Zeitung Heute : Wenn das Wassernetz aus dem neuen Loch pfeift

Werden Lecks nicht auf Anhieb gefunden, kann ein gutes Gehör helfen. Detlef Fenske und Michael Will sind die Zwei von der Störungsstelle

Judith Jenner
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An der Quelle. Michael Will öffnet den Deckel zum Anschlussventil. Detlef Fenske wartet mit einem Metallkreuz. THW-Mitarbeiter...

Im Aufenthaltsraum der Berliner Wasserbetriebe in der Melchiorstraße in Mitte hängen aufrüttelnde Bilder an der Wand: Rohre in tiefen Baugräben, in denen riesige Löcher klaffen. Innenansichten von Rohren mit Metallablagerungen, die Tropfsteinhöhlen gleichen. Zum Glück finden Michael Will und Detlef Fenske von der Entstörungsstelle so etwas selten vor, wenn sie mit ihrem Einsatzwagen unterwegs sind.

„Meist sind es kleinere Lecks“, sagt Fenske. Die können etwa bei Bauarbeiten entstehen, wenn ein Bagger eine Trinkwasserleitung trifft. Die Aufgabe des Entstörungsteams ist es dann, schnell das Rohr zuzusperren, um zum Beispiel eine Überschwemmung der Fahrbahn zu verhindern. Wenn sie über ihre Leitstelle erfahren, dass die Situation gefährlich werden könnte, schaltet Michael Will auch schon mal das Blaulicht an. Er ist Rohrleger und Kraftwagenfahrer, Detlef Fenske Polier oder Neu-Deutsch: Bauleiterassistent.

„Wenn wir das Rohr absperren, bedeutet das, dass ein ganzer Straßenblock von einer Ecke zur nächsten kein Wasser hat“, sagt Fenske. Kein Wunder also, dass sie nicht immer nur freudig empfangen werden. Ein Kneipier hat beiden schon mal Schläge angedroht. Zum Glück waren die Kollegen von der Polizei gleich in der Nähe.

Ein Funkwagen oder die Feuerwehr sind meist schon da, wenn Detlef Fenske und Michael Will anrücken. So ist es auch bei ihrem ersten Einsatz an diesem sonnigen November-Nachmittag. Der Notruf kommt aus einem Neubau an der Wilmersdorfer Straße. Im Lift-Schacht des Geschäftshauses steht Wasser. Das hat der Fahrstuhlbauer bei einer Routine-Wartung festgestellt. Nun gilt es zu klären, woher das Wasser kommt und ob die Berliner Wasserbetriebe zuständig sind. Das Technische Hilfswerk pumpt bereits, die Heizungsfirma ist angerückt und auch die Baufirma wird erwartet.

Auch zwei große Umzugslaster stehen am Einsatzort, denn eigentlich wollte eine Dialyse-Praxis heute ihre neuen Räume in dem Gebäude beziehen. Durch den Wasserschaden müssen die Ärzte und ihre Maschinen vorerst vor der Tür bleiben. Sie hoffen, dass sie den Praxisbetrieb trotzdem rechtzeitig aufnehmen können. Ohne Wasser funktionieren die künstlichen Nieren nicht.

Detlef Fenske und Michael Will machen sich ein erstes Bild von der Lage. Sie prüfen, ob das Wasser klar oder brackig aussieht und von wo es eindringt. „Ist der Schaden hinter dem Zähler, ist er Sache der Hausverwaltung“, sagt Fenske. Im Keller des Hauses sehen sie keine Anzeichen dafür, dass das Wasser aus den Trinkwasserleitungen kommt. Aber um auf Nummer Sicher zu gehen, prüfen sie auf der Straße die Schieber und Anschlussventile. Die Schieber befinden sich unter unscheinbaren kleinen Deckeln im Straßenbelag. „Wenn es gut läuft, ist ihre Position durch Schilder an der Hauswand gekennzeichnet“, sagt Fenske. Wenn es schlecht läuft, beginnt für ihn und seinen Kollegen eine nervenaufreibende Such-Aktion, bei Schnee unter erschwerten Bedingungen.

An der Wilmersdorfer Straße finden sie die Deckel leicht. Zum Glück stehen weder der türkische Obststand noch die rumänische Blaskapelle drauf, die gerade die Fußgängerzone beschallt. Michael Will öffnet den Deckel mit einem Haken, dann schiebt Detlef Fenske ein Metallkreuz in das Loch und hält sich das horizontale Ende ans Ohr. Die Passanten schauen ungläubig, aber Fenske schwört auf die Methode. „Wenn Wasser austritt, höre ich auf diese Weise ganz deutlich ein Pfeifen“, sagt der Polier. Wie er und sein Kollege erwartet hatten, pfeift es nicht. Weder am ersten Ventil, noch an den umliegenden Schiebern. Der Fehler liegt also nicht bei den Berliner Wasserbetrieben. „Vielleicht ist Regenwasser in den Keller eingedrungen“, sagt Fenske.

Während für die anderen am Bau beteiligten Handwerker die Fehlersuche weitergeht, schwingen sich Will und Fenske wieder in ihren Mercedes-Bus. Fenske fertigt ein Protokoll des Einsatzes an und gibt es per Handy der Leitstelle durch. Im Laderaum des Autos befinden sich Ventile und Schlüssel in verschiedenen Größen, Werkzeug und Hütchen und Lampen zum Absperren. Für die meisten Reparaturen werden Kollegen oder externe Firmen beauftragt, aber kleine Schäden können Fenske und Will beheben.

Weil erst einmal kein neuer Not-Einsatz wartet, stehen für Detlef Fenske und Michael Will Routine-Aufgaben an. Sie kontrollieren Anschlüsse oder sammeln Zapfstellen ein. Das sind mobile Hydranten, die bei einer Sperrung die Wasserversorgung gewährleisten. „Die Anwohner können sich daraus mit Eimern und Töpfen versorgen, so lange sie kein fließendes Wasser im Haus haben“, erklärt Fenske.

Der Entstörungsdienst der Berliner Wasserbetriebe ist rund um die Uhr besetzt. Zwei Autos sind gleichzeitig im Einsatz, eins eher im Ost-, eins im Westteil der Stadt. Die Teams wechseln sich in drei Schichten ab. Erfahrungsgemäß passiert wochentags in der Frühschicht am meisten, weil dann auch auf Baustellen gearbeitet wird. „Rohre lecken vor allem dann, wenn es anfängt zu frieren und wieder taut, also wenn die Erde arbeitet“, sagt Fenske.

Er ist seit 1973 bei den Berliner Wasserbetrieben und war bei einigen Großeinsätzen dabei. Zum Beispiel als die Stadtautobahn vor einigen Jahren überspült wurde. „Wir konnten das Wasser schnell stoppen“, erinnert sich Fenske. Chaos gab es trotzdem, weil die Autos, die sich bereits mehrere Kilometer weit gestaut hatten, auf der Autobahn umdrehen mussten. Er war auch dabei, als in der Triftstraße ein Rohr platzte und zwei parkende Autos in die Grube sanken.

„Ich mag an meiner Arbeit, dass ich nie vorher weiß, was während der Schicht passieren wird“, sagt Michael Will. Ein Büro-Job wäre nichts für den 47-Jährigen, der Gas-Wasser-Installateur gelernt hat. Oft bekommt er von der Leitstelle nur minimale Informationen und muss sich dann mit seinem Kollegen vor Ort ein Bild von der Lage machen. Dabei hilft die jahrelange Erfahrung. Außerdem mag er den direkten Kontakt zu den Menschen und das gute Gefühl, zu helfen. „Wenn wir den Schaden schnell beheben und es die Leute dann zum Beispiel noch ins Theater schaffen, freuen die sich - und wir uns auch.“

Der Entstörungsdienst der Berliner Wasserbetriebe: Tel. : 0800–292 75 87.

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