Zeitung Heute : Wenn der Kühlschrank alles kontrolliert

Das intelligente Haus bleibt noch Zukunftsmusik – aber einzelne Bereiche werden zunehmend vernetzt

Ulrike Heitmüller

Was macht eigentlich das vernetzte Haus? Jenes Wunderwerk der Technik, in dem sich der Backofen Rezepte merkt, der Kühlschrank seinen Inhalt selber ordert und der Rasenmäher den Rasen ganz allein mäht?

Vor zwei Jahren hat die Industrie solche Erfindungen groß angekündigt, im letzten Herbst traf sich die Branche der Hausvernetzer zur Kongressmesse „e / home“ auf dem Berliner Messegelände. Von welchen Erfindungen wird nach wie vor bloß geredet, welche sind inzwischen auf dem Markt?

Zwei Tendenzen wurden deutlich: Erstens sind in den vergangenen Jahren ganz unterschiedliche Systeme entstanden, die ein Haus vernetzen können: Sie funktionieren per Kabel oder per Funk, mit Hausgeräten wie Computer oder Fernseher, oder auch über ein Extra-Gerät. Doch sind die Systeme und Einzelgeräte oft nicht miteinander kompatibel. Außerdem konnte sich bislang kein Konzept wirklich durchsetzen, die Branche erfindet in Bahnen, die sie sowieso schon kennt. So soll die Zentrale für das Vernetzungssystem Miele@home ein Computer im Küchenschrank werden, Loewe dagegen baut sie in einen Fernseher ein.

Radio mit Internet-Anschluss

Die zweite Tendenz: Sieger der Vernetzungswelle sind Einzelgeräte, die gar nicht Teil eines umfassenden, sondern eines kleinen Vernetzungssystems sind. Viele Geräte funktionieren nicht mehr mechanisch, sondern elektronisch und können so leichter in Mikrosysteme integriert werden. Oftmals haben sie zusätzliche Funktionen, zum Beispiel ein Radio erhält Internet-Anschluss und Schlüssel öffnen mit „Transpondertechnologie“ gleich mehrere Schlösser.

Zum Beispiel im Bad: Das soll auch in Zukunft selbst im intelligenten Haus nicht mit dem Internet vernetzt sein: Von außen braucht man schließlich weder die Toilettenspülung noch den Wasserhahn zu bedienen. Doch auch das Bad wird elektronisch.

Jeder kennt von öffentlichen Toiletten Wasserhähne, die man bedienen kann, ohne sie berühren zu müssen: Sensoren öffnen den Wasserzulauf, wenn sich eine Hand nähert. Auch in einer Privatwohnung sind sie praktisch, wenn die Kinder ihre Hände wieder einmal besonders schmutzig gemacht haben, weil sie im Matsch gespielt haben.

„Der Sanitär-Bereich ist der zentrale Bereich des menschlichen Wohn- und Lebensumfeldes“, heißt es bei Geberit. Das Unternehmen stellt sanitäre Anlagen her, da muss es so etwas wohl sagen. Hier erforscht man auch weitere Technologien.

Wer am Morgen ins Bad geht, soll in Zukunft bloß eine Taste mit seinem Namen drücken – die Armaturen im Bad der Zukunft können so programmiert werden, dass sie für jedes Familienmitglied automatisch dessen Lieblingstemperatur und -Beleuchtung einstellen.

Auch die Küche könnte so ein Mikrosystem werden. Bis der Geschirrspüler den Kundendienst selbst anruft und die Fehlerdaten durchgibt, dürfte zwar noch ein bisschen Zeit vergehen, doch mit dem Besitzer „spricht“ er jetzt schon – selbst, wenn der im Garten die Beine aus der Hängematte baumeln lässt. Das funktioniert zum Beispiel mit „InfoControl“ von Miele. Dies ist eines der ersten Mikrosysteme überhaupt, die auf den Markt kamen. Große Hausgeräte wie Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine werden mit einem Sender ausgerüstet, und ein tragbares Empfangsgerät – etwa so groß wie ein Handy – zeigt, wie weit das Gerät in seinem Programm gerade ist. Als nachträglicher Einbau kostet der Sender 100 bis 125 Euro, der Empfänger 50 Euro. Wer mehrere Geräte mit Sendern ausrüstet, kann sie alle mit einem einzigen Empfänger überprüfen. „Das ist praktisch, wenn im Keller Waschmaschine und Trockner gleichzeitig laufen: Dann muss man nicht ständig die Treppen hinunterlaufen, um nachzuschauen, wann die Geräte fertig sind“, sagt Miele-Pressesprecherin Reinhild Portmann. Nur sehr wenige umfassende Systeme haben es auf den Markt geschafft. Eines der interessantesten trägt den schönen Namen „Butler“. Wie es der Name schon verrät, soll er dienen, und zwar behinderten Menschen. Die brauchen nicht mit dem Rollstuhl durch die Wohnung zu fahren, um die Hausgeräte zu bedienen, sondern sagen zum Beispiel: „Butler, schalte das Licht im Wohnzimmer ein“. Und Lutz Glässner, Vertriebsleiter des Herstellers Castel GmbH, versichert: „Der Butler macht das.“ Es handelt sich nämlich um eine Software, die Sprache versteht, zusammen mit der passenden Elektronik, die an den Hausgeräten die Befehle von der Software umsetzt. Der Butler ist sogar in der Lage, im Notfall den Arzt zu alarmieren. Kleiner Nachteil: Noch versteht er bloß Englisch. Das Unternehmen hat es in Irland auf den Markt gebracht und will jetzt den amerikanischen und den deutschen Markt erobern.

Die Branche der Hausvernetzer sucht noch ihren Markt. Kein Wunder, schließlich ist die Idee erst ein paar Jahre alt. Wie wird es aber aussehen, wenn es viele Systeme und Geräte gibt? Will Otto Normalverbraucher sie überhaupt haben?

Der Job: Wohnen

Die Antwort gibt vielleicht Familie Steiner. Daniel und Ursi Steiner und ihre beiden Kinder leben in einem vernetzten Haus voll technischer Raffinessen, im so genannten „FutureLife-Haus“ am Zuger See in der Schweiz. Der Job des Ehepaares Steiner: Wohnen. Ihr Arbeitgeber: Die Beisheim Holding GmbH. Ihre Aufgabe: Neue Techniken ausprobieren. Manche erst hoch gelobte Erfindungen, berichtet Steiner, entpuppten sich als untauglich für den Alltag, wie beispielsweise der Backofen, der Rezepte lädt und die Zutaten bestellt oder der Kühlschrank, der seinen Inhalt selber ordert. „Wenn ich einen Erdbeerjoghurt herausnehme, bestellt er automatisch Erdbeer nach“, sagt Steiner, „obwohl ich beim nächsten Mal vielleicht viel lieber Nuss möchte.“ Andere Erfindungen sind ein Gewinn für den Hausmann: Ein Rasenmäher, der mit Solarzellen angetrieben wird, avancierte schnell zu Steiners Lieblingsgerät: „Jetzt liege ich im Liegestuhl, während der Mäher ganz allein mäht.“

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