Zeitung Heute : Wenn es für jedes Tor eine Kuh gibt ...

MARTIN HÄGELE

PARIS .Ariel Ortega schaute weder nach links noch rechts, einfach mittendurch, Blick auf den Boden.Gabriel Batistuta suchte mit seinen Augen sofort den Ausgang, auf seinem Weg durch den kurvigen Parcours der Mixed Zone ließ er sich von keinem der Männer mit den Mikrofonen, Kameras und Notizblöcken auch nur einen einzigen Satz abnehmen.

Doch lange kann das nicht mehr gehen mit dem Presse-Boykott der argentinischen Stars.Und der Revanche der Reporter.Aus Protest sind die großen Zeitungen von Buenos Aires auch nach dem 5:0 gegen Jamaika mit einem weißen Blatt auf der ersten Seite erschienen.Die Asse der "Celeste" würden in Frankreich nicht mehr mit ihnen reden, weil sie sich für sehr viel Geld exklusiv an Fernsehsender verkauft hätten, wurde den Lesern erklärt.

Dabei passen Eigenschaften wie Raffsucht und Arroganz weder zu Ortega noch zu Batistuta.Endlich ein normaler Mensch mit anständigen Manieren, hatten sie über Ortega geschrieben, als der 24jährige Ariel Ortega den Job von Diego Maradona übernommen hatte.Und einer wie Gabriel Batistuta muß einfach ein guter Mensch und ein rechter Gaucho sein.Nicht nur, weil er die 25 000 Dollar Prämie für seinen Hattrick gegen Jamaika spontan für ein SOS-Kinderdorf in Argentinien gestiftet hat.Nein, ein Kerl, der sich für jedes Tor, das er bei der WM schießt, vom Verband eine Kuh schenken läßt, der tickt einfach normal wie du und ich.Entiendes, hombre? Ist doch klar, Mann?

Wieviele Kühe in den nächsten Tagen mit einem Lieferschein der Asociacion del Futbol, Buenos Aires, auf der Batistuta-Hazienda bei Reconquista in der Provinz Santa Fé ausgeladen werden, darüber kann noch gewettet werden.In den Tagen, als noch nicht "silentio stampa" angesagt war unter den Auslands-Profis der Himmelblauen, hat Batistuta häufig davon gesprochen, daß sein Team das Zeug habe zum Titel und er gerne seine Tore dazu beisteuern würde.

Denn auch solch ein Landmensch und Rinderfreund wie Batistuta braucht noch einmal Abwechslung in seinem Dasein.Acht Jahre lebt er nun schon in Florenz, als Star und Kultfigur der Fiorentina.Doch richtig interessant ist es dort zuletzt zu den Zeiten eines Stefan Effenberg gewesen; sonst kaum Turbulenzen, einmal abgestiegen, einmal italienischer Pokalsieger.So monoton kann die Karriere eines Mannes nicht ausklingen, den viele für den weltbesten Stürmer halten.Gefährlicher als Ronaldo.Denn keiner unter allen Goalgettern auf dem Globus kann auch nur annähernd Batistutas Konstanz nachweisen.Seit 1990 hat in der härtesten Liga der Welt niemand häufiger getroffen als der jetzt 29jährige.

Der dritte WM-Triumph der Südamerikaner wäre für Batistuta der Höhepunkt.Ebenso für den Ortega, der zur Zeit an zwei Fronten um Anerkennung kämpft.Und deshalb hat es ihm ganz besonders gut getan, daß die Zuschauer im Prinzenpark diesmal seinen Namen schrieen.Beim wenig schmeichelhaften Auftakt bei der WM in Toulouse (1:0 gegen Japan) hatte der hellblau-weiße Block immer wieder "Maradona" gebrüllt.Dessen Nummer zehn trägt Ortega.

Das Trikot eines Weltstars kann eine Belastung sein.In Deutschland ist eine ganze Generation von Liberos daran zerbrochen, daß man den Nationalspieler mit der Nummer fünf immer an Franz Beckenbauer gemessen hat.Weil er nun Ortega für den neuen Maradona hält, hat der zum Größenwahn neigende Francisco Roig im vergangenen Sommer 25 Millionen Mark bezahlt an River Plate, um mit dieser Nummer zehn als Capo vom FC Valencia dem FC Barcelona und Real Madrid den Kampf anzusagen.Die Vision von Präsident Roig endete jedoch als Lachnummer.Doch wenn der Marathonmann des argentinischen Mittelfeldes weiter so rennt und den Maradona so gibt wie gegen Jamaika, braucht er sicher nicht mehr zurück nach Valencia.Dann stehen Abnehmer Schlange.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben