Zeitung Heute : Wenn keiner sich bewährt

Auch die Ärzte sind schuld am Tod von Stephan N., sagt der Richter – die angeklagten Polizisten im Kölner Prügelprozess müssen nicht in Haft

Ingrid Müller-Münch[Köln]

Der Richter hat es gerade „Denkzettel“ genannt. Der dem er galt konnte nach jener Nacht, damals vor zwei Jahren, nicht mehr denken. Er ist zwei Wochen später im Krankenhaus gestorben.

Die Gesichter der sechs Angeklagten drücken das aus, was sie wohl auch empfinden: Bestürzung angesichts dessen, was die Kölner Schwurgerichtskammer da am Freitag in ihrem Urteil verkündet. Und was für sie immerhin bedeuten könnte, dass sie niemals wieder als Polizeibeamte arbeiten dürfen. Denn laut Beamtenrecht wird jeder Polizist entlassen, der zu mehr als elf Monaten Haft verurteilt wird, egal, ob mit oder ohne Bewährung. Noch ist offen, ob das Urteil gegen die Männer – zwölf bis 16 Monate auf Bewährung wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung im Amt mit Todesfolge – rechtskräftig werden wird. Denn ihre Anwälte kündigen gleich nach der Urteilsverkündung Revision an.

Bis zuletzt hatten die sechs Kölner Polizisten ihre Unschuld beteuert. Sie hätten doch rechtmäßig gehandelt, sich gegen einen renitenten Widerständler gewehrt. „Ich bin kein gefühlloser prügelnder Polizist“, hatte ein Angeklagter dem Gericht noch am Donnerstag versichert. Alles sei vielmehr eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ gewesen. Und ein anderer widersprach heftig dem Vorwurf der Staatsanwältin, sie alle hätten dem 31-jährigen psychisch kranken Stephan N. eine „Abreibung“ verpasst. All dies stimme doch gar nicht. Man habe sich damals auf der Wache richtig verhalten.

Das Gericht sah dies am Freitag anders: Die Angeklagten hätten einen wehrlosen Mann misshandelt. Sie seien dabei einvernehmlich vorgegangen. Die Stephan N. verpassten Tritte und Schläge seien ihm „aus Ärger“ versetzt worden, und eben auch, um ihm einen „Denkzettel“ zu verpassen. Sie seien eine Art Abrechnung gewesen für den Widerstand, den N. zuvor bei seiner Festnahme geleistet hattte. So sagt es der Vorsitzende Richter der 11. Großen Strafkammer des Kölner Landgerichts, Bruno Terhorst. Und im voll besetzten Saal ist es mucksmäuschenstill.

Besonders hart trifft die Angeklagten vielleicht die Wertschätzung, die Richter Terhorst in seiner Urteilsbegründung jenen beiden Polizistenkollegen gegenüber ausdrückt, die das Geschehene überhaupt erst an die Öffentlichkeit gebracht hatten. Ein junger Mann, eine junge Frau, sie hatten einen Tag nach den Prügeln für Stephan N. ihren Vorgesetzten und später einer eigens deswegen eingerichteten Mordkommission geschildert, wie brutal in der Nacht des 11. Mai 2001 auf der Kölner Innenstadtwache Eigelstein mit dem Festgenommenen umgegangen worden war. Zu dem Zeitpunkt war N. schon ins Koma gefallen, aus dem er nicht mehr erwachte.

Alles hatte man von Seiten der Angeklagten versucht, um die Aussagen dieser Zeugen zu demontieren. Sie hätten doch ein Verhältnis miteinander, wurde kolportiert; als ob das ihre Glaubwürdigkeit erschüttern könnte, fragte sich erstaunt das Gericht. Einer der Anzeigeerstatter hätte doch selbst bei den Misshandlungen mitgemacht, hätte in die Zelle, in der Stephan N. am Boden lag, „reingemoppt“. Alles Gerüchte, befindet das Gericht. Und überhaupt, auf die Anzeige der beiden jungen Kollegen hätten die Angeklagten „wenig Konkretes“ entgegnet, deren Geschichte keineswegs widerlegt. Nein, das reiche nicht, erklärt die Kammer und zeigt sich von der Richtigkeit der Aussagen der beiden überzeugt.

So kommt das Gericht vor allem wegen der Bekundungen der zwei Zeugen zu dem Ergebnis, dass es auf der Wache Eigelstein zu Körperverletzungen, Schlägen und Tritten gegenüber dem am Boden liegenden Stephan N. gekommen war. Richter Terhorst merkt an, dass Strafgerichte an und für sich schon Verständnis dafür hätten, wenn bei einem schwierigen Einsatz, wie dem zuvor in der Wohnung des N., „mal Schläge ohne Not ausgeteilt würden“. Wenn aber die eigentliche Gefahrensituation vorbei sei, der Festgenommene auf die Wache gebracht wurde, bestehe kein Anlass, „auf einen solchen Gefesselten zu schlagen und zu treten“. Dafür „gibt es keine Rechtfertigung“, denn der am Boden liegende hätte sich zwar noch aufbäumen, drehen oder auch mit den zusammengebundenen Beinen treten können. Aber dem hätten die Polizisten „ausweichen können und müssen“.

Eins bleibt am Freitag noch ungeklärt: Welche Rolle bei alldem eigentlich die Ärzte der Notaufnahme spielten, in die der blutende, festgezurrte, höchst erregte Stephan N. irgendwann am Abend eingeliefert wurde. Richter Terhorst jedenfalls wirft den dortigen Ärzten vor, dass sie, statt Hilfe zu leisten und Leben zu retten, versucht hätten, Stephan N. eine Blutprobe zu entnehmen. Hätte man den eindeutig an einer Psychose leidenden Patienten stattdessen ruhig gestellt, sediert, dann wäre er „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum Tode gekommen“. Inzwischen erwägt die Kölner Staatsanwaltschaft, ob gegen die verantwortlichen Ärzte Ermittlungen eingeleitet werden.

Nach Ansicht des Gerichts steht allerdings eindeutig fest: Der Tod von Stephan N. „wurde auch durch die Körperverletzungen verursacht“. Die offenbar bestehende Mitschuld der Krankenhausärzte, ein ausgesprochen schwieriger Einsatz gegen einen renitenten, wenn auch kranken Mann: All dies hat dazu geführt, dass die Kammer mit ihrem Strafmaß unter den Anträgen der Staatsanwältin bleibt.

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