Zeitung Heute : Wenn ein Baby kommt

Die Familiengründung muss nicht das Berufsende bedeuten. Denn manche Arbeitgeber bieten Lösungen an

Dorothee Schmidt

Nur zehn Minuten liegen zwischen Sohn Julius und dem PC im Büro. „Die Nähe ist bestechend“, findet Lara Giehl und ein großer Vorteil für die junge Mutter. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten und Julius, 21 Monate, ist in dieser Zeit in der Kindertagesstätte des Bundestages untergebracht. Auch wenn ihr Arbeitstag einmal nicht nach Plan endet, ist ihr Sohn gut aufgehoben. „Die Betreuerinnen sind flexibel. Sie wissen, wie unser Leben hier ist.“

Den Spagat zwischen Familienleben und Arbeit zu meistern ist schwierig und Hilfestellung vom Arbeitgeber zu bekommen, noch lange nicht selbstverständlich. „Eine ganze Reihe von Unternehmen investiert unglaublich viel in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weil die Mitarbeiter das von ihnen erwarten. Aber ein großer Teil hat sich noch nicht bewegt“, sagt Hans Bertram, Soziologe an der Humboldt-Universität und Vorsitzender der Sachverständigenkommission für den Familienbericht der Bundesregierung. Keine Zeit für Kinder zu haben sei einer der wichtigsten Gründe für Männer und Frauen, ihre Kinderwünsche nicht zu realisieren. Der Zeitdruck in der „Rushhour des Lebens“ zwischen 27 und 35 Jahren sei in Deutschland besonders groß.

Lara Giehl wurde von ihrer Vorgesetzten und ihrem Partner unterstützt. „Schön, das kriegen wir hin“, war die Reaktion ihrer Chefin auf die Schwangerschaft. Sie wählte gemeinsam mit Lara die Vertretung aus und schlug vor, dass Lara nach drei Monaten wieder an einem Tag pro Woche arbeitet. „So hatte ich nicht das Gefühl, richtig ausgestiegen zu sein. Ich habe die Nähe nicht verloren.“ Ihr Freund arbeitete an vier Tagen und kümmerte sich an Laras Bürotag um das Kind.

Seit ihr Sohn einen Platz in der Kita hat, arbeitet Lara Giehl in Teilzeit. Auch im Sommer ist sie geöffnet. Ein Glücksfall, denn viele Kindergärten schließen zur Ferienzeit für einige Wochen. Gerade dann wird es für Mütter und Väter schwierig, Familie und Beruf in Einklang zu bringen.

Das Bundesfamilienministerium versucht mit seinem Programm „Erfolgsfaktor Familie“ ein Netzwerk familienfreundlicher Unternehmen aufzubauen, die als Vorbild dienen können. Die gemeinnützige Hertie-Stiftung hat mit „berufundfamilie“ eine Initiative geschaffen, die Firmen dabei hilft, Ideen für eine familienbewusstere Personalpolitik zu entwickeln und umzusetzen. „Die Familienpolitik ist in den vergangenen Jahren deutlich intensiver geworden“, sagt Antje Becker, Geschäftsführerin bei „berufundfamilie“. Aber noch immer hätten viele Unternehmen nicht erkannt, dass Familienbewusstsein nicht nur ein Gefallen für die Mitarbeiter sei, sondern dass sie auch davon profitierten. „Der demographische Wandel wird es den Unternehmen schwer machen, in Zukunft passende Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren“, sagt Antje Becker. Dann sind familienfreundliche Unternehmen im Vorteil. Sie haben bessere Chancen, gute Arbeitskräfte zu gewinnen und zu halten.„In familienbewussten Unternehmen sinkt der Krankenstand, die Mitarbeiter sind motivierter und das Image des Unternehmens verbessert sich.“

Auch Berliner Unternehmen engagieren sich. So können Mitarbeiter der Telekom seit kurzem ihre Kinder in Notfällen kostenlos in einem Kinderhotel unterbringen. Auch das Umweltbundesamt hat im Juni an seinem Standort Berlin ein Eltern-Kind-Zimmer eingerichtet. Eltern können das Büro mit Spielecke nutzen, wenn sie ihre Kinder vorübergehend mit zur Arbeit bringen müssen.

Das FrauenComputerZentrumBerlin in Kreuzberg mit seinen 22 Angestellten ist ein weiteres Positivbeispiel. Das Zentrum trägt das Prädikat Total E-Quality für seine an Chancengleichheit ausgerichtete Personalführung. Die Maßnahmen reichen von Gleitzeit über Fortbildungen in der Elternzeit bis zur Telearbeit. Marketingkoordinatorin Duscha Rosen hat zwei Kinder und arbeitet mittwochs vom Computer zu Hause aus. Per Internet kann sie auf alle Daten im Büro zugreifen. „Die Unternehmenskultur ist von einer großen Selbstverständlichkeit geprägt, auf die Situation von Müttern mit Kindern Rücksicht zu nehmen, ohne dass man schief angeschaut wird.“ Duscha Rosen schätzt diese Flexibilität, und das Entgegenkommen, wenn die Kinder krank sind.

Cornelia Carstens, Koordinatorin des Fortbildungsbereichs, erklärt den Nutzen so: „Mitarbeiterinnen mit Kindern haben häufig ’Notfälle’ zu bewältigen. Wenn wir diese schon mit einplanen, führt das zu weniger organisatorischem ad-hoc Aufwand und effektiveren Abläufen in der gesamten Organisation.“ Für Duscha Rosen ist es ein Geben und Nehmen. „Dafür sitze ich auch einmal abends und am Wochenende am Computer.“ Das Problem der Doppelbelastung sei dadurch nicht gelöst. „Wir müssen Männer ermutigen, Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie.

„Für Frauen ist ein Kind immer noch ein Diskriminierungsmerkmal“, meint Soziologe Hans Bertram. Bisher sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fast ausschließlich Frauensache. Die Zahl der Väter, die für ein Kind Teilzeit arbeiten oder zu Hause bleiben, sei „minimal“. Bertram begründet das mit dem höheren Gehalt – „Männer verdienen immer noch 20 Prozent mehr“ – und der männlichen Lebensrolle, die sich erst langsam ändert. Bei der Zahl der Männer in Führungspositionen mache es keinen Unterschied, ob sie Kinder hätten oder nicht, sagt Soziologe Bertram. „Aber es gibt nur halb so viele Mütter in Führungspositionen wie kinderlose.“ Lara Giehl kann das gut verstehen. „So anstrengend es auch ist, Familie und Arbeit sind wirklich machbar. Aber nicht Familie und Karriere.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar