Zeitung Heute : Wenn Frauen zu sehr morden

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Blutig schön: Mini-Opern von der Jelinek im PodewilGREGOR SCHMITZ-STEVENS"Mörder, Hoffnung der Frauen" heißt eine expressionistische Oper von Paul Hindemith und Oskar Kokoschka, in der ein Mann Frauen wie Ungeziefer ausmerzt.Hier und heute ist es umgekehrt: Elfi, eine alte Frau, sucht alleinstehende ältere Männer per Annonce und bringt sie um, um sie zu beerben.So erleichtert sie die Männer um ihre Körper, wie Elfriede Jelinek Elfi sagen läßt, befreit ihren Geist aus dem Gefängnis des Leibes: "Mörderin, Hoffnung der Männer". Seit einiger Zeit arbeiten die junge österreichische Komponistin Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek zusammen und versuchen, neue, zeitgemäße Formen des Musiktheaters zu finden.Ein Produkt dieser Arbeit sind die "Miniopern", von denen nun zwei - "Aufenthalt" (1993) und "Elfi und Andi" (1996/97) - im Rahmen des Festivals "überGrenzen" im Podewil erstmals szenisch zu sehen waren."Elfi und Andi" ist ein etwa halbstündiges Melodram: zwei Monologe verbinden sich vor dem Hintergrund eines kleinen Instrumentalensembles aus Saxophon, Baßklarinette, Kontrabaß und E-Gitarre.Elfi - verkörpert durch die Stimme Marianne Hoppes vom Tonband - betreibt Töten als Sport, der Muskelfetischist Andi richtet sich durch Sport selbst zugrunde.Wunderbar, wie Nino Sandow als naiver steirischer Bauernbursche, seinem Idol Arnold Schwarzenegger nacheifernd, über die Bühne turnte und zugleich anschmiegsam und musikalisch zu Olga Neuwirths Klängen sprach.Am stärksten wirkte die Komposition in den Momenten, in denen Andis schlichtes Seelenleben mit morbid verfremdeten Ländlern nachgezeichnet wird. Die zweite, etwa zwanzigminütige Minioper, "Aufenthalt", basiert auf Texten aus Jelineks Theaterstück "Raststätte oder Sie machens alle".Hinter einer roten Plüsch-Bar stand nun Roland Kluttig und leitete - als Barkeeper und Dirigent - das "Kammerensemble Neue Musik Berlin".Zwei Paare kommen herein, die, unverständlich brabbelnd und geil sabbernd, ihre Wahlverwandtschaften erproben.Den beiden Sängern (Eiko Morikawa und Christian Mücke) und Schauspielern (Ellen Fricke und Michael Hirsch) mißriet dieses "postsozialistische Bauerntheater", wie Elfriede Jelinek ihr Stück nennt, zum bloß stumpfsinnigen Klamauk. Zwar gelang dem Wiener Regisseur Markus Kupferblum in "Elfi und Andi" mit ganz wenig szenischem Aufwand eine spannungsvolle musiktheatralische Studie über den Körper und das Töten, ein gewagter Balanceakt zwischen Grauen und Humor; "Aufenthalt" aber scheiterte, da die Inszenierung ins Banale abglitt.Merkwürdig quer stand hierzu die kunstvoll gestaltete Musik, die mitunter regelrecht opernhaft wirkte, nicht an Ornamenten spart - die Komponistin spielte virtuos mit Elementen aus Vergangenheit und Gegenwart des Genres.

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