiv, als 1808 durch die „Steinsche Städteordnung“ das Ehrenbürgerrecht eingeführt wurde. Denn damals war das Bürgerrecht an Besitz und Gewerbe oder an die Zahlung eines Bürgergelds geknüpft. Alle anderen Bewohner einer Stadt, also auch Beamte, Geistliche und Gelehrte, waren lediglich „Schutzverwandte“. Von den damals rund 155 000 Bewohnern Berlins besaßen gerade einmal 12 800 das Bürgerrecht. Damit verdiente Stadtbewohner dennoch kostenfrei in den Genuss des Bürgerrechts kommen konnten, wurde der Bürgerbrief ehrenhalber eingeführt. Conrad Gottlieb Ribbeck, ein mittelloser evangelischer Theologe, wurde 1813 der erste Ehrenbürger Berlins. Als Propst von Berlin hatte er während der napoleonischen Besatzung die Interessen der Berliner gegenüber den französischen Truppen verteidigt. In den folgenden Jahren waren es vor allem Staatsbeamte, die zu Ehrenbürgern ernannt wurden. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auch verdiente Bürger aus Kunst und Wissenschaft in den Kreis der Geehrten aufgenommen – darunter Männer wie Rudolf Virchow und Adolf von Menzel.

Mittlerweile hat Berlin mehr als 100 Ehrenbürger, dazu zählen Politiker wie Willy Brandt, Ronald Reagan, Helmut Kohl und Johannes Rau; Künstler wie Heinrich Zille, Otto Nagel und der Dirigent Herbert von Karajan; Wissenschaftler wie Robert Koch und Otto Hahn. Zuletzt erhielt der Kunstmäzen Heinz Berggruen im Jahr 2004 diese Auszeichnung, er ist Ehrenbürger Nummer 114.

Berlin hat diesen Titel allerdings öfter als 114-mal verliehen, doch ist er manch Geehrten wieder aberkannt worden: Adolf Hitler und seine Gefolgsmänner Wilhelm Frick, Joseph Goebbels und Hermann Göring verloren ihren Ehrenbürgerstatus 1948 ebenso wie Wilhelm Pieck, damals Vorsitzender der SED und später Präsident der DDR. So wie die Stadt dann in Ost und West geteilt wurde, gab es fortan auch zwei unterschiedliche Ehrenbürgerlisten.

Mit der Wiedervereinigung machte man dann auch beim Ehren wieder gemeinsame Sache – 1992 wurden die Listen zusammengeführt. Von der Ost-Berliner Liste, die 26 Namen zählte – zum Beispiel Erich Honecker und Walter Ulbricht – schafften es aber nur acht Ehrenbürger, ihren Titel zu behalten, darunter der Kosmonaut Sigmund Jähn und die Schriftstellerin Anna Seghers.

Als Vertreterin des weiblichen Geschlechts gehört sie ohnehin zu einer seltenen Gattung unter den Geehrten – neben ihr haben bislang nur vier Frauen die Ehrenbürgerschaft verliehen bekommen: 1957 die ehemalige Berliner Bürgermeisterin Louise Schröder, 1958 die ehemalige Berliner Stadträtin Marie Elisabeth Lüders, 1967 die Lyrikerin Nelly Sachs und 2002 postum die Schauspielerin Marlene Dietrich.

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