Zeitung Heute : Wenn die Angst sich niederlässt

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Von Daniel Ben Simon, Jerusalem

Es ist Dienstag und Meir Turjeman, der Vorsitzende des Gemeinderats von Gilo, sitzt in seinem Büro und sieht aus, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. Der Selbstmordanschlag auf einen Linienbus im Jerusalemer Vorort Gilo liegt erst ein paar Stunden zurück, in Turjemans Augen schwimmen Tränen. Seinen Kopf hat er in die Hände vergraben, und am liebsten würde er keinen der Anrufe beantworten, die da ständig auf seinem Mobiltelefon ankommen. Eigentlich hätte im Gemeindezentrum heute Abend eine Party stattfinden sollen, hunderte von Gästen waren eingeladen zur Einweihung des neuen Musikzentrums. Aber dann haben sie das Fest abgesagt. Die meisten der 20 Todesopfer des Busanschlags kamen aus Gilo.

„Ich rede nachher mit dir“, sagt Turjeman zu einem Anrufer. „Ich kann jetzt nicht sprechen.“ Jedes Mal, wenn in Gilo etwas passiert - und seit Beginn der Intifada ist der Ort häufig von der palästinensischen Ortschaft Beit Dschallah aus beschossen worden –, ruft jemand an, um ein paar aufmunternde Worte zu sagen und zu fragen, ob er irgendetwas tun könne. Minister melden sich, Abgeordnete, Bürgermeister, aber auch Menschen, die einfach nur helfen wollen. Von Gilo aus, das auf einem Hügel vor der Hauptstadt liegt, kann man hinübersehen nach Beit Dschallah und nach Bethlehem. Genau wie das Jerusalemer Viertel French Hill, wo einen Tag später, am Mittwoch, eine Bombe hoch ging und acht Menschen tötete, liegt es nah an den palästinensischen Autonomiegebieten, auf einem Gebiet, das nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Israel annektiert wurde.

„Ich habe mich an die Anrufe gewöhnt“, sagt Turjeman. „Die Leute rufen an, weil sie glauben, sie müssten.“ Aber was hilft das? „Wir sind diejenigen, die mit den Toten zurückbleiben und mit dem Kummer. Was soll ich den Familien sagen?“ Einige Eltern wissen an diesem Dienstagnachmittag noch gar nicht, dass ihre Kinder für immer gegangen sind. „Was sollen wir jetzt tun?“, fragt Turjeman, „Wer hat schon die Kraft, das alles durchzustehen?“

Am Schauplatz des Terroranschlags ist bereits alles weggeräumt. Der Ort sieht jetzt sauber aus, fast antiseptisch. Ein Abschleppwagen bahnt sich seinen Weg durch die Dov-Joseph-Straße, hinter sich zieht er einen in sich verdrehten, formlosen Bus an einen unbekannten Ort. Die Sitze sind in Fetzen gerissen, auf dem Wagenboden liegen noch Mineralwasserflaschen, Müll, den die Passagiere dort einst liegen gelassen haben. Die Krankenwagen haben bereits die schwarzen Plastiksäcke mit den Leichen und den aufgesammelten Körperteilen weggebracht. Davor waren die zugedeckten Leichen Seite an Seite aufgereiht worden. Der Größe der Leichen nach zu urteilen, waren unter den Toten viele Kinder.

Wie Flammen, die sich durch ein trockenes Dornenfeld fressen, breitet sich in Gilo ein Gerücht aus. Der Selbstmordattentäter soll die Nacht vor dem Anschlag in Beit Safafa verbracht haben, dem angrenzenden arabischen Dorf. Auch Turjeman hat davon gehört. „Wenn das stimmt, bricht jetzt wirklich das Dach über uns zusammen“, sagt er, „Gott weiß, was wir alles getan haben, um eine gute Nachbarschaft zwischen uns zu erhalten. Wir haben Schüler aus Beit Safafa in unser Musikzentrum aufgenommen, und sie können unser Gemeindezentrum genau so nutzen wie die jüdischen Bürger von Gilo.“

Die Polizei greift ein

Ein paar rechtsgerichtete Ultrareligiöse stacheln am Ort des Anschlags den Hass noch an. „Seht! Seht doch nur“, schreit einer von ihnen und zeigt auf ein paar arabische Bewohner von Beit Safafa, die hierher gekommen sind. „Sie verteilen Süßigkeiten!“, ruft er. Daran könne man sehen, wie sehr sich die Leute aus Beit Safafa über den Anschlag freuten. Die Hetze zeigt Wirkung. Immer mehr Juden laufen jetzt zusammen und schleudern den Arabern Beleidigungen entgegen. Die Polizei muss eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern.

Ali Ayub, ein Kommunalpolitiker aus Beit Safafa, traut seinen Augen nicht, als er die wütenden Bewohner von Gilo sieht. „Die Bewohner von Beit Safafa sind doch gekommen, um sich mit den Opfern des Terrors zu identifizieren“, sagt er. „Wir haben ja auch Vermisste, die in dem Bus waren. Vielleicht sogar Tote.“ Und Ayub fügt kopfschüttelnd hinzu: „Die Menschen können nicht mehr klar denken in diesen wahnsinnigen Zeiten. Die Gefühle kochen über, auf beiden Seiten.“

Auch Uzi Nagar ist Kommunalpolitiker, allerdings in Gilo. Seine Augen scheinen ins Leere zu blicken. Seit Jahren schon kämpft er für einen Zaun rund um die ganze Ortschaft. Jetzt glaubt er, der Anschlag wäre nie geschehen, hätte man seinen Rat befolgt. „All das, was wir vorhergesagt hatten, ist jetzt passiert“, sagt er mit erstickter Stimme, „niemand hat uns zugehört. Glaubst du, dass es irgendein Problem ist, sich von Bethlehem aus nach Gilo reinzuschleichen? Oder von der palästinensischen Stadt Beit Sahur? Die Straße nach Gilo ist offen. Alle, die sich hier in die Luft sprengen wollen, können das ganz einfach tun. Wenn es hier einen trennenden Zaun gäbe, hätte ein Terrorist keine Chance, sich unserem Ort zu nähern.“

Das Gerücht über die angebliche Verwicklung von Beit Safafa in den Anschlag erreicht auch den kleinen „Fruit House“-Supermarkt im Zentrum von Gilo. Der Sicherheitsbeamte des Geschäfts spricht mit einem Kunden, der die Geschichte offenbar ganz genau kennt. „Dieser Scheißkerl verbrachte die Nacht in Beit Safafa. Man gab ihm zu essen und zu trinken und sogar einen Platz zum Schlafen. Dann stand er am Morgen auf, ging hinüber zur Bushaltestelle und wartete einfach nur. Der Busfahrer hielt sogar extra für ihn an, damit er einsteigen kann. Der Bus fuhr nur einige Meter, dann sprengte er ihn in die Luft.“

Am Nachmittag nach dem Anschlag sieht es in Gilo aus wie in einer Geisterstadt. Einige sind zur Arbeit gegangen, viele bleiben aber lieber zu Hause. Das ist für die Bewohner von Gilo zur Gewohnheit geworden, seitdem der Ort Ziel von Gewehrschüssen und Granaten aus dem gegenüberliegenden Beit Dschalla ist. Jedes Mal wenn etwas passiert, leeren sich die Straßen, bis die Gefahr vorbei zu sein scheint. „Die Menschen hier sind verfolgt von der Angst“, sagt Benny Sahar, der schon lange in Gilo lebt. „Du weißt nicht mehr, wo der richtige Weg liegt und welchen Kurs man einschlagen muss in diesem ganzen Chaos. Gibt es in diesem Land heute überhaupt noch irgendeinen sicheren Ort?“

Der Albtraum

Zilpa glaubt, dass Gott ihre Gebete erhört hat. Sie ist vor einigen Jahren aus Usbekistan nach Israel eingewandert und wohnt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Gilo. In der Nacht vor dem Anschlag hatte sie einen Albtraum – sie kann sich nicht mehr genau daran erinnern, aber sie weiß, dass er sehr schlimm war. Am Morgen bat sie deshalb ihren Mann, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen, statt sie mit dem Bus zu schicken. Als er danach wieder heimkam, ging die Bombe im Bus hoch. Zilpa glaubt, dass Gott ihr eine Warnung geschickt hat, damit ihren Kindern nichts zustößt.

„In Usbekistan war das Leben viel schwerer“, sagt sie, „Aber wir konnten mit den Muslimen auskommen. Die Muslime dort sind wie die Muslime hier. Man muss nur wissen, wie man mit ihnen umgeht. Wir haben mit ihnen im selben Land gelebt, und sie haben uns nie Schaden zugefügt. Sie sind Menschen wie wir. Wir müssen Verständnis für einander aufbringen. Und wir müssen Frieden schließen.“

Der Autor ist Mitarbeiter der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“.

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