Zeitung Heute : Wenn alle Kreativität einfach umsonst ist

REINHART BÜNGER

Noch senden sie unter Ausschluß der breiten Öffentlichkeit: Internetradios dienen ihren Betreibern als Marketinginstrument, ihre Hörer sind mitunter belächelte Internet-Freaks, die sich von der oft quäkenden Tonqualität und dem umständlichen Herunterladen der Programme nicht abschrecken lassen.Spätestens mit der Verbesserung der Übertragungsbandbreiten ist damit Schluß: Bald wird es möglich sein, komplette Sendungen über e-mail zu verbreiten.

Zukunftsmusik ist indessen schon heute im Netz präsent - zu Lasten der Komponisten und Autoren, deren Werke auf immer Wiederhören im Netz der Netze verschwinden.Recherchen dieser Zeitung ergeben, daß das WWW für die Komponisten und Autoren derzeit ein Netz ohne doppelten finanziellen Boden ist: Sie erhalten von den Rundfunkstationen in der Regel mittelbar eine Abgeltung für die Ausstrahlung ihrer geistigen Produktionen über die gute alte Antenne, Regelungen für den Versand von urheberrechtlich geschützten Werken über das Netz der Netze sind aber die (individuelle) Ausnahme.Die Fragen des Urheberrechts im Internet sind international nicht einheitlich, nicht eindeutig geregelt.So wird sich ein eintägiges Symposion am 6.März in der Berliner Akademie der Künste unter dem Titel "Kreativität ist nicht umsonst - Urheberrecht in der Informationsgesellschaft" mit den Fragen des Urheberrechts angesichts von Internet und Digitalkopie beschäftigten.Welchen monetären Nutzen etwa Komponisten heute allein von der Aussendung ihrer Werke im Internet haben, weiß derzeit auch die Gesellschaft für Musikalische Aufführungs- und Mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) nicht genau zu sagen.

Nach dem Hamburger Cyberradio will der Musiksender MTV in der zweiten Jahreshälfte mit einem interaktiven Musikkanal den Betrieb aufnehmen.Über ein Dutzend der 26 Berlin-Brandenburger Radios sind schon im Internet - nun ist auch noch Spreeradio 105,5 dazu gekommen.Der Kölner Fernsehmusiksender Viva möchte ab Montag mit einem "innovativen Internet-Auftritt" endlich "neue Standards" im Bereich der Online-Kommunikation definieren.Zudem gehen mehr und mehr Internet-"radios" auf Sendung, die allein im World Wide Web verbreitet werden: So bietet "bloom - das Musikcafé im Internet" "bloom - das Musikcafé im Internet" Nachwuchskünstlern seit vergangenen Freitag eine für ihre Songs kreierte Website und stellt Musikstücke im RealAudio-Format bereit - ein Sprungbrett, das die Schnittstelle zwischen kleineren Künstlern aus dem Undergroundbereich und der professionellen Musikindustrie überbrücken soll.In diesen Fällen sind die Rechte nicht bereits über eine terrestrische Abstrahlung in Deutschland abgegolten, wenigstens zu einem größeren Teil.

Doch selbst bei den Stationen, die bei der GEMA Meldungen über gespielte Musiktitel abgeben, fehlt eine klare Regelung für die Komponisten und Autoren: "Die GEMA hat mit der ARD noch keinen grünen Zweig gefunden", erklärt Johannes Theurer, Musikchef der Hörfunkstation SFB 4 MultiKulti."Es gibt keinen Vertrag, der die Rechte absichert." Die Verhandlungsführung für eine ARD-Regelung liege beim Westdeutschen Rundfunk (WDR).Bis zum Abschluß zentraler Verhandlungen mit der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) toleriere die GEMA aber, daß von ARD-Stationen Titel ohne gesonderte Vergütungsregelung im Internet gespielt werden."Wir schweben in einem vertragsfreien Zustand, was die Internetnutzung angeht", sagt Theurer.

Im Gegensatz zum SFB-Musikexperten freut sich Stefan Lecher über die diffuse Situation.Lecher ist Vorstandvorsitzender der Cyber Radio AG, die in Hamburg das erste deutsche Internetradio betreibt, das allein über das Netz verbreitet wird."Die GEMA stellt sich tot", sagt Lecher.Die Hörer seines Radios könnten auch in Frankreich wohnen "und das darf die GEMA gar nicht abrechnen".

Die GEMA erklärte dagegen auf Anfrage, daß die von ihr vertretenen Berufsgruppen - Komponisten, Textdichter und Musikverleger - immer Recht haben.Radios im Internet bewegten sich keineswegs im rechtsfreien Raum, sagt Hans-Herwig Geyer, Pressesprecher der Interessenvertretung in München: "Wir haben Rechtsklarheit".Vor der Abstrahlung urheberrechtlich geschützter Werke müsse die Erlaubnis zur Verbreitung von Tonträgern eingeholt werden.Für das Rechtsgebiet Deutschland sei die GEMA Ansprechpartner für die Einspeisung."Das sind noch Individualverträge", gibt Geyer zu, "wir haben noch keinen Online-Tarif." International sei die GEMA aber "mit allen GEMAS der Welt" verbunden.

Zur Situation mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten sagt die GEMA offiziell: "Wir haben Pauschalverträge mit den Sendern." Keine Probleme also mit dem Urheberrecht im Internet? Doch, doch.Die GEMA zog nach der letzten "Popkomm"-Musikmesse in Köln ein vergleichweises ratloses Resümee mit Blick auf die Urheberrechtsfragen in Digitalien: "Wie lassen sich Internet- und Online-Angebote in das urheberrechtliche Gefüge der internationalen Musikbranche integrieren?", fragte sich die Urheberrechtler in ihren GEMA-Nachrichten nach Besichtigung verschiedenener Popkomm-Panels zum Thema."Wir haben die Piraterie, wir haben eine völlig neue Dimension der Kontrolle, denn es geht um die lizenztechnische Durchsetzung der Interessen", beschreibt GEMA-Sprecher Geyer die konkreten Schwierigkeiten.Die neue Internet-Technik müsse nun auch der Kontrolle dienen; die GEMA habe eine Arbeitsgruppe gebildet, die durch das Netz browst.

Ein besonders schwieriges Geschäft: Cyberradio-Betreiber Lecher weiß zum Beispiel gar nicht zu sagen, wieviele Hörer sein Internetradio tatsächlich hat.Das Programm wird im "Multicast" verbreitet - das heißt, es wird ein Signal in das Netz gesendet, das sich jeder Interessierte "abgreifen" kann.Die "Backbone-Betreiber" behandeln die Zahl der Zugriffe indessen als Firmengeheimnis.

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