Zeitung Heute : Wenn die Renditedas Interesse regiert

ANDREAS HOFFMANN

Bei einer Fusion von Krupp und Thyssen gäbe es von vielem zu viel: zu viele Stahlwerke, zu viele Maschinen- und Anlagenbaufirmen und zu viele Automobilzulieferer.Also werden die Manager verkaufen - und Arbeitsplätze abbauenVON ANDREAS HOFFMANNDas Ruhrgebiet brennt schon wieder.Kaum haben die Kohlekumpel ihre Demonstrationsbänder eingerollt, da kochen die Stahlwerker.Ihr Protest richtet sich nicht gegen die Bonner Politik, sondern gegen den Stahlriesen Krupp und die hinter ihm stehenden Banken.Die Essener wollen, angeblich gestützt von Geldkonzernen, ihren fast doppelt so großen Konkurrenten Thyssen schlucken.Unfreundliche Übernahme nennt man so etwas, und unfreundlich könnte es vor allem für die Beschäftigten werden - wenn sie zu Tausenden ihre Jobs verlieren. Der Betriebswirtschaftler entdeckt durchaus Sinn in einer Fusion.Die Firmen könnten ihre Kapazitäten besser auslasten, das Auf und Ab der Stahlbranche hinterließe nicht mehr so tiefe Spuren in der Bilanz.Immerhin steigt der neue Riese zum drittgrößten Stahlproduzenten der Welt auf, mit einem Umsatz von über 62 Milliarden Mark und fast 190.000 Beschäftigten.Nur er hätte von allem zuviel: zu viele Stahlwerke, zu viele Maschinen- und Anlagenbaufirmen und zu viele Automobilzulieferer.Also werden die Manager verkaufen und rationalisieren und am Ende einen feinen, ertragreichen Konzern präsentieren.Die Aktionäre, also Banken und Versicherungen, werden die Dividenden einstreichen, und die Beschäftigten dürfen sich bei den Arbeitsämtern anstellen.So ist das im Zeitalter des Shareholder-Value, wenn die Rendite-Interessen regieren. Aber auch ohne die Megafusion müssen die Arbeitnehmer um ihre Jobs bangen.Beide Großkonzerne haben ihre Personalpläne schon kräftig zusammengestrichen und werden dies weiter tun müssen.Die geplante Übernahme würde diesen Prozeß allerdings stark beschleunigen.Die Arbeitslosigkeit in einzelnen Städten, wie Dortmund, würde nach oben schnellen.Vor allem würde es den traditionellen Thyssen-Konzern in seiner bisherigen Form nicht mehr geben.Krupp-Chef Gerhard Cromme braucht Geld um die Übernahme zu finanzieren.Da wird er lukrative Thyssen-Beteiligungen, wie etwa am Mobilfunk-Unternehmen E-Plus, abstoßen.Allein mit diesem Anteil ließ sich die Firmenkasse um über drei Milliarden Mark füllen.Nicht zu vergessen die drei bis vier Milliarden Mark, die in der Thyssen-Immobiliensparte schlummern. Man kann sich fragen, ob das alles Sinn macht.Muß ein finanziell gesundes Unternehmen, wie Thyssen, zurechtgestutzt werden? Zumal Thyssen-Chef Dieter Vogel in den letzten Monaten keineswegs untätig war, sondern die Umstrukturierung seines Unternehmens bereits einleitete.Man kann sich auch fragen, ob Banken und Versicherungen hierzulande sozusagen nebenbei Industriepolitik betreiben sollen.Sie weisen selbst gern auf die Fehler der Industriepolitik in Frankreich hin, wo der Steuerzahler marode Unternehmen über Subventionen am Leben erhält.Nur hierzulande springt der Steuerzahler eben auch ein, wenn sich Banken und Versicherungen als Aufseher einmal irren oder nicht richtig hingeschaut haben.Daß dies öfter passiert, dafür stehen die Namen Balsam/Procedo, Metallgesellschaft, Schneider, Vulkan, Daimler-Benz, Klöckner-Humboldt-Deutz.Diese Fehlentwicklungen gehören auch zur Deutschland AG - diesem Wildwuchs von Überkreuzverflechtungen.Banken und Versicherungen kontrollieren sich am liebsten gegenseitig, fädeln ihre Geschäfte ein und lassen sich von Fremden ungern in die Karten schauen.Ausländische Investoren lockt man so nicht an.Aber von dieser Standortnachteil ist wenig die Rede. Noch ist nicht sicher, ob Crommes Coup wirklich gelingt.Schließlich muß die europäische Kartellbehörde die Übernahme absegnen.Ob sie es tut, ist keineswegs gewiß.Auch nicht, ob Cromme wirklich alle Banken hinter sich versammeln kann.Schließlich hält auch die WestLB, dessen größter Aktionär das Land Nordrhein-Westfalen ist, einen Anteil an Krupp.Ministerpräsident Johannes Rau hat das Fusionsvorhaben bereits mißbilligt.Eines ist aber auch klar: Cromme wird alles versuchen, die geplante Fusion durchzuziehen, so wie er Hoesch (unfreundlich) übernommen hat.Öffentliche Kritik hält er aus, wie er die Proteste aushielt, die aufbrandeten als er das Stahlwerk Rheinhausen schloß.Und klar ist auch: Die Megafusion wird zahlreiche Berater der Geldinstitute beschäftigen.Die Banken verdienen also auf jeden Fall.

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