Zeitung Heute : Wenn der "Doppelklick" zum Hindernis wird

KURT SAGATZ

Wenn der "Doppelklick" zum Hindernis wirdDer Umgang mit den neuen Medien stellt die Schule vor Probleme / Mangelnde Ausbildung der Lehrer ist ein erhebliches MankoVON KURT SAGATZ

Das größte Hindernis auf dem Weg in die Informationsgesellschaft ist nicht selten der Umgang mit der Maus.Da scheitern erste Versuche, ein Programm zu starten, nicht selten am "Doppelklick", und mitunter herrscht ratlose Verwirrung, ob nun die linke oder rechte Maustaste betätigt werden muß, um dem Computer die richtigen Anweisungen zur Ausführung einer Aufgabe zu geben.Doch diese Schwierigkeiten sind Julian Affeldt vom Berliner Computertrainings-Unternehmen SPC, das seit März dieses Jahres auch spezielle Kurse für Lehrer anbietet, bekannt, und er weiß, wie er damit umzugehen hat. Die neuen Medien haben die Schule zwar nicht gänzlich unvorbereitet, aber dennoch auf dem falschen Fuß erwischt.Nicht nur, daß wegen der Finanznot der öffentlichen Hand die Ausstattung mit Hard- und Software weit hinter den Bedürfnissen hinterhinkt, auch für die Lehrer selbst ist der Umgang mit PC und Maus, mit Multimedia-Anwendungen und Online-Diensten in der Mehrzahl - und nicht selten altersbedingt - Neuland. Häufig fehlen elementare Grundkenntnisse, weiß Computertrainer Affeldt, der selbst ausgebildeter Erdkundelehrer ist.Am Anfang der Kurse wird deshalb zuerst einmal versucht, den Teilnehmern die Angst vor dem Rechenknecht zu nehmen.Bei SPC erfüllt diese Aufgabe ein entsprechend vorbereiter Computer, der ohne größere Schwierigkeiten auseinander- und zusammengebaut werden kann."Wenn man erst einmal selbst ein Diskettenlaufwerk oder eine Festplatte in der Hand gehabt hat, erkennt man später bei der Benutzung der Programme die entsprechenden Symbole auch besser", konnte Affeldt feststellen. Da am Anfang besonders die grundsätzlichen Dinge schwerfallen, wird zum Beginn eines Kurses auch das Ein- und Ausschalten des Computers mehrfach geübt, bevor es später um die tieferen Einblicke in die Materie geht und Texte verfaßt sowie Arbeitsbögen entworfen werden. Die Fort- und Weiterbildung der Lehrer gehört in die Zuständigkeit des Dienstherren und somit des Landes Berlin.Studium und Referendariat schließen nur die Ausbildung mit klassischen Medien wie Film, Video und Folienpräsentation ein, auch wenn Lehramtsanwärter wie die übrigen Studenten mittlerweile verstärkt Computer im Studium benutzen.Auf dem Lehrplan steht der Umgang mit den neuen Medien jedoch nicht, dies wird zur Fortbildung der Lehrer gerechnet.Zuständig dafür sind das Berliner Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung und Schulentwicklung, kurz BIL genannt, sowie die Landesbildstelle, die eine "Beratungsstelle für Informationstechnische Bildung und Computereinsatz in der Schule - BICS" unterhält. Allerdings hat auch hier der Rotstift zugeschlagen, wie die Senatsschulverwaltung unlängst in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Abgeordnetenhaus, angestoßen von der PDS-Abgeordneten Elke Baum, einräumte.Eine Ausweitung der Fortbildung sei nicht mehr leistbar, weil seit dem letzten Schuljahr nur noch neun Lehrerstellen dafür zur Verfügung ständen, so Staatssekretär Klaus Löhe.Ein Jahr zuvor waren es immerhin noch viereinhalb Stellen mehr gewesen. Obwohl sich der technologische Wandel gerade im Bereich der Medien eher noch beschleunigt und selbst das gerade erst erworbene Wissen über den Umgang beispielsweise mit dem Internet eine Halbwertszeit von nicht einmal einem Jahr hat, wird die Lehrerfortbildung erschwert.Doch wie sollen die Lehrer den Schülern die geforderte Medienkompetenz vermitteln, wenn sie selbst keine Möglichkeit haben, sich weiterzubilden, wenn Schulleiter darum kämpfen müssen, einen zweiten Telefonanschluß für Online-Recherchen zu erhalten, weil mit der ersten Leitung aus Kostengründen möglichst keine Gespräche nach außen geführt werden sollen? Die einzige Antwort darauf heißt derzeit wohl Eigeninitiative.Dies gilt auch für die SPC-Kurse, denn die Kosten von bis zu 210 Mark für die sechs Stunden des Kurses müssen aus eigener Tasche bezahlt werden.Eine Kostenübernahme - auch anteilig - wird von Senat oder Arbeitsamt abgelehnt. Daß seit dem Frühjahr bereits zehn Kurse mit insgesamt 60 Teilnehmern, übrigens in der Mehrzahl Grundschullehrerinnen, stattfanden und auch im neuen Schuljahr bereits die ersten Kurse gebucht wurden, ist immerhin ein gutes Zeichen, auch wenn damit das eigentliche Problem nicht gelöst werden kann. Doch es fehlt nicht allein Geld, auch bei den Konzepten zur Qualifikation der Lehrer herrscht Nachholbedarf.Abhilfe kann möglicherweise ein Projekt schaffen, das von der Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin (TSB) angestoßen wurde.Exemplarisch durchlaufen je zwei Lehrer aus 30 ausgewählten Berliner Grund- und Hauptschulen den "T.I.M.E for future"-Kurs bestehend aus insgesamt 112 Lehreinheiten.T.I.M.E steht für Telekommunikation, Informationstechnik, Multimedia und Entertainment, für deren Verbreitung sich rund 30 Berliner und Brandenburger Unternehmen und Institutionen in der ProT.I.M.E-Initiative zusammengeschlossen haben. Zu den Lehrinhalten des Kurses, die das Institut für Technische Weiterbildung (ITW) gestaltet hat, gehören neben der Vermittlung von Grundkenntnissen zu Hard- und Software auch didaktische Elemente.Am Ende sollen die Lehrer die moderne Multimedia-Welt im Schulalltag effektiv einsetzen können.Es ist geplant, daß die Ergebnisse der Pilotkurse anschließend an die Berliner Lehrerfortbildungs-Einrichtungen übergeben, damit auch die übrige Lehrerschaft davon profitieren kann. Bei der Konzeption der Schulung hatte das ITW auch entsprechende Kurse für bereits computer-versierte Lehrer ausgearbeitet.Dabei hatten die Weiterbilder jedoch etwas zu viel vorausgesetzt, erläuterte Geschäftsführer Hartmut Theusner.Beim ersten Treffen der 60 Lehrer Anfang August stellte sich heraus, daß weniger als eine Handvoll über mehr als Grundkenntnisse verfügten.Der "Doppelklick" hat halt immer noch seine Tücken.

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