Zeitung Heute : Wenn Gegenstände Urlaub machen Das Netz beschreibt die Reisewege von Geldscheinen und Kartoffeln

Oliver Küch

Wenn etwas eine Reise tut, dann kann es was erzählen. Davon sind zumindest die Macher zahlreicher Internet-Seiten überzeugt. Sie schicken Gegenstände auf Tour, um dann im Internet zu dokumentieren, welche Routen das „Reisebüro Zufall“ oder der menschliche Reiseführer für die mitunter merkwürdigen Passagiere gebucht hat.

Wer schon immer wissen wollte, wohin das eigene Geld so verschwindet, dem gelingt es vielleicht auf Seiten wie www.myeuro.info , www.eurobilltracker.com oder www.eurotracer.net , die eigene Euro-Krötenwanderung aufzuklären. Ist die Seriennummer eines Scheins registriert, lässt sich die Route nachvollziehen. Falls nicht, kann man die Nummer eingeben und so selbst eine kleine Verfolgungsjagd inszenieren.

Leider sind die Reiseberichte spärlich und mit Formulierungen wie „Zustand gut, zweimal gefaltet, an einer Tankstelle erhalten“ sehr profan und wenig spannend zu lesen. „Leider gibt es noch keinen Schein, der von Portugal nach Finnland gereist ist“, sagt Thorsten Weber, der myeuro.info als Programmierübung gestartet hat. Die Chance, den eigenen Euro zu entdecken, ist verschwindend gering. Wesentlich bessere Aussichten haben Dollarbesitzer, denn die Seite www.wheresgeorge.com erfreut sich in den USA großer Beliebtheit und informiert humorvoll über die Dinge, die mit einer Banknote gekauft werden. So kann man etwa die Vorliebe eines Dollarscheins für das Fastfoodmilieu feststellen, der sich ausschließlich für Burger und Bagel verwenden lässt.

Eine ungewöhnliche Fotosafari findet unter www.phototag.com statt. Die Macher setzten Einwegkameras aus, denen sie Tiernamen gaben und die sie mit einem Rücksende- Etikett und ausreichend Porto versahen. Finder sollen je ein Foto machen und dann die Kamera weitergeben, ist der Film voll, geht’s per Post nach Hause. Bislang haben jedoch nur vier der 38 bereits 2001 ausgesetzten Kameratiere den Rückweg in den heimischen Internet-Stall gefunden. Dass es sich lohnt, die Seite weiterhin aufrechtzuerhalten, bewies jüngst aber Shark, der Hai, der erst vor wenigen Tagen heimkehrte.

Tierisch geht’s auch auf Seiten wie www.foundaduck.com zu, wo eine Gruppe von 500 Gummienten unter Beobachtung steht, die im März 2003 von Alaska aus eine Weltreise antrat.

Während die Entchen damit prahlen, wo sie schon überall waren, sind die 1000 Tagebücher echte Kreativurlauber, die unter http://1000journals.com ihre besten Seiten offenbaren. Die Bücher reisen im kulturellen Auftrag und sind Teil eines surrealistisch angehauchten Kunstexperiments.

Jeder Mensch, der Besuch von einem der tausend Tagebücher erhält, soll einige Seiten mit Texten, Fotos, Collagen oder Zeichnungen gestalten, wodurch am Ende kollektive Kunstwerke entstehen sollen. „Die Tagebücher haben die ganzen Vereinigten Staaten und 35 weitere Länder bereist“, sagt Brian Singer, der Reiseveranstalter der Tagebücher, der mit seiner Idee nebenbei Menschen ermutigen wollte, ihre Schüchternheit zu überwinden und selbst als Künstler tätig zu werden.

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