Zeitung Heute : Wenn die Mutter mit dem Badeentchen

SUSANNE KIPPENBERGER

Colin Gray, britischer FotografSUSANNE KIPPENBERGERColin Gray hatte Heimweh.London war so groß, so kalt, so hart.Der junge Mann aus Suburbia fühlte sich verloren, die Familie fehlte ihm.Aber was sollte er daheim, in Hull? Fotografie wollte er schließlich studieren, am Royal College of Art.Also stellte er sich sein eigenes Familienalbum zusammen, Bilder, die er sich an die Wand hängen konnte, um die Sehnsucht zu besänftigen.Was als kleines privates Unterfangen begann, hat sich über fast zwei Jahrzehnte zu einer komplexen Serie entwickelt, vermutlich eine der längsten Fortsetzungsgeschichten in der Fotografie. Wie englisch das alles ist! Die geblümten Tapeten, der Nippes im Regal, die Henkel-Handtasche, wie die Queen sie zu tragen pflegt.Tea for Two, Fish and Chips, die Pillen im Kosmetikbeutel.Grays Bilder erzählen von einem England, wie es das immer weniger gibt.Seine eigene Generation, meint der 41jährige, bemühe sich so sehr, nicht britisch, sondern europäisch zu sein. Auf den Fotos seiner Eltern aber - von denen einige zur Zeit in der Ausstellung über zeitgenössische britische Fotografie in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst zu sehen sind (bis 23.November) - ist die englische Welt noch in Ordnung, nur noch ein bißchen greller und schriller als sonst - Realismus, als Surrealismus verkleidet.Schließlich wollte Colin Gray den Alltag durch Überspitzung erkennbar machen.Schwarz-Weiß war ihm zu distanziert, Farbe "ist realer, emotionaler".Die Hausschuhe seines Vaters, der Bademantel der Mutter - Synthetik pur -, sie sind in seiner Erinnerung für immer und ewig bunt.Auch vom dokumentarischen Stil des Reporters hat der Fotograf sich schnell verabschiedet.Gray wollte nicht einfach etwas abbilden, sondern das Bild, das er sich von seinen Eltern gemacht hatte, fotografisch umsetzen.Also begann er - geprägt von der neuen Welle des britischen Kinos in den 60er Jahren -, die Aufnahmen wie Theaterszenen zu inszenieren. Da steht zum Beispiel "Hull unter Wasser", ein Traum, den Gray als kleiner Junge hatte.Eine Plastikfolie ist durch das elterliche Wohnzimmer gespannt, der Vater in Badehose taucht drunter her, die Mutter wollte wie immer den Kopf lieber oben behalten und plaudert derweil mit einer Spielzeugente.Eine andermal liegt die Mutter neckisch als Elfe verkleidet auf einer Liege, der Vater als Teufelchen darunter.Nach kurzem Zögern spielten die Eltern mit, wollten sich aber auch so präsentieren, wie sie sich selber sahen.So wurden aus Hauptdarstellern Co-Regisseure.Fünf, sechs Stunden dauert eine Inszenierung.Requisiten und Kostüme stammen fast alle aus dem Haus.Nur ein Foto hat der Mutter bislang nicht gefallen: Als der Sohn sie durch ein Glas hindurch fotografiert hatte und das Gesicht zusammenschrumpfte - da findet sie sich viel zu alt. Wie alt die Eltern tatsächlich geworden waren, merkte Gray erst, als sie aus ihrem alten Haus auszogen.Die Spuren auf der Haut der Eltern ebenso wie des Hauses, die Runzeln und Flecken, hielt er in hyperrealistischen Großaufnahmen fest.Als nächstes begann Gray die Eltern und ihren Besitz mit gigantischen Röntgenbildern 1:1 zu durchleuchten - von der Wärmflasche bis zum Fernseher hat der Künstler alles ins Krankenhaus geschleppt.Die Aufnahmen verleihen den banalen Dingen des Lebens einen abstrakten Zauber.Die Distanz zu den Eltern ist sichtbar gewachsen.Gegenwärtig benutzt Gray den Farbkopierer als Kameraersatz.Mit seiner Arbeit hat der Fotograf sich offensichtlich eine Therapie erspart.Über so lange Zeit die Eltern zu fotografieren, "war wie eine Analyse".Wenn er Psychologen seine Bilder zeigt, bestätigen sie, was ihm im Laufe der Jahre selbst klar wurde: daß er eine engere Bindung zu seiner Mutter als zum Vater hat, daß sie die dominante Figur der Familie ist.Als Gray mit seiner Arbeit in den 80er Jahren anfing, wollte kaum einer etwas davon wissen.Die Bilder waren zu bunt, zu populär, zu zugänglich - "keine Kunst", hieß es.Seine Vorbilder waren eher das Kino und die Popmusik, die in England schon immer vom Alltag in den Klein- und Vorstädten erzählten.Seitdem hat sich einiges gewandelt.Inszenierungen, Ironie und Farbe sind in der Fotografie längst hoffähig geworden.Etliche Künstler haben die Familie zum Thema gemacht. London hat Gray längst verlassen.Zehn Jahre wohnte er dort."Zu lang", wie er im nachhinein findet.Inzwischen Vater, hat er sich mit seiner Familie in Glasgow niedergelassen, einem viel besseren Ort, um Kinder großzuziehen.Die Kluft zwischen Arm und Reich sei hier nicht so groß, Schulen und Krankenhäuser besser.Das Familienprojekt läuft weiter.Neben den Eltern spielen jetzt auch die Kinder mit.

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