Zeitung Heute : Wenn Fremde sich begegnen

Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs oder: das Zusammentreffen fremder Kulturen als Forschungsgegenstand.

Kampf der Kulturen, „Multikulti“, interkultureller Dialog, Parallelgesellschaft, Integration… vielfältig sind die in Alltag und Politik verwendeten Begriffe, mit denen – je nach Perspektive und politischem Standpunkt – Phänomene etikettiert werden, die bestimmte Verlaufsformen oder Resultate der Begegnung zwischen unterschiedlichen Kulturen beschreiben wollen – selten ohne Emotion und oftmals nicht ohne Polemik. Auch wissenschaftliches Reden über Kulturkontakt geschieht kaum „sine ira et studio“ – völlige Wertfreiheit und Unparteilichkeit wird in der Forschung zu diesem Gegenstand nicht zu finden sein, obgleich sich Forschende um größtmögliche Distanz zu ihren eigenen politischen Vorlieben und Positionen bemühen sollten; zu sehr ist das Thema der Kulturbegegnung in ihren unterschiedlichsten Gestalten – von friedlichen und dialogischen bis hin zu gewalttätigen oder gar militärischen Begegnungsformen – selbst in der Wissenschaft emotional besetzt und ein durchaus umstrittenes Feld.

Unter diesem Eindruck hat sich das seit Ende 2006 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Graduiertenkolleg „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs“ zum Ziel gesetzt, die konkrete Erforschung von Phänomenen der Kulturbegegnung in Geschichte und Gegenwart mit Entwicklungen im Wissenschaftsdiskurs – genauer: in den sich wandelnden Theoriebildungen zur Beschreibung und Analyse von Kulturkontakten – in Beziehung zu setzen.

Die zentrale These ist dabei, dass die Untersuchung von Kulturbegegnung stets, wenngleich unterschiedlich ausgeprägt, von theoretischen Vorannahmen (mit)bestimmt ist; dadurch kann nicht nur die Erforschung dieses Gegenstandes selbst, sondern auch der Verlauf von Kulturkontakten maßgeblich beeinflusst werden und sich entsprechend in den Forschungsergebnissen niederschlagen.

Eine solche Thematik ist selbstverständlich nur mit interdisziplinär und international ausgerichteter Perspektive anzugehen. Entsprechend wird das Kolleg auch von Forschenden getragen, die insgesamt ein Dutzend Disziplinen aus vier Fakultäten der Universität Rostock sowie aus der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock vertreten.

Das bisherige Forschungs- und Studienprogramm war unter anderem mit folgenden Themen befasst: Zwangsarbeit und Sklaverei, Auswirkungen von Kulturkontakten auf verschiedene Aspekte von Körperlichkeit, sozioökonomische Bedingungen des Kulturkontakts, Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen Entdeckungen und Kulturkontakten, Verhältnis von Gedächtnis, Erinnerung und Transkulturation. Die Ergebnisse werden in einer eigenen Publikationsreihe veröffentlicht, von der bereits drei Bände vorliegen.

Im zweiten Abschnitt seiner Laufzeit hat das Graduiertenkolleg damit begonnen, neue Akzente zu setzen. So wurden bereits auf dem letztjährigen internationalen Symposium „Akteure der Transkulturation: Grenzgänger, Makler, Mittler“ in den Mittelpunkt gerückt. Das augenblickliche Forschungs- und Studienprogramm ist dem neuen Schwerpunkt „ Flüchtigkeit von Wissen im Kulturkontakt“ gewidmet. Die damit verbundene Frage, wie und warum dieses Wissen bewahrt wurde oder verlorenging, steht denn auch im Mittelpunkt des nächsten internationalen Symposiums (27. bis 30. September 2012).

Der Autor ist Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs – Cultural Encounters and the Discourses of Scholarship“ und Inhaber des Lehrstuhls für Religionsgeschichte – Religion und Gesellschaft.

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