Zeitung Heute : Wenn der Himmel explodiert

NAME

Von Gideon Heimann

Sieben Todesopfer, zahlreiche Verletzte, über 1000 beschädigte Bäume, zerstörte Autos und Gebäude: Dass es auch in Berlin und Brandenburg so schlimm würde, das konnte sich offenbar niemand vorstellen. Dabei hatten die Meteorologen schon am Nachmittag rechtzeitig und deutlich vor dem herannahenden Unheil gewarnt. Und Hinweise darauf, was da droht, gab es genug: Schon in der Nacht zu Mittwoch hatte der abrupte Wetterwechsel vor allem mit seinen Starkregen erhebliche Schäden angerichtet, in Bayern, aber auch bis nach Hamburg und Schleswig-Holstein hoch.

Doch die Heftigkeit, mit der sich die Gewalten hier austobten, ging über das übliche Maß weit hinaus. Windgeschwindigkeiten bis 152 km/h wurden gemessen, auf der Beaufort-Skala entspricht das der Windstärke 12, in Worten: Orkan (118 km/h und mehr). Anfällig für solche Stürme sind vor allem die Atlantik-Anrainer: Mit vergleichbarer Kraft fegten zum Beispiel Ende Oktober 2000 die Sturmtiefs „Nicole“ und „Oratia“ über England und Frankreich. Und schwere Schäden hinterließ das Orkantief „Lothar“, das am 26. Dezember 1999 von Frankreich über Süddeutschland in die Schweiz zog.

Orkan-Stürme sind in Berlin und Brandenburg zwar selten, aber nicht ganz ungewöhnlich. Erwähnenswert sind etwa die Orkane, die am 5. Dezember 1965 sowie am 21. und 23. Februar 1967 („Walpurga“ und „Xanthia“) über die Stadt fegten – zwei Menschen starben. Am 11. März 1971 tobte wieder ein Orkan über Berlin, der ein Todesopfer forderte. Am tiefsten dürfte die Erinnerung an „Quimburga“ sitzen, die am 13. November 1972 viele Schäden auch in Berlin hervorrief – nachdem sie freilich zunächst mit mehr als 200 km/h über Nordwestdeutschland hinweggezogen war und den Harz verwüstet hatte.

Das Unwetter tankte noch auf

Was aber im aktuellen Fall am Mittwoch über Berlin geschah, kam nach Einschätzung von Fachleuten einer Explosion gleich. Denn Auslöser dieser Entladung waren Temperaturgegensätze, die sich im Verlauf des Tages sogar verstärkt hatten – das Unwetter tankte gleichsam noch einmal auf, bevor es sich in der Nacht zum Donnerstag bei uns austobte. „Solche Temperaturunterschiede kennt man eigentlich nur aus den USA“, sagt Thomas Globig von Meteomedia.

Im Osten Deutschlands hatte das schöne Wetter die Temperaturen bis auf 35 Grad Celsius hochgeheizt. Derweil war kühlere Meeresluft, von Westen her kommend, bereits am Mittwochmittag bis an den Rhein gedrungen. In Aachen lagen die Temperaturen schon bei 12 Grad, berichtet Karl-Heinz Nottrodt vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Es war im Osten also über 20 Grad wärmer als im Westen. Die Hitze hier sog den kalten Zustrom auf wie ein Staubsauger. Denn die durch die Sonneneinstrahlung am Boden erhitzte Luft steigt auf. Sie wird dünner, ihr Druck sinkt. So entstand noch am Mittwoch ein eigenständiges Tief über Deutschland, das der kühleren, kompakteren und damit stärker drückenden Luft von Westen her das Tor öffnete.

Schlimmer noch: Das sich gegen den Uhrzeigersinn drehende Tief verstärkte die Tendenzen noch. Denn es schaufelte extrem heiße Luft aus Richtung Mittelmeer zu uns. An der Westseite des Tiefs hingegen wurde die Kaltluft beschleunigt.

Wolken bis in zwölf Kilometer Höhe

Interessant und gefährlich zugleich ist jene Grenze, an der sich kalte und warme Luft begegnen. Denn hier kommt es zu starken vertikalen Turbulenzen. Wolken können sich bis in zwölf Kilometer Höhe auftürmen, in ihrem Inneren Auf- und Abwärtsgeschwindigkeiten von 100 km/h und mehr erreichen. Und da die Temperatur (als Durchschnittswert) pro 100 Meter Höhe um ein Grad abnimmt, kondensiert die Feuchtigkeit der Warmluft zu Wassertröpfchen, wodurch weitere, riesige Energiemengen freigesetzt werden.

Doch nicht nur das. Die Tröpfchen gefrieren weiter oben zu Eiskristallen. Von den Winden immer wieder hoch gerissen, ballen sich Hagelkörner zusammen, die – wie jetzt etwa in Hameln – die Größe von Hühnereiern erreichen. Zudem vergrößert das Hin und Her in den Wolken die elektrische Ladung, bis Blitze über den Himmel zucken.

Wie aber kommen so krasse Gegensätze überhaupt zustande? Der Motor für das globale Wetter ist die Sonne, die am Äquator am stärksten heizt. Derweil ist es an den Polen bitterkalt, selbst in den Polarsommern reicht die Kraft der Sonne nicht, um in wenigen Monaten all das aufzuholen, was auf die Tropen beständig herunterbrennt.

Die Wärme will sich ausgleichen, warme Meeres- und Windströmungen ziehen vom Äquator Richtung Norden. Sie werden auf ihrem Weg zwar abgelenkt, bringen dabei aber Untersysteme in Bewegung – für uns sind derzeit die „Klimakämpfe“ zwischen subpolarer Kaltluft und subtropischer Warmluft bedeutsam. Da ihre „Frontlinie“ fast genau über uns liegt, bleibt es hier wechselhaft. Dauerhaft schön wird es hier meist nur dann, wenn sich die Wärme aus den Subtropen schon im Frühsommer den Weg nach Norden freigekämpft, ihr Terrain über uns abgesteckt hat.

Aber verheerende Wetterlagen, die eine Spur der Verwüstung hinterlassen, melden die Nachrichtenagenturen auch aus Japan und Taiwan. So hat der Sturm „Chataan“ auf den Philippinen und in Mikronesien mehr als 70 Menschen das Leben gekostet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben