Zeitung Heute : Wenn die Seele zwei Mal bricht

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Von Caroline Fetscher

Im Traum sieht er sich manchmal zurückreisen nach Tuzla, in seine Stadt. „Der Bus fährt in die Nähe vom Haus meiner Eltern. Da stehen sie auf dem Balkon, sie winken mir zu. Und dann bin ich wie gelähmt, nichts bewegt sich, und ich wache auf.“ Senad Tobudic sitzt mit Frau und Schwiegermutter im Wohnzimmer in Charlottenburg und erzählt. Auf dem Teppich hockt die vierjährige Nejira und sieht Video: Aladin mit der Wunderlampe. So lernt sie Deutsch. Im Hinterhof toben Kinder, in der Küche klappert die Mutter mit Töpfen. In den Regalen und Vitrinenschränken blinkt einfaches Geschirr. Vor dem Fenster stehen, wie eine Festungsmauer, drei riesige Töpfe mit Pflanzen. Das Wohnzimmer ist der Schutzraum der Familie Tobudic. Die letzte Zuflucht.

Seit acht Jahren hat Senad Tobudic das ostbosnische Tuzla nicht gesehen, seine Eltern nicht, nicht seine jüngere Schwester und nicht seine Schulfreunde von früher. Er lebt in Berlin, als Flüchtling. Solange er nur „geduldet“ ist, wie die Behörden sagen, darf er die Stadt nicht verlassen. Seit sieben Jahren nicht. Berlin ist für den 30-Jährigen, für seine Frau Almasa und Nejira ein Großraumgefängnis – immerhin eines, wo sie vor den Gräueln und Alpträumen des bosnischen Bürgerkrieges geschützt waren. Jetzt sollen sie auch diese letzte Sicherheit nicht mehr haben, die Berliner Ausländerbehörde will, dass die Familie bis Ende Oktober das Land verlässt.

Senad und Almasa haben sich vor fünf Jahren im Berliner Flüchtlingswohnheim kennen gelernt. Der zarte, nachdenkliche Mann aus Tuzla, der ostbosnischen Stadt, die berühmt ist für ihre Salzquellen und Heilbäder, war für Almasa wie ein Nachbarjunge. Auch Almasa war aus Bosnien geflohen: aus Srebrenica. Im August 1997 haben sie geheiratet. „Eine große Feier war es nicht“, sagt Senad, „dazu fehlte uns das Geld.“ Auf den Hochzeitsfotos im Familienalbum trägt Almasa ein weißes Kleid. Sie sieht scheu aus, aber glücklich. Im November 1998 kam die kleine Nejira zur Welt. „Wegen ihr lebe ich weiter“, sagt Senad, „Nur wegen ihr.“

Als 1992 der Krieg ausbrach, studierte Senad an der Fachhochschule von Tuzla Umwelttechnik: „Ich wollte“, sagt er, „einen Beruf für die Zukunft lernen.“ Doch dann geriet Tuzla unter den Beschuss serbischer Artillerie, und Senads Vertrauen in die Welt zerfiel. „Ich hatte Angst, ich wurde krank“, sagt er. Die Ärzte diagnostizierten Morbus Crohn, eine Entzündung des Darms. Senad Tobudic konnte den Kriegsausbruch in Bosnien im wahrsten Sinn des Wortes nicht verdauen. Nach zwei Operationen fehlt ihm ein Teil des Darms, er bleibt versehrt.

Mit eigenen Augen sah sie Mladic

Alles begann für Senad damit, dass kurz vor dem Krieg seine serbischen Freunde auf einmal nicht mehr mit ihm sprachen. „Plötzlich zeigten sie mir das Tschetnik-Zeichen. Zuerst habe ich gedacht, das soll witzig sein. Dann dachte ich, mit mir stimmt was nicht. Aber sie sagten nur: Du bist Moslem.“ Später haben sie bei ihm zu Hause angerufen: „Dich und Deine Familie bringen wir um.“ Als Senad dann frisch operiert in der Klinik von Tuzla lag, hörte er draußen das Dröhnen des Artilleriefeuers, das von den Bergen auf die Stadt einhämmerte. Im Nachbarraum starben während eines Angriffs mehrere Patienten. Eine Hilfsorganisation sorgte dafür, dass Senad nach Deutschland kam. Nach Berlin. Hier folgten Operationen und monatelange Klinikaufenthalte. Senad Tobudic war nicht mehr Student, ein junger Mann am Beginn seines Lebens. Er saß in keinem Hörsaal, er ging nicht tanzen, er machte keine Musik und kaufte keine Lehrbücher. Er besaß nichts und durfte nichts. Nur warten und Sozialhilfe empfangen.

Immerhin hat die Familie nun, nach sieben Jahren in einem kleinen Heimzimmer, seit Mai eine eigene Wohnung für sich. Die Tobudics sind Berliner geworden, und sie wollen hier bleiben. Almasa kann an Srebrenica kaum mehr zurückdenken. „Wie meine Schule hieß?“ Sie greift sich an die Schläfen. „Ach, das weiß ich gar nicht mehr.“ Eine halbe Stunde später hat sie Kopfweh, die Hände sind kalt und zittern. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter soll sie in das Land abgeschoben werden, wo vor sieben Jahren ihre halbe Familie ermordet wurde.

Srebrenica – das war, im Sommer 1995, der größte Triumph der „ethnischen Säuberer“. Innerhalb weniger Tage vertrieben sie Tausende Muslime aus der UN-Enklave. Unter den Flüchtenden war auch Almasas Mutter, Hida Purkovic. „Mit meinen eigenen Augen habe ich dort General Mladic gesehen“, sagt Hida Purkovic, „ich sehne mich nach dem Tag, an dem er nach Den Haag kommt.“ Weiter kann auch sie nicht sprechen. Sie sinkt in das Sofa im Wohnzimmer ihrer Tochter und bedeckt die Augen mit den Händen.

In Srebrenica trennten die Serben zuerst die bosnischen Männer von ihren Familien. Dann verschleppten sie die Männer. Am 10. Juli 1995 hat Hida Purkovic ihren Mann Nutfet, Almasas Vater, zum letzten Mal gesehen. Da war er 49. Auch ihre Brüder, ihren Schwager, Cousins – 25 Mitglieder ihrer Familie verschwanden. Admir, Fehim, Nutfet, Semso, Sevko – sie stehen auf der Vermisstenliste des Roten Kreuzes.

Was mit den Jungen und Männern von Srebrenica geschah, hat das Den Haager Kriegsverbrechertribunal ermittelt. Auf Bussen und Lastwagen fuhr man die 7500 bis 8000 Jungen und Männer zwischen zwölf und achtzig Jahren auf entlegene Felder. Dort warteten die Todesschwadronen der Serben auf sie. Tagelang hallten die Schüsse und die Schreie der Sterbenden über die Killing Fields. Bis Bulldozer anrückten und die Toten unter die Erde schaufelten. Einige wenige Überlebende konnten in Den Haag davon berichten. „Gebt uns Wasser, bevor ihr uns erschießt!“, haben sie gerufen, erzählte ein Zeuge. Frauen und Kleinkinder ließen die bosnischen Serben laufen. Almasas Mutter schlug sich im September 1995 bis nach Deutschland durch, zu ihrer Tochter und ihrem Sohn. Als traumatisierte Frau erhielt sie die nötige Aufenthaltserlaubnis. Jetzt soll ihre Tochter, die schon den Vater verloren hat, wieder von ihr getrennt und zurückgeschickt werden an die Stätten des Grauens.

Tuzla, wohin die Tobudics abgeschoben werden sollen, beherbergt derzeit 45 000 Flüchtlinge. Viele leben in Ruinen. In einem alten Tunnel der Stadt warten 4000 Leichen Ermordeter aus Srebrenica auf ihre Bestattung. Forensiker des Haager Tribunals konnten nur wenige identifizieren. Je nachdem, wie der Wind steht, riecht man den Verwesungsgeruch.

Manchmal machen die Tobudics Ausflüge mit Nejira, auf den Spielplatz oder zum Schloss Charlottenburg. Kochen, Fernsehen, Warten, das ist ihr Alltag. Senad ist wegen seiner Krankheit nur bedingt arbeitsfähig. Die Berliner Behörden haben ihn nie danach gefragt, ob er traumatisiert sei. Und entschieden wird „nach Aktenlage“; in der Ausländerbehörde ist die Familie Tobudic eine Ziffer. In den Gutachten und Attesten suchen die Beamten nach versäumten Fristen und „Unschlüssigkeiten.“ Warum, heißt es oft, sind Sie erst so spät zum Psychiater gegangen?

Das Kind übergibt sich jeden Morgen

So schrieb, am 31. Mai 2002, das Landeseinwohneramt, Abteilung Ausländerangelegenheiten, an Tobudics Anwalt Rüdiger Jung: „Vor dem Hintergrund des dargestellten Sachverhaltes muss ich davon ausgehen, dass hier missbräuchlich ein längerfristiger Aufenthalt erwirkt werden soll bzw. dass eine Traumatisierung nur vorgegeben wird, um in den Genuss des Abschiebungsschutzes zu gelangen.“ Der Schriftsatz erklärt weiter: „Ihrer Ehefrau Almasa und Ihrer Tochter Nejira Tobudic als Angehörige der Kernfamilie kann somit ebenfalls keine Aufenthaltsbefugnis erteilt werden.“ Senad Tobudic hat seine Ärzte und Psychologen von der Schweigepflicht entbunden und reicht das Gutachten herüber. Die Psychotherapeutin Irena Petzoldova vom Deutschen Roten Kreuz, die seinen Fall seit 1997 kennt, attestierte: „Herr Tobudic gehört zu der Gruppe der schwer, das heißt chronisch Traumatisierten.“ Tobudics Anwalt hat nun Klage eingereicht gegen den Bescheid, der Fall Tobudic soll jetzt unter dem Aktenzeichen VG 21F27.02 am Verwaltungsgericht verhandelt werden.

Wieder Warten – das zerreibt die Familie aufs Neue. „Das Kind übergibt sich jeden Morgen“, sagt Senad. Der Vater fühlt sich verantwortlich und schuldig für etwas, wofür er nichts kann: dass auch das Kind unter dem Stress der drohenden Abschiebung leidet.

2800 traumatisierte Bosnier leben in Berlin. Viele von ihnen machen die gleichen Torturen durch, die Senad und Almasa und Nejira im Augenblick erleben. „Der Präsident der Ärztekammer und der Präsident der Psychotherapeutenkammer haben die Behörden über Traumatisierungen informiert“, sagt Bosiljka Schedlich, die Leiterin des Berliner „Südost-Europa-Zentrums“. „Mitarbeiter der Ausländerbehörde, die solche Fälle auf dem Papier nach Gutdünken entscheiden, sind mit dem Thema Kriegstraumata fachlich überfordert. Sie verstehen nicht, dass die Seele der Menschen gebrochen ist wie ein Knochen. Und dass der Gips für diesen Bruch nur eins sein kann: rechtliche Sicherheit.“

Gestern hat Berlins Innensenat für die Zukunft ein „gestrafftes Verfahren zur Begutachtung traumatisierter Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina“ angekündigt. Gutachten, die internationale Standards erfüllen, würden in Zukunft schneller als bisher und ohne weitere Prüfung auf Unstimmigkeiten anerkannt. Doch die Tobudics sollen nicht in den Genuss der neuen Regelung kommen – bereits entschiedene Fälle sind ausgenommen. „Es ist ein Skandal, dass hier ein willkürlicher Stichtag eingesetzt wird“, sagt die Psychotherapeutin Irena Petzoldova vom Deutschen Roten Kreuz. „Die Abgelehnten sind genauso betroffen wie die neuen Fälle.“

An der Haustür erklärt Senad Tobudic zum Abschied leise: „Deutschland ist doch jetzt unser Zuhause. Wenn wir bleiben dürfen, das werden wir feiern.“

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