Zeitung Heute : Wenn die Trompete leise schmachtet

SUSANNE MESSMER

Charismatisch: "Cake" im LoftSUSANNE MESSMERDie Sucht nach einer bestimmten Kekssorte kommt mitunter der nach einer Lieblingsmelodie gleich.Manchmal ist es nur ein kleiner Akkord, ein Takt oder bloßþ ein winziger Ächzer des Sängers.Je kleiner diese Stelle, desto insistierender zwingt sie, den Song immer und immer wieder zu hören, auch wenn er wurmt und sich schon längst qualvoll in den Gehörgängen verhakt hat. Diese Art von Gier zu wecken ist eine Kunst, die Cake glänzend beherrschen.Und dabei scheint alles so einfach: die eindringliche Stimme John McCreas, Gitarre, Baß, ein klitzekleines bißchen Orgel und zugegebenermaßen die ziemlich genießerische Trompete, das ist alles.Cakes Musik ist äußerst durchsichtig, protestantisch, geradlinig, bombast- und ornamentfrei.Obwohl sie sich geschickt bei Folk, Funk, Beggars Banquet-Sound und Beatles-Nostalgie bedient, klingt sie beinahe unspektakulär.Cakes Lieder handeln vom Alltag, von Briefmarkensammlern in Zimmern voller chinesischer Lampen, sie handeln von der Seltenheit durchgehender Vordersitze im Auto und von Rennfahrern, die das Ende des Rennens verpaßt haben und noch immer ihre Runden drehen.Dreht es sich aber doch einmal um Herz und Schmerz, dann nie ohne vorgeschalteten Humorfilter, ohne das Bewußtsein, daß es um nichts als die Träne im Auge des Pudels, um das sonnige Spiel, die Wiederbelebung und gleichzeitige Brechung altbekannter Zuckersüße geht: "Writing your own headlines - ignoring your own deadlines". Cake sind sympathische Leute von nebenan, aber nicht ohne Charisma.Sie haben ihr Publikum in der Hand, die Kommunikation klappt tadellos.Jeder trockene Witz wird aufgegriffen: "Mein Hut, der hat drei Ecken." Bei "Frank Sinatra", ihrem nachhallendsten Hit, fordert McCrea mit ein paar nachlässigen Gesten zum Mitsingen einer kontrapunktischen Gitarrenmelodie auf.Schon hat die Band einen raffinierten Chor, der, ganz der Sucht verfallen, nicht absetzt, als der Song ausklingt.Es darf geschmachtet, aber auch gekichert werden, wenn die Trompete allzu dramatisch wird.Und dann diese herzergreifend komische Coverversion von Gloria Gaynors Discoheuler "I will survive": Seltsam, wie wenig ranzig er klingt, entzieht man ihm den Pomp.Es ist nicht das Schlimmste, was einer Band passieren kann, wenn sie sich selbst, ihren Hang zur schwülen Schwermut aufs Korn - oder besser auf den Keks - nimmt.

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