Zeitung Heute : Wenn die Hotline dreimal klingelt

CHRISTIAN BLEES

Mit telefonischen Lösungshilfen für Computerspiele ist kaum Geld zu verdienen / Rund 50 Firmen aktivVON CHRISTIAN BLEESRaymond Casey, Geschäftsführer der Darmstädter Computerfirma "Mr.Games", hat die Nase voll: "Unsere Hotline-Nummer für hilfesuchende Computerspiele-Anwender ist ab sofort stillgelegt." Mit solch einem Angebot, davon ist der gefrustete Geschäftsmann überzeugt, sei hierzulande kein Geld zu verdienen: "Die 2,40 Mark, die eine Gesprächsminute bei uns gekostet hat, waren den meisten wohl zu teuer.Und das, obwohl unsere Mitarbeiter sieben Tage in der Woche jeweils von zehn bis 22 Uhr zur Verfügung standen." Die Anrufer hätten somit Zugriff auf eine riesige Datenbank gehabt, in der hunderte kompletter Spielelösungen und tausende entsprechender Tricks abgespeichert gewesen seien.Trotz massiver Werbung, so Casey, habe sich der Aufwand für "Mr.Games" letztlich nicht gelohnt. Dennoch bieten bundesweit immerhin rund 50 Firmen per Telefon Hilfe für Ratsuchende an, die verzweifelt zu Hause vor dem Monitor sitzen und im aktuellen Spiel nicht vorankommen.Bei näherem Hinsehen indes wird rasch deutlich, daß es sich dabei durchweg um Anschlüsse eben jener Hersteller handelt, die die ständig komplexer gestalteten Titel selbst auf den Markt bringen.Für sie ist die Einrichtung derartiger Service-Nummern ein eher notwendiges Übel, auf das sie zwecks Kundenbindung und Imagepflege kaum verzichten können.Um die damit verbundenen Kosten wenigstens einigermaßen im Zaum zu halten, hat so mancher Anbieter die "Öffnungszeiten" seiner Servicetelefone dabei zumindest auf wenige Stunden pro Tag oder gar pro Woche begrenzt. Darüber hinaus sogar noch einen Teil des investierten Geldes wieder von den Kunden zurückzuholen, trauen sich jedoch offenbar nur die wenigsten: Sogenannte 0190er-Nummern, bei denen Anrufer zwischen 1,20 und 2,40 Mark pro Gesprächsminute berappen müssen (die dann zwischen Telekom und dem Anbieter geteilt werden), gelten auf dem Hotline-Sektor eher als Ausnahme.Die meisten der Spieleexperten sind stattdessen über gewöhnliche Ortsnetznummern erreichbar. Zu den wenigen, die trotz aller Unkenrufe hartnäckig darum bemüht sind, den Telefonservice kostendeckend zu betreiben, gehört die Firma Sony Computer Entertainment.In der Frankfurter Unternehmenszentrale sind drei Festangestellte sowie fünf freie Mitarbeiter montags bis freitags zwischen zehn und 20 Uhr im Schichtdienst damit beschäftigt, hilfesuchenden PlayStation-Anwendern beim Überwinden kniffliger Spielesituationen telefonisch unter die Arme zu greifen.Ausgerüstet sind die Sony-"Powerliner" jeweils mit einer PlayStation-Spielekonsole sowie mit einem leistungsstarken PC samt Monitor."Im Computer sind sowohl Komplettlösungen als auch einzelne Tricks zu sämtlichen PlayStation-Titeln abgespeichert," erläutert "Powerline"-Koordinator Christian Geldmacher. Daß sein Familienname firmenintern quasi zum Leitmotiv für die Mitarbeiter erhoben wurde, weist er energisch zurück."Natürlich sind wir daran interessiert, die entstehenden Kosten über die Telefongebühren wieder hereinzuholen", räumt Geldmacher ein, "aber was vor allem zählt, ist der Service." So seien die "Powerline"-Kollegen keinesfalls dazu angehalten, die Beratungsgespräche künstlich in die Länge zu ziehen, um dadurch mehr Einnahmen zu erzielen."Im Gegenteil: Meist bleiben die einzelnen Anrufer nicht länger als eine oder zwei Minuten in der Leitung, bis wir ihr Problem gelöst haben.Der einzelne Kunde zahlt also pro Tip im Schnitt nur zwischen einer und zwei Mark." Rund 5000 Anrufe pro Woche würden bearbeitet, so der "Powerline"-Chef.Dennoch sind die Sony-Verantwortlichen eigenen Angaben zufolge immer noch weit davon entfernt, ihre Abteilung alleine aus dem entsprechenden Telefongebührenaufkommen finanzieren zu können. Dies gilt auch für die in Delmenhorst ansässige "Agentur Carsten Borgmeyer", die täglich 24 Stunden erreichbar ist und für deren telefonische Tips Anrufer 2,40 Mark pro Gesprächsminute berappen müssen.Daß das Angebot überhaupt aufrecht erhalten werden kann, liegt laut Aussage des namensgebenden Firmenchefs einzig und allein an der engen Zusammenarbeit der Agentur mit einem professionellen Call-Center: "Die dortigen Kollegen sind auch für diverse andere Firmen tätig, so daß die Anrufe auf der Spiele-Hotline insgesamt nur einen Bruchteil des täglichen Beratungsaufkommens ausmachen." Im Klartext: Wer die 0190/773333 anwählt, ist keineswegs (wie bei Sony) automatisch mit einem ausgewiesenen Spieleexeperten verbunden."Die Kollegen sind soweit geschult, daß sie in den Datenbanken die benötigten Informationen schnell aufspüren und weitergeben können." Rund 1000 Anrufe pro Monat beziehen sich auf Computerspiele." Damit nimmt der selbsternannte "Marktführer im Spielelösungs-Bereich" Bezug auf rund ein Dutzend Zeitschriftentitel, die sich nahezu komplett der Welt der Computergames verschrieben haben und den Löwenanteil am Umsatz der Firma Borgmeyer ausmachen.Ob "PC Highscore", "PC Spielelösungen" (mit CD-ROM) oder die frisch auf den Markt gebrachte "PC Supergames" - Carsten Borgmeyers Agentur hat den Markt der Lösungshilfen scheinbar multimedial im Griff.Trotz seines flächendeckenden Angebots seiner Agentur sieht sich der umtriebige Inhaber alles in allem veranlaßt, dem gescheiterten Mitbewerber Raymond Casey von "Mr.Games" zumindest offiziell beizupflichten: "Reich werden kann man mit dieser Art Geschäftszweig nicht."

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