Zeitung Heute : Wenn der gute Ruf gefährdet ist

DANIEL RHEE-PIENING

Bankern sagt man nach, daß sie in ihrer Mehrzahl das grelle Rampenlicht scheuen.Die Herren in den dunklen Anzügen wickeln ihre Geschäfte lieber in schallgedämpften Räumen ab.Seriosität, Diskretion und nicht die Marktschreierei sind die wichtigsten Grundlagen des Geschäfts.Doch dieses Bild verblaßt - nicht erst seit der Verhaftung des Vorstandssprechers der Berliner Volksbank, Ulrich Misgeld, am Mittwoch.Berlin, obwohl nicht Bankenhauptstadt Deutschlands, scheint bei der Demontage des Rufs des Kreditgewerbes an der Spitze stehen zu wollen.Lange Zeit spielte zwar die Bankgesellschaft mit ihrer Berliner Bank in diesem Drama die Hauptrolle.Doch diese Führung wird dem Berliner Konzern jetzt von den ortsansässigen Volksbanken streitig gemacht.Diese Institute, in der Öffentlichkeit nicht selten als behäbig und ein bißchen provinziell wahrgenommen, drängen in die Schlagzeilen wie die Großen.Der Fast-Zusammenbruch der Grundkreditbank, die Zwangsfusion der Köpenicker Bank mit eben der jetzt maladen GKB waren nur der Anfang.

Jetzt scheint das Stück erst richtig zu beginnen.Mit der Verhaftung - und eine Verhaftung setzt immerhin die Entscheidung eines Richters voraus - von Ulrich Misgeld wird erstmals einem Banker nicht berufliche Unfähigkeit vorgeworfen, sondern ein strafrechtlich relevanter Tatbestand.Daß die Staatsanwaltschaft gleichzeitig die Flucht des Beschuldigten befürchtet und auch darin vom Richter bestätig wird, deutet auf die Schwere der Vorwürfe: Kredite an einen bekanntermaßen klammen Bauträger zu vergeben, um sich an dessen Fondszeichnern schadlos zu halten, ist - wenn sich der Verdacht erhärtet - dem Ruf einer Bank nicht nur schädlich, es ruiniert ihn.Zudem ist es nicht das erste Mal, daß die Staatsanwaltschaft Vorwürfe gegen Misgeld erhebt.Immerhin wurde vor nicht allzulanger Zeit ein Verfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zum Subventionsbetrug gegen ihn eingestellt.

Misgeld kann im Augenblick jede Publizität gebrauchen, nur nicht eine solche.Er ist - oder war? - einer der Anwärter auf den Chefstuhl einer neuen, fusionierten, großen Berliner Genossenschaftsbank, die aus Grundkreditbank, den Resten der Köpenicker Bank und eben der Berliner Volksbank gebildet werden soll.Der ehemalige Deutsch-Banker, der 1992 in den Vorstand und 1995 auf den Chef-Sessel der größten deutschen Volksbank wechselte, rechnete sich gute Chancen aus.Ihm fehle allerdings der Stallgeruch der Genossen, sagen seine Kritiker.Misgeld und seine Vorschläge für eine Fusion sollen dagegen die Rückendeckung des Genossenschaftsverbandes Hannover-Berlin, der auf ein Zusammengehen drängt und ihm zustimmen muß, genießen.Sein Kontrahent ist Karl Kauermann.Der selbstbewußte GKB-Chef gilt als Favorit der Berliner Politik.Ihm wird nachgesagt, die Position an der Spitze sei nur ein Sprungbrett.Ein Sprungbrett für höhere Aufgaben, in der Politik oder gar der Bankgesellschaft? Auch hier kocht die Gerüchteküche heftig.

Die Verhaftung von Misgeld wirft nun neue grundsätzliche Fragen auf.Kann ein Banker mit solcher Vorgeschichte das Vertrauen der Kunden erhalten? Hat er Rückhalt bei den eher noch kritischeren mittelständischen Genossen? Bringt er, auch wenn er rehabilitiert werden sollte, das notwendige Gewicht in die Waagschale, um ein schlagkräftiges Institut zu formen? Parallelen zur Fusion von Thyssen und Krupp drängen sich auf.

Jedenfalls wird der neue Mann an der Spitze der Berliner Genossenschaftsbanken erhebliche Autorität brauchen, gleicht doch das Gebiet, auf dem die Institute derzeit tätig sind, einem Trümmerfeld.Angesichts der harten Konkurrenz auf dem Berliner Markt, der Zersplitterung der Genossen und des Drangs gebietsfremder Institute an die Spree, müssen an der Spitze einer neuen Bank schnelle und weitreichende Entscheidungen getroffen werden.Misgeld kann nur darauf hoffen, daß es mit dem Standesdünkel der Banker eben nicht mehr weit her ist.Im Massengeschäft, und dies betreiben die Genossenschaftsbanken in erster Linie, ist längst nicht mehr der Privatbankier britischen Zuschnitts, sondern der kühle Rechner gefragt.Das ist Misgeld.Ob er das Aushängeschild einer Hauptstadt sein kann, hängt von seinem Erfolg ab.Bei Erfolg waren die Berliner bisher nachsichtig.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar