Zeitung Heute : Wenn Maus-Athleten um die Siegerprämie kämpfen

BERTRAM KÜSTER

Die linke Hand des Spielers huscht geschickt über die Tastatur, während die rechte ebenso virtuos die Maus bedient.Gelegentlich befreit sich Jens von seinem Kopfhörer, um seinem Partner blitzschnell rätselhafte Kommandos zuzurufen.Dann wendet er sich sofort wieder dem Monitor zu.Der siebenundzwanzigjährige Informatikstudent ist einer von über 250 Teilnehmern des größten Berliner Starcraft-Turniers (der Tagesspiegel berichtete), das an diesem Wochenende in die Endphase geht.

Ausrichter der Veranstaltung ist die Netzstatt im Tegeler Eichhorster Weg, eine Firma, die PC-Spielern die Möglichkeit gibt, im hauseigenen Computer-Netzwerk zu spielen.Angesagt ist derzeit vor allem Blizzards Echtzeit-Strategie-Game "Starcraft".Drei Völker - Terraner, Zerg und Protoss -, mit jeweils unterschiedlichen Fähigkeiten und Einheiten kämpfen in der virtuellen Arena um Rohstoffe und Terrain.Ziel des Spiels ist es - wie sollte es anders sein -, den Gegner zu vernichten.Im Turnier spielen je zwei Spieler im Team gegeneinander."Einzelspieler haben in der Regel keine Chance", erklärt Veranstalter Thorsten Zippan.

Am Freitag abend ist der Seminarraum der Netzstatt mit rund fünfzig Teilnehmern, die zugleich auch den größten Teil des Publikums stellen, gut gefüllt.Als ob alte Vorurteile gegenüber PC-Gamern hier demonstrativ bestätigt werden sollten, finden sich darunter vor allem Schüler, Azubis und ein paar Informatikstudenten.Eine einzige Frau nimmt am Turnier teil, aus einem Team aus Halle.Ebenso sticht der mit 49 Jahren älteste Teilnehmer aus der Menge der meist jugendlichen Spielfreaks heraus.

In der Mitte der Kampfarena, in der die virtuellen Schlachten ausgefochten werden, stehen sechzehn Computersysteme, je acht einander gegenübergestellt.Auf diese Weise können jeweils vier Partien gleichzeitig stattfinden.Dazwischen, eher als Sichtschutz denn als Ansporn gedacht: mehrere lebensgroße Protoss-Krieger aus Pappe.Die Zuschauer schauen den Spielern über die Schultern und verfolgen das, für Laien kaum durchschaubare Geschehen auf den Monitoren.Ziemlich ruhig ist es in dem Raum.Aus den Kopfhörern dringen nur dumpf die Kampfgeräusche der laufenden Partien.Das Publikum unterhält sich angeregt und ausschließlich über ein Thema: Starcraft, die besten Taktiken für die Protoss, die Vorteile der Zerg, das beste Teamplay.Der Eindruck, daß es sich um eine echte Sportveranstaltung handelt, verschärft sich, als der Spieler eines Teams nach der Niederlage resignierend die Hände hinter dem Kopf verschränkt, während sich das gegnerische Team abklatscht - wie zwei Tennisprofis im Doppel.

Wie im echten Sport gibt es auch auf dem Turnier unterschiedliche Klassen.Als erstes, die Freizeitspieler: Zu ihnen gehört Lutz Scholz, der älteste Teilnehmer des Turniers, der zusammen mit seinem Schwager angetreten war."Unser Team ist zusammen 90 Jahre alt", sagt Scholz und erzählt von seinen Pioniertagen, Ende der Siebziger, als er bereits den Urahn aller Computer- und Videospiele, "Pong" gespielt hat.Das vorzeitige Aus in der Vorrunde kam für Scholz nicht überraschend: "Gegen die Jungen habe ich keine Chance.Die haben viel schnellere Reaktionen als ich", erklärt er.

Nach einer Mittelklasse folgen einige Teams, die man getrost zu den Profis zählen kann.Sie haben die Tastatur während der Partie lässig auf dem Schoß liegen oder bringen ihre eigenen Mäuse und Keyboards mit.Zwei Teams dieser Kategorie sind den ganzen Abend in aller Munde: Jens Petersen und Frank Milczewski alias "Dittmeyers Entsafter" gegen die beiden achtzehnjährigen Schüler Benjamin Bartsch und Christian von Prollius mit dem brachialen Teamnamen "Get your Death".Petersen und Milczewski eigneten sich ihre Fähigkeiten online im "Battlenet" an, Blizzards Spieleserver im Internet, auf dem weltweit mehrere tausend PC-Gamer gegeneinander antreten und in einer Weltrangliste geführt werden.

Die beiden Schüler treffen sich dagegen alle drei Wochen mit Freunden zum Netzwerkspielen, haben aber für das Turnier extra ein kleines "Trainingslager" veranstaltet: "Zwei Tage lang haben wir uns mit dem Pizza-Service eingebunkert und zwanzig Stunden gespielt", sagt von Prollius.

Während des vorweggenommenen Finales ist es im Raum noch ruhiger als vorher.Nur noch das hektische Klicken der Maustasten ist zu hören.Nach einem zehnminütigen Angriffsverbot gehen die Einheiten aufeinander los.Die Protoss wehren sich mit allen Kräften gegen die Zerg der beiden Schüler, doch nach einer halben Stunde ist es vorbei.Das Volk der Protoss gibt sich geschlagen."Und wer war jetzt der Gegner?", fragt Petersen verwundert über die unerwartete Niederlage und sucht seine Gegenspieler.Zum ersten Mal an diesem Abend gibt es Applaus.Auch Veranstalter Zippan ist begeistert: "Eines der schönsten Spiele, das ich je gesehen habe." Der Mann muß es wissen.

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