Zeitung Heute : Wenn der Zorn nachlässt

Andrea Nüsse[Bethlehem / Ramallah]

Nach der Pleite rumort es in der Fatah – besonders die Jüngeren begehren auf. Wie geht Abbas’ Partei mit der Niederlage um?


Der Platz vor der Geburtskirche in Bethlehem wirkt wie ausgestorben. Touristen kommen dieser Tage kaum in die Stadt. Plötzlich sind Schüsse zu hören, Menschen öffnen neugierig die Fenster. Junge Männer in Fliegerjacken und Jeans laufen die Straße hinunter, mehrere Dutzend Gestalten sind mit Palästinensertüchern vermummt und schießen mit Kalaschnikows in die Luft: Es ist eine Demonstration gegen die eigene Fatah-Führung. „Das Zentralkomitee muss zurücktreten“, sagt ein Fatah-Aktivist aufgeregt und rennt weiter. Der Zug von etwa 500 Männern zieht an der Polizeiwache vorbei, die Polizisten schauen dem Treiben befriedigt zu: Auch sie sind von der Fatah und suchen nach Verantwortlichen für die demütigende Niederlage bei der Parlamentswahl. In Ramallah stürmen aufgebrachte Fatah-Anhänger am Sonnabend das Parlamentsgebäude, bevor sie zum Amtssitz von Premier Mahmud Abbas zogen. In Gaza gibt es die größten Demonstrationen.

„Die Fatah-Jugend und die bewaffneten Verbände sind zornig“, sagt Dschihad Tumalija. Anders als die zumeist älteren Mitglieder des Zentralkomitees weiß er, was in den Köpfen der jungen Leute vorgeht. Der 34-jährige Fatah-Aktivist leitet den Jugendclub im Amari-Flüchtlingslager bei Ramallah. Er hat als Kandidat Nummer 23 auf der Fatah-Liste einen Sitz im neuen Parlament gewonnen. In Tumalijas Büro sitzen Jugendliche und diskutieren. „In ein paar Tagen wird es ruhiger“, sagt der Mann mit der Ponyfrisur, die ihn wie einen mittelalterlichen Ritter aussehen lässt. „Die Übergabe der Macht ist nicht gefährdet.“ Die protestierenden jungen Leute seien mit der Fatah aufgewachsen, mit einer Fatah an der Macht, sie müssten die Niederlage verdauen. Gleich am Freitag habe man in Ramallah Treffen für die Fatah-Jugend organisiert, um ihr klarzumachen, dass sie stolz sein könnte auf das demokratische Verständnis, das Fatah mit der Organisation dieser Wahlen bewiesen habe. Und dass es nun gelte, die Niederlage zu akzeptieren.

Was Tumalija nicht ausdrücklich sagt: Diese Niederlage war nötig, um die Forderungen der jüngeren Fatah-Generation nach mehr innerparteilicher Demokratie durchzusetzen. Seit Jahren fordern Leute wie der in Israel inhaftierte Westbankführer der Fatah, Marwan Barghuti, Neuwahlen zum Zentralkomitee der Partei. Die jüngsten hatten vor 17 Jahren stattgefunden. Der sechste Fatah-Parteikongress wird seit Jahren verschoben. „Er wird jetzt stattfinden“, ist sich Dschihad sicher, nur ein Datum stehe noch nicht fest. Innerhalb der kommenden zwei Monate würden auf lokaler Ebene neue Fatah-Führungen gewählt.

Warum die jugendlichen Aktivisten von ihrem Zentralkomitee die Nase voll haben, wird deutlich, wenn man bei Hani al Hassan im Wohnzimmer sitzt. Der 67-jährige Weggenosse Jassir Arafats, der zwischendurch Innenminister war, ist Mitglied im Zentralkomitee der Fatah und deren stellvertretender Generalsekretär. Ein freundlicher Mann, der in Darmstadt studiert hat und Bauingenieur ist. Wie viele ältere Männer schwelgt er in Erinnerungen, an die Treffen mit Mao Tse-tung oder die Zeit als Kämpfer in Südlibanon. Von einem Konflikt zwischen alter und junger Garde will er nichts wissen. Er möchte mehr über das Dilemma mit der Hamas sprechen als das Dilemma seiner Bewegung. Die vielen Fatah-Mitglieder, die als Unabhängige kandidierten und die die offiziellen Kandidaten um den Sieg brachten, seien die Schuldigen an der Niederlage. 120 von ihnen wurden am Sonntag aus der Fatah ausgeschlossen. Doch zu den Gründen für die mangelnde Parteidisziplin sagt er nichts. Nabil Shaath, Leiter der Wahlkampagne und ebenfalls Mitglied im Zentralkomitee, gesteht große organisatorische Schwächen ein. „Wir wissen nicht einmal, wie viele Mitglieder Fatah hat“, sagt er in seinem kargen Büro in der Wahlkampfzentrale. „Wenn wir eine Sache von der Hamas lernen können, dann ist es deren Disziplin und effiziente Organisation.“

Der frisch gebackene Fatah-Abgeordnete Dschihad Tumalija kann sich angesichts der Niederlage seiner Organisation nicht richtig über seinen Einzug ins Parlament freuen. Dennoch bemüht er sich, das Wahlergebnis positiv zu sehen. „Zehn Jahre lang haben wir die Fatah vernachlässigt und uns nur um die Autonomiebehörde gekümmert. Jetzt haben wir die Macht verloren und müssen die politische Organisation neu aufbauen.“ Er geht davon aus, dass Fatah-Leute in Ministerien und in Sicherheitsdiensten der neuen Regierung gehorchen werden, „selbst wenn der neue Innenminister, welcher der Polizei vorsteht, ein Scheich sein sollte“. Und vielleicht gebe es ja schon früher als in vier Jahren Neuwahlen, spekuliert er.

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