Zeitung Heute : Wenn die Kleinsten mit den Eltern surfen

SANDRA PRÜFER

Die Software-Industrie in den USA hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Babies im Krabbelalter.Mit der Computer-Früherziehung, so werben die Hersteller, soll dem ins digitale Zeitalter geborenen Nachwuchs nicht nur der Umgang mit der Maus, sondern auch Achtung vor dem Computer beigebracht werden.

"BabyROM" heißt die erste, speziell für Kinder ab sechs Monaten entwickelte Lernsoftware aus dem Multimedia-Verlagshaus Byron Preiss.Mit Hilfe der interaktiven CD-ROM sollen die Babies spielerisch Formen, Farben, Buchstaben, Zahlen und Körperteile entdecken.Nun hat der Anbieter "Knowledge Adventure" nachgezogen und im Juni seine "JumpStartBaby"-Software für die Altersgruppe von neun bis 24 Monaten auf dem Markt gebracht, laut Werbetext "eine entzückende Einführung in den FamilyComputer".Als "lap-ware" zum gemeinsamen Spiel auf Mamas oder Papas Schoß konzipiert, soll das Kleinkind mit Hilfe eines animierten Teddybärs acht Spielfelder erkunden.Keinerlei Vorkenntnisse sind laut Hersteller notwendig, aber jeder Klick auf die Maus oder Tastatur wird mit einer positiven Antwort auf dem Bildschirm belohnt.

"Genauso wie Bilderbücher in Form und Inhalt den Bedürfnissen von Babies und Kleinkindern angepaßt sind, können Computer beim Spielen und Lernen benutzt werden", sagt Kinderpsychologin Corinne Rupert, die den Software-Entwicklern beratend zur Seite stand.Wenn die Software kindgerecht zu bedienen sei, so Ruprecht, gibt es keine Mindestalterstufe für die Einführung in die Computerwelt.Es sei aber zu bedenken, daß Babies sabbern und gerne die Maus in den Mund nehmen.Sie empfieht den Eltern daher, die Tastatur notfalls mit einer Plastikfolie zu schützen und einen Schnuller zur Hand zuhaben.

"Was kommt als nächstes? JumpStart Fötus?", fragt sich Ann Stephens, Präsidentin des Marktforschungsinstituts PC Data.Der Umsatz von Software für Kinder unter sechs Jahren hat sich 1997 in den USA nach Angaben von PCData auf 41 Millionen Dollar verdoppelt.In der Altersgruppe von 18 Monaten bis drei Jahren betrug die Wachstumsrate sogar 175 Prozent gegenüber dem Vorjahr (1997: 8,9 Mio Dollar).

Der Boom im Kleinkind-Softwaremarkt ist sowohl auf die ehrgeizigen Eltern als auch auf geschicktes Marketing und verbesserte Technologie zurückzuführen."Computer sind unsere Zukunft", erklärt Software-Testerin und Mutter JoAnne Cotrone: "Die Früherziehung am Computer gibt den Kindern einen Vorsprung in Fähigkeiten, die sie später in der Schule lernen." Die zunehmende Haushaltsausstattung mit leistungsfähigen PCs ermöglicht es, aufwendige, auf dem Babygeschmack abgestimmte Multimedia-Produkte (3D-Bilder, Filmsequenzen oder Musik) zu vermarkten.

Viele Eltern - besonders aus der gebildeten Mittelschicht - befürchten, daß ihre Kids ohne Computertraining zu den Verlierern des 21.Jahrhunderts gehören werden.In einer jüngsten Web-Umfrage der US-Zeitschrift "Family PC" votierten 30 Prozent der Online-Leser (über 1000 Stimmabgaben insgesamt) dafür, die Kinder bereits im zarten Alter von ein bis drei Jahren online gehen zu lassen.42 Prozent hielten es für angebracht, mit der Computer-Früherziehung bis zum Kindergartenalter zu warten.Der Trend zur Digitalisierung der frühesten Kindheit erschüttert Clifford Nass, der als Professor an der Stanford Universität die Interaktion zwischen Mensch und Computer erforscht."Es ist schlichtweg falsch, Kinder im Krabbel-alter vor dem Computer zu setzen.Bis zum dritten Lebensjahr sehen sie eine Box mit faszinierenden bunten Bildern, vergleichbar mit einem Fernsehapparat, wo ein Zeichentrickfilm läuft." Kleinkinder, so Nass, lernen am besten, wenn sie mit realen Objekten und Personen spielen: "Die Software sieht nicht, ob ein Kind lacht oder weint." Ironischerweise versucht sogar das "JumpStart Baby"-Programm die kleinen Computerspieler vom Bildschirm wegzubekommen.Beim Klick auf die auf dem Bildschirm aufleuchtende Glühbirne erhalten die Eltern Tips, wie sie die Spiele in der realen Welt nachspielen können."Nicht einmal der Hersteller ist vom Lernerfolg überzeugt", mokiert sich Nass.

Während in Expertenrunden der Sinn und Zweck der Computer-Früherziehung noch kontrovers diskutiert wird, rüsten sich die amerikanischen Kindergärten und Vorschulen bereits.Der Träger "KinderCare Learning Center", meldet das "Wallstreet Journal", hat schon alle seine 1151 Kindertagesstätten mit Computern ausgerüstet.Eigens zur Ausstattung von Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern hat IBM kürzlich den "Young Explorer" auf den Markt gebracht.Das robuste "Alles-in-Einem-Computer-Lern-Center" für Vorschulkinder kostet 2400 Dollar - PC mit Windows und Lern-Software inklusive.Die flache Tastatur mit den großen Knöpfen soll die Bedienung erleichtern.Die Erzieher bräuchten keine Computerkenntnisse zu haben; Notfalls ist aber bestimmt ein computergeschultes Kind zur Stelle, daß der Kindergärtnerin den Umgang mit der Maus erklären könnte.

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