Zeitung Heute : Wenn Kunsthistoriker zu Kunsträubern werden

NICOLA KUHN

"Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus": Drei Tage lang untersuchte ein Kolloquium im Hamburger Bahnhof das Verhalten von Kunsthändlern, -historikern und Künstlern im Dritten ReichVON NICOLA KUHNAm meisten dürften sich die Beteiligten selber darüber gewundert haben: Über fünfzig Jahre nach Kriegsende und zahllosen Debatten in anderen Berufsständen nehmen endlich auch Kunsthistoriker und Künstler sich und ihr Verhalten im Dritten Reich unter die Lupe.Doch die Erklärungen für eine solch späte Aufarbeitung fielen ebenso vage aus wie die Antworten auf die eigentliche Frage: Wie konnte all das passieren? Der Anfang ist zumindest gemacht, denn auf Einladung der 1995 gegründeten Ferdinand-Möller-Stiftung diskutierten Kunstwissenschaftler, Museumskuratoren und Philosophen am Beispiel konkreter Fälle mögliche Gründe.Daß die Auseinandersetzung heute noch ein heikles Thema ist, wurde während des Kolloquiums im Hamburger Bahnhof immer wieder spürbar."Es kann nicht darum gehen, diese Kunst nachträglich des Faschismus zu zeihen", führte etwa die Münchner Kunsthistorikerin Carla Schulz-Hoffmann die Referate über die der Nazi-Macht gefährlich nahe gerückten Künstler Rudolf Schlichter, Franz Radziwill, Max Beckmann und Oskar Schlemmer ein.Und der Berliner Hans-Ernst Mittig erklärte als vorsichtige Strategie: "Unser Ziel ist es nicht, Einzelne posthum bloßzustellen, sondern über sie das Verhalten einer ganzen Gruppe zu erhellen." Nachdem Nationalgalerie-Direktor Peter-Klaus Schuster mit einem Aplomb die Tagung eröffnet hatte ("Die Nazis haben die Moderne durch ihre Verfolgung vor dem Sündenfall, vor der Blamage bewahrt."), gingen die Kolloquiumsteilnehmer drei Tage lang den mühsamen Weg zurück.Der vor zwei Monaten nach Halle berufene Heinrich Dilly und Mittig verklammerten diesen Gang nach Canossa mit Appellen für die Zukunft: Der eine mahnte zur Detailarbeit und forderte die Offenlegung jener vom Kunsthistoriker zum Kunsträuber pervertierten Kollegen, der andere verwies auf die heutigen Gefahren von Anpassung und Korruption angesichts drohender Arbeitslosigkeit und des wachsenden Einflusses von Sponsoren und Investoren.Zur Erhellung der damaligen Situation trugen aber vor allem die jungen Forscher bei, die analytisch kühl den Werdegang etwa eines Museumsdirektors wie Ludwig Justi (Andrea Bärnreuter), eines Publizisten wie Will Grohmann (Monika Wucher) oder eines Kunsthändlers wie Karl Haberstock (Jonathan Petropulos) im Dritten Reich darlegten, Moralisierungen unterließen und die Schlußfolgerung den Zuhörern überantworteten.Immer wieder zeigte sich, daß gerade in den Jahren bis 1937 die Grenzen zwischen national und nationalsozialistisch fließend waren.Die Vorstellung einer originär "deutschen" Kunst ließ so manchen Maler und Kunsthistoriker Tuchfühlung mit den Nazis aufnehmen und dort seinen Vorteil suchen.Daß auch umgekehrt die Nationalsozialisten sich der Kunsthistoriker bedienten, wies der Berliner Uwe Fleckner am Beispiel von Carl Einsteins Propyläen-Band der "Kunst des 20.Jahrhunderts" nach.Als in den ersten Jahren des Regimes die Linie der NS-Kulturpolitik noch nicht feststand, der Expressionismus zeitweilig sogar offizielles Wohlwollen genoß, hielt sogar die Nolde-Einschätzung eines Antifaschisten wie Einstein als Argument für die Diskriminierung des Brücke-Künstlers her.Vor allem sein umfangreicher Bilderteil diente den jeweiligen Kontrahenten zur Diffamierung der Avantgarde. Hatte der Hamburger Historiker Peter Reichel die "Janusköpfigkeit" des Regimes in die Debatte gebracht, so tauchte dieser Begriff in abgewandelter Form auch für den Kunstbereich immer wieder auf.Hans-Ernst Mittag diente sie am Ende gar als mögliche Erklärung für das Versagen seiner Gilde während des Dritten Reiches: Die Inkonsistenz des Systems sei kein Mangel, sondern Methode gewesen.Die verschiedenen Assoziationsebenen des nationalsozialistischen Programms hätten vielfältige Anknüpfungspunkte geliefert.Gerade bei Künstlern und Kunsthistorikern, die berufsbedingt auf den vermeintlichen Impuls von Innen setzten, habe es eine Affinität zur Irrationalität der NS-Ideologie gegeben. Daß mindestens ebenso stark materielle Interessen wirken konnten, belegt das Beispiel Karl Haberstock, dem erfolgreichsten Kunsthändler im Dritten Reich, der "aus rein geschäftlichen Gründen in die Partei eingetreten" war, wie er später selbst bekundete.Gerne hätte man in diesem Rahmen auch mehr über das Wirken seines Kollegen Ferdinand Möller erfahren, dem Namensgeber der einladenden Stiftung.Leider blieb die Gelegenheit ungenutzt.Die Bemerkung des Potsdamer Kunsthistorikers Andreas Hüneke, Möller sei als staatlich beauftragter Händler konfiszierter Kunst am wenigsten der Vorwurf zu machen, er habe die Rüstungsindustrie unterstützt, reichten da nicht hin. Ein Anfang zur Aufarbeitung ist also gemacht, auch wenn die Kunsthistoriker selbstkritisch eingestehen, methodisch 10 bis 15 Jahre hinterherzuhinken.Und auch eine Forderung gleich mitaufgestellt: Daß die Kunstgeschichte auf ihrem genuinen Gebiet endlich die faschistische Kunst selbst untersuchen können müsse.Doch die bleibt bislang weggesperrt: in den Depots der Oberfinanzdirektion München.

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