Zeitung Heute : Wenn ein Igel Liebe macht

MALTE LEHMING

Vor mehr als acht Monaten übernahm Benjamin Netanjahu die Regierungsgeschäfte.Der Friedensprozeß schien am Ende.Doch dieses Bild stimmt nicht mehr VON MALTE LEHMING

Paukenschläge hört jeder.Laute, spektakuläre Ereignisse dringen ins Bewußtsein.Doch wie im Leben, so werden auch in der Politik wichtige Melodien oft auf Triangeln gespielt.Vor über acht Monaten wurde in Israel eine neue Regierung gewählt.Und plötzlich schien die Zukunft des mühsam eingeleiteten Friedensprozesses in Gefahr geraten zu sein.Am Ruder wähnte man ausschließlich religiös-nationalistische Groß-Israel-Ideologen, die beim Wort "Kompromiß" im Wörterbuch der Schwächlinge nachschlagen.Zunächst sahen sich die Unglückspropheten auch bestätigt: Der neue Ministerpräsident Benjamin Netanjahu redete viel und tat wenig.Teils ungeschickt, teil borniert zögerten er und seine Likud-Partei das überfällige Hebron-Abkommen quälend lange hinaus.Unablässig wurden neue Siedlungen geplant, infolge der Krawalle, die von einer leichtsinnigen Tunnelöffnung in Jerusalem provoziert worden waren, starben Dutzende von Menschen.Innerhalb eines halben Jahres wirkte die Pflanze der Hoffnung verdorrt.Wieder einmal machten sich Mißtrauen und Haß breit. Dieses Bild stimmt nicht mehr.Seit Anfang des Jahres präsentiert sich Netanjahu in einem neuen, weitaus positiveren Licht.Ein ums andere Mal springt er über seinen eigenen Schatten.Gegen den erbitterten Widerstand sowohl vieler Siedler als auch einiger Kabinettsmitglieder hat er das Hebron-Abkommen mit großer Parlamentsmehrheit durchgesetzt.Mittlerweile trifft er sich etwa ebenso regelmäßig mit PLO-Chef Jassir Arafat, wie es vor ihm Rabin und Peres taten.Verhandelt wird dabei über fast alles, sogar über die Freilassung des geistigen Führers der islamistischen Hamas-Bewegung, Scheich Achmed Jassin, aus israelischer Haft.Natürlich ist Netanjahu weiterhin bemüht, jede Ähnlichkeit mit seinen Vorgängern abzustreiten.Wer läßt sich schon gerne aus der Opposition heraus wählen, um am Ende als Kopie dazustehen (vor einem vergleichbaren Dilemma stand hierzulande einst die CDU mit ihrer Haltung zur Ost- und Entspannungspolitik der SPD)? Doch in der Substanz ebnen sich die Unterschiede langsam ein.Im Moment betreibt der Likud den Friedensprozeß, wie ein Igel Liebe macht: also wie andere Tiere auch, bloß viel vorsichtiger. Zu diesem Prozeß des Umdenkens haben mehrere Faktoren beigetragen.Hilfreich war sicherlich der permanente Druck aus Washington - die deutlichen Ermahnungen, statt auf die Ideologie fixiert zu sein, flexibel und pragmatisch zu agieren.Ermutigend daher auch die ersten Worte der neuen US-Außenministerin Madeleine Albright zur Nahost-Politik: Sie ordne dem Prozeß dort "höchste Priorität" zu.Am morgigen Donnerstag sprechen Netanjahu und Bill Clinton außerdem darüber, wie der seit einem Jahr abgebrochene Gesprächsfaden zu Syrien wieder aufgenommen werden kann.Schon wegen der Situation im Libanon, die für Israel - nicht erst seit dem dramatischen Hubschrauber-Unfall - immer unerträglicher wird, können politische Entscheidungen nicht länger aufgeschoben werden.Für eine Befriedung der Lage hält Damaskus weiterhin den Schlüssel in der Hand.Und die Regierung in Jerusalem scheint reif zu sein, ihre zwölf Jahre alte Politik der Sicherheitszone zu überdenken. Zum anderen jedoch hat Netanjahu von seinem eigenen Machtbewußtsein profitiert.Die Mehrheit der Israelis, das weiß er, will den Frieden.Ein Scheitern des Prozesses würde sie ihm nicht verzeihen.Sein Ansehen hängt nicht von soundsoviel Quadratmetern palästinensischen Landes ab, die zurückgegeben werden, sondern davon, ob die Übergabe ohne Eruptionen stattfindet. Geholfen hat Netanjahu aber auch, so paradox es klingen mag, Jassir Arafat.Längst ist aus dem ehemaligen Führer eines versprengten und verzweifelten Volkes ein in aller Welt respektierter Staatsmann geworden.Daß er das Wahlergebnis in Israel akzeptiert und nun ohne tiefsitzende Aversionen mit Netanjahu verhandelt, spricht mindestens ebenso sehr für ihn wie für sein Gegenüber.Freilich: Der alte Fuchs taktiert dabei und zieht alle Register seines politischen Geschicks.Aber wer wollte ihm das verdenken? Fuchs und Igel: Keine glückliche Konstellation, aber auch keine Katastrophe.Endlich tut sich wieder was im Nahen Osten.Man muß nur auf die Triangeln hören.

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