Zeitung Heute : Wenig Geld, viel Hoffnung

Anderswo diskutiert, in Sachsen-Anhalt praktiziert: das Kombilohn-Modell

Juliane Schäuble[Schönebeck]

Stammgäste merken den Unterschied. Cornelia Belling wirke jetzt viel ausgeglichener als früher, sagen sie. Auch Jürgen Riecherts ist zufrieden. Der Geschäftsführer des „Hotel am Kurpark“ in Schönebeck, südlich von Magdeburg, hat der allein erziehenden Mutter eine Chance gegeben. Nach vier Jahren ohne reguläre Arbeit, in denen sie ab und zu im Hotel aushalf, hat sie endlich einen festen Job – mit einer abgebrochenen Physiotherapeutenausbildung keine Selbstverständlichkeit.

Seit November arbeitet die 39-Jährige im „Housekeeping“ und im Wellness- und Kosmetik-Bereich des Vier-Sterne-Hotels. „Mädchen für alles“, nennt sie das, durchaus selbstbewusst. Cornelia Bellings Augen in dem leicht geröteten Gesicht strahlen, wenn sie von ihren Lieblingsaufgaben erzählt: massieren und schminken. 900 Euro zahlt Riecherts ihr nun im Monat, die Stelle ist unbefristet. Damit Cornelia Belling und ihre neunjährige Tochter von ihrer Arbeit leben können, erhält sie vom Kreis Schönebeck zusätzlich 150 Euro. Auf diese Weise hat sie etwas mehr auf dem Konto, als wenn sie zu Hause bleiben würde. Für sie ein Anreiz zu arbeiten, für ihren Arbeitgeber eine Möglichkeit, sie einzustellen. Denn für eine reguläre Stelle hätte Riecherts kein Geld: Das Hotel am Kurpark steckt mitten in einem Insolvenzverfahren.

Deutschland diskutiert über das Für und Wider verschiedener Kombilohn-Modelle, die schwarz-gelbe Landesregierung in Sachsen-Anhalt probiert eines längst aus. Seit Anfang 2005 erhalten Arbeitnehmer, die niedrig bezahlte Jobs annehmen, staatliche Zuschüsse. „Wir brauchen keine neuen Instrumente, mit dem Einstiegsgeld aus Hartz IV haben wir doch schon einen Kombilohn“, sagt Reiner Haseloff, Staatssekretär im Magdeburger Wirtschaftsministerium. Mehr als 1000 neue Jobs seien so schon entstanden. Haseloff ist stolz auf die Pionierrolle des Landes. Sachsen-Anhalt hatte 2005 zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern bundesweit die höchste Arbeitslosenquote.

Kombilöhne könnten ein Ausweg aus der Misere sein. Drei Millionen neue Jobs deutschlandweit sieht der sächsische CDU-Ministerpräsident Georg Milbradt schon am Horizont. Er beruft sich auf eine Studie des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Sein Kollege aus Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, ist nach knapp einem Jahr praktischer Erfahrung mit dem Instrument vorsichtiger. Einige Zehntausend, schätzt er, könnten durch Kombilöhne in sozialversicherungspflichtige Jobs gebracht werden. Für Sachsen-Anhalt rechnet Staatssekretär Haseloff mit rund 5000 neuer Stellen in den nächsten ein, zwei Jahren.

Das Einstiegsgeld sei zwar kein Allheilmittel, aber immerhin ein guter Ansatz, sagt Haseloff, um Geringqualifizierte und andere schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose wieder einzugliedern. Die Angst der Gewerkschaften, durch solche subventionierten Billiglohnjobs würde reguläre Arbeit verdrängt, habe man bedacht. Einstiegsgeld bekommt ein Arbeitnehmer, wenn sein Arbeitgeber eine neue Stelle geschaffen hat. Außerdem ist der Zuschuss begrenzt auf zwei Jahre. Danach soll der Arbeitnehmer sich so weit qualifiziert haben, dass er für den Betrieb unentbehrlich geworden ist.

Bei Rolf Kissmann scheint das zu funktionieren. Für seine derzeitige Arbeit braucht er keine besondere Qualifikation. Er kehrt den Fabrikhof der Bagom Industrie GmbH, kümmert sich um den Müll oder erledigt kleinere Reparaturarbeiten – was eben so anfällt in einem Betrieb. Viel Geld verdient Kissmann damit nicht: 1000 Euro, mehr kann sein Chef Wolfgang Kirchner nicht aufbringen. Aber Kissmann zahlt jetzt Steuern und Sozialabgaben wie die anderen 70 Angestellten von Bagom in Gommern auch. Und er bekommt zusätzlich 165 Euro Einstiegsgeld vom Staat.

Kissmann ist groß und kräftig, mit breiten Händen, die zupacken können, und einem wilden Schopf leicht angegrauter Haare. Wenn er leise in seinen buschigen Schnauzer nuschelt: „Ich hätte auch für nüscht gearbeitet“, ahnt man, wie sehr er so eine Chance herbeigesehnt hat. Zum Nichtstun war der 42-Jährige lange genug verdammt, nachdem die Firma, in der er 17 Jahre als Maurer arbeitete, pleite gegangen war. Seit 1996 auf Jobsuche, pendelte er drei Jahre lang in den Westen, nach Hannover, ließ Frau und zwei Kinder die Woche über allein; von Dauer war auch das nicht. Mit dem neuen Job ist nun seit ein paar Wochen die Hoffnung zurückgekehrt. Wenn alles weiter gut läuft, könne er bleiben, sagt Geschäftsführer Kirchner. „Eine Stelle als Strahler hätte ich zu besetzen, wenn er es schafft, sich dafür zu qualifizieren.“ Interesse daran hat Kissmann schon angemeldet.

In der angrenzenden Kreisstadt Schönebeck ist ein Fünftel der 30 000 Einwohner ohne Arbeit. Einst bekannt für ihre Chemie- und Farbenwerke, sind hier seit der Wende rund 15000 Industriearbeitsplätze weggefallen. Viel Neues ist nicht entstanden, etwas Tourismus und ein, zwei Neuansiedelungen. Im Industriegebiet Grundweg zeugen viele halb verfallene Gebäude von der einst brummenden Arbeiterstadt. Nun parken die meisten Autos vor dem pleite gegangenen Gummiwerk. In dem sitzt heute die Kommunale Beschäftigungsagentur, die KoBa. „Diese Arbeitsplätze kommen nie wieder, damit müssen wir leben“, sagt Hartmut Nothdurft, als KoBa-Betriebsleiter zuständig für die Schönebecker Langzeitarbeitslosen. Mit den alten Rezepten sei man nicht weit gekommen, nun seien neue Ansätze gefragt. Was Nothdurft durch „hartnäckiges Klinkenputzen“ erreicht hat, ist für Sachsen-Anhalt vorbildlich. Von den mehr als 1000 durch das Einstiegsgeld neu geschaffenen Jobs sind hier seit April letzten Jahres 137 entstanden.

Jeder vermittelte Langzeitarbeitslose ist ein Erfolg, sagt Nothdurft immer wieder zu sich selbst. „Unsere Kunden“, so nennt er die Arbeitslosengeld-II-Empfänger, „bekommen durch das Einstiegsgeld eine Chance, für sich zu werben.“ Ob sie diese nutzen, liege dann an ihnen.

Cornelia Belling und Rolf Kissmann zumindest versuchen es.

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