Zeitung Heute : Wenn der Vater mit dem Sohne ...

MARTIN HÄGELE

ST.DENIS .Es dauert ziemlich lange, bis Roberto di Matteo auch auf Deutsch antworten kann.Italiener, Engländer, Franzosen, Spanier, Mexikaner - alle wollen etwas wissen von dem freundlichen Profi vom FC Chelsea.Und das, "obwohl Sie mich am Freitag eher auf der Ersatzbank finden werden".Doch offensichtlich geht mit dem Klassiker Frankreich gegen Italien die WM im Viertelfinale erst richtig los.Zumindest hat es so den Anschein im Städtchen Senlis, nachdem hier das internationale Mediengeschwader eingefallen ist.Dummerweise findet die Pressekonferenz der "Squadra azzurra" in einem Hotel direkt neben dem Friedhof statt.Der Parkplatz aber befindet sich auf der andern Seitte.Und so wuseln die Jäger der Schlagzeilen und heißesten News mit dem Handy am Ohr zwischen den Grabreihen der ehemaligen Bürger von Senlis, ohne Rücksicht auf deren ewige Ruhe.

Es sei sonderbar, sagt Roberto di Matteo später, daß die Ausländer ganz andere Fragen stellen würden als italienische Reporter.Bei Fremden gelte schon die erste fast immer der Familie Maldini.Wie läuft das mit Trainer Cesare und dem Kapitän Paolo? "In jeder Mannschaft hat der Trainer seine Söhne", antwortet Roberto di Matteo dann, "nur bei uns ist es halt so, daß es auch der echte Sohn ist".Ein Kollege von "Rai uno" versucht, diese These zu untermauern: "Der Klinsmann ist doch auch ein Sohn von Berti Vogts." Nur gut, daß der Kapitän des Europameisters diesen Spruch nicht gehört hat.Den Vorwurf, als Protektionskind eines Trainers zu gelten, haßt der Star von heute noch mehr als die Vertreter der alten Generation einst ihre Vaterschaftsklagen.

Was steckt der Junge dem Alten? Klar doch, daß der Papa den Buben immer spielen läßt! Stets hätten Medien versucht, in die Vater-Sohn Beziehung etwas Besonderes hineinzuinterpretieren."Aber das ist nicht so" , sagt di Matteo, "Paolo ist ein Superspieler und unser Spielführer.Für ihn gibt es keine Alternative."

Die Geschichte mit dem Vater als Chef auf der Bank und dem Sohn als dessen Stellvertreter auf dem Platz funktioniert in erster Linie dank der fachlichen und menschlichen Qualitäten des 30jährigen Linksverteidigers so problemlos.Und wenn es unter diesen Voraussetzungen überhaupt ein kleines Handicap gebe, dann "daß der Trainer mit keinem andern während des Spiels öfters schreit und schimpft als mit Paolo", sagt Francesco Moriero.Aber sonst, alles normal.

Gerade das aber gestaltet das Geschäft schwierig für jene Leute, die in der sportlichen Traumfabrik Fußball-WM die große human-touch-story suchen.Sowohl beim Training als auch während der vier Spiele bislang waren mehrere Kamera-Teams angesetzt auf die entsprechenden Gesten.Der Sohn springt dem Vater glücklich um den Hals, ein lieber Klaps, ein Kuß auf die Wange, ein paar Freudentränen.Doch nichts, gar nichts.Papa und Sohn haben die Gefühle bei ihrer Geschäftsbeziehung schon früh geregelt.Der kleine Paolo ist zwar der Sproß eines berühmten Mannes gewesen, immerhin hatte Cesare mit dem AC Milan vier Meistertitel und den Europapokal der Landesmeister gewonnen, außerdem 14 mal für Italien verteidigt.Als Trainer Cesare dann den 18jährigen Filius im U21-Team der "squadra azzurra" debütieren ließ, war dieser beim AC Milan längst Stammspieler.Und als sich ihre Wege zum zweitenmal und in der echten Nationalmannschaft kreuzten (1996), hatte sich der Junior längst seinen Namen als bester Linksverteidiger der Welt gemacht.

Wann und wie verkehren der Beau mit den langen Locken und der viel jünger wirkende 66jährige überhaupt miteinander? Einmal im Monat besuche er mit Frau und der zweijährigen Tochter sein Elternhaus.Bei Treffen innerhalb der Großfamilie (Paolo hat noch fünf Geschwister) aber gelte ein ungeschriebenes Gesetz: "Über Fußball wird nicht gesprochen".Man braucht Extra-Klasse und eine besondere Souveränität, um das Familienverhältnis nicht zu belasten.

Der 28.Februar 1976 sei einer der traurigsten Tage seines Lebens gewesen, hat der frühere Bremer Nationaltorwart Dieter Burdenski unlängst wieder erzählt.An diesem Tag war Vater Herbert bei Werder Bremen gekippt worden.Andererseits "habe ich mich nie so isoliert gefühlt wie zuvor".Denn die Werder-Kollegen hatten ihren Torwart für den "Spion" des Vaters gehalten.Einer, der dem Trainer alles erzählt.

Nochmal zehn Jahre später hat man im Haushalt Schlappner in Lampertheim rechtzeitig eingesehen, daß weder dem Vater noch dem Sohn gedient ist, wenn Volker Schlappner für den SV Waldhof in der Bundesliga verteidigt.Der saß ein paarmal auf der Ersatzbank, übernahm dann aber das elterliche Elektrogeschäft."Daß ich damals die Meisterprüfung gemacht habe, war meine beste Entscheidung", sagt er heute."Das hat mir und dem Vater viel Ärger erspart." Aber Schlappner und Maldini, das sind halt auch im Fußball zwei Welten gewesen.

ZDF - live - 16 Uhr 30: Italien - Frankreich

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