Zeitung Heute : Wenn Gutes wird beschert

MANUEL BRUG

Anne-Sophie Mutter und das London Symphony OrchestraSchon schön.Besser kann man wohl derzeit Ludwig van Beethovens Violinkonzert nicht spielen.So wohlklingend und rund, so sorgfältig artikuliert, so vollkommen.Mit klarem, schlankem Ton, leuchtend sich weitenden Bögen, sicher plazierten, sanft ausschwingenden Trillern.Die Partitur dargereicht auf dem Silbertablett - zum allseitigen Wohlgefallen.Wenn soviel Gutes wird beschert ...danke, Anne-Sophie Mutter. Doch gehen wir nur ins Konzert, um Bestätigung und unantastbaren, sich selbst genügenden Schönklang zu finden? Der alte Karajan, so sagt man, habe seine Salzburger Opernproben immer zum Playback der bereits vorher aufgenommenen, zur Veröffentlichung bereiten Platten abgehalten: Und ähnlich wirkte auch dieser Abend in der Berliner Philharmonie.Anne-Sophie Mutter und das London Symphony Orchestra unter Colin Davis zelebrierten Beethoven als Hochamt in Tönen.Wären da nicht ein paar harsch angegangene Doppelgriffe kurz vor der Kadenz im ersten Satz gewesen, man hätte glauben können, da liefe ein Band, so risikolos, ohne jeden Wagemut wurde musziert.Das Orchester als Luxus-Hintergrund, der Dirigent, der seiner hyperperfekten Solistin die Impulse überläßt.Das hatte nichts Eitles oder Anmaßendes, wirkte nur seltsam erstarrt, weil die Tempi sich ins Unendliche dehnen, im Finalthema jeder Ton einzeln von den Saiten sich zu lösen schien.Da stand eine wunderschöne junge Frau in der Blüte ihrer Jahre und spielte abgeklärt und weise wie eine Pultveteranin.Beethovens, gar nicht so schweres, langes, aber präzise gegliedertes, immer zart und kaum auftrumpfendes Konzert wurde zum schwerfällig starren Vehikel, dessen einziger Zweck es schien, Schönheit zu verbreiten.Das freilich gelang im Übermaß. Das London Symphony Orchestra ist ein sehr gutes, ausgewogen musizierendes Orchester.Mit delikaten Streichern und - gerade im Vergleich zum Berliner Philharmonischen Orchester - wenig individuellen Holzbläsern.Dafür tönt die Hörnergruppe hervorragend und harmonisch.Alles Tugenden, die Brahms 4.Sinfonie e-moll zur Zierde gereichten.Und wie im großen Passacaglia-Finale auch ein Ringen erlebbar war, ein sich Eindunklen, Verkrampfen, Ballen und endlich Loslassen und in die fast verlegen zurückgenommene Stretta schnellen, wurde sogar aus einem Tournee-Programmpunkt eine Interpretation.Die hatte Colin Davin zuvor tunlichst vermieden.Mit gekonnter Al-fresco-Pinselei wurde da zugedeckt und übermalt.Nichts war zu spüren von der Wehmut des Themas im Kopfsatz, nichts von der grimmigen Brillanz des Scherzos.Nur im Andante ließ ein wackliger Übergang aufhorchen.Brahms als Dutzend-Brahms: nach dem Edelstein-Beethoven war das einfach zuviel des Guten.MANUEL BRUG

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