Zeitung Heute : Wenn es überspringt

Maren Peters

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, befürchtet „immense wirtschaftliche Schäden“ durch die Vogelgrippe. Was könnte der Ausbruch der Seuche in Deutschland kosten?


Wenn es ganz schlimm kommt, dann könnte Deutschland durch die Vogelgrippe sogar in eine Rezession rutschen, befürchten viele Volkswirte. Aber was ist schon schlimm?

Das hängt von der Perspektive ab. Da wären zum einen die Geflügelhalter: 2900 Hühner und Enten wurden in Mecklenburg-Vorpommern bis gestern Nachmittag auf behördliche Anweisung vorsorglich getötet, um eine weitere Übertragung des Virus zu verhindern. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es 103 Fälle von infiziertem Wildgeflügel auf Rügen, bei denen das gefährliche H5N1-Virus nachgewiesen wurde.

Wenn der Deutsche Bauernverband jetzt von „immensen wirtschaftlichen Schäden“ durch die Vogelgrippe spricht und Entschädigung für die betroffenen Halter fordert, dann geht er vom schlimmsten Fall aus. Dieser würde eintreten, wenn das Virus flächendeckend Nutztiere befällt und diese massenweise getötet werden müssen.

Für die Halter könnte das teuer werden, denn nur ein Teil der Verluste würde ihnen ersetzt. Alle Geflügelhalter sind Mitglied in einer Tierseuchenkasse. Für jedes Huhn zahlen sie Geld in einen Fonds ein und werden dafür mit dem „auf dem Markt zu erzielenden Preis“ entschädigt, wenn das Huhn auf behördliche Anweisung hin getötet werden muss. Bei einem Huhn können das drei bis vier Euro pro Tier sein, für wertvolleres Rassegeflügel gibt es maximal 50 Euro. Reichen die Fondsmittel nicht aus, zahlen auch die Länder einen Zuschuss. Auf den Kosten, die durch den Produktionsausfall entstehen – nicht eingehaltene Lieferverträge, die nötige Desinfektion des Stalles und den vorgeschriebenen Leerstand – bleibt ein Tierhalter, der sich nicht extra dagegen versichert hat, allerdings sitzen. „Das ist seine Sache“, sagt Gudrun Reimert von der Tierseuchenkasse Mecklenburg-Vorpommern. Keinen Anspruch auf Entschädigung haben außerdem Betriebe, die bei einem Seuchenfall in der Nachbarschaft ihr schlachtreifes Geflügel nicht loswerden, nur weil den Abnehmern der Appetit vergangen ist. „Auf Landwirte kommen jede Menge Kosten zu“, sagt Brigitte Wenzel, Tiergesundheitsexpertin vom Bauernverband, ohne die Summe bereits genau beziffern zu können.

Unklar ist auch, wer für die weiteren Kosten aufkommt, wie zum Beispiel den Einsatz der 300 Bundeswehrsoldaten, die auf Rügen gegen die Ausbreitung der Seuche im Einsatz sind. „Für uns gilt erst einmal: wir helfen. Auseinander dividiert wird später“, sagt ein Sprecher der Bundeswehr.

Auch die Tourismusindustrie hält es für verfrüht, über Kosten zu reden. Bisher habe es nur vereinzelte Stornierungen von Rügen-Reisen gegeben, sagt Claudia Giller vom Deutschen Tourismus-Verband. Sie hält es für wahrscheinlich, dass viele Reisende ihre Buchung verschieben – um abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt.

Sollte sich die Epidemie ausbreiten, können aus volkswirtschaftlicher Sicht enorme Kosten entstehen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat ausgerechnet, dass eine mittelschwere Epidemie mit 100 000 Toten einen Schaden in Höhe von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anrichten würde. „Das würde zu einer Rezession führen“ sagt RWI-Experte Boris Augurzky. Bei seiner Modellrechnung hat er unter anderem die krankheitsbedingten Arbeitsausfälle und die Kosten für Gesundheitsleistungen einkalkuliert. Wenn die Seuche dagegen „nur“ Geflügel infiziert, rechnet der RWI-Experte nicht mit nennenswerten Auswirkungen. „Selbst wenn alle Tiere getötet werden müssten, würde es die Wirtschaft nicht spüren“, sagt er. Die Bauern schon.

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