Zeitung Heute : Wenn Münzen virtuell klimpern

STEFAN KAUFER

Dem E-Commerce gehört die Zukunft.Will der Kunde etwas online kaufen, gehören ihm Software, Buch oder Gerät zumeist schon nach ein paar Mausklicks.Nur wenn es ans Bezahlen geht, ist das derzeit noch wesentlich zeitaufwendiger.Da ist man in der Regel immer noch auf seine Kreditkarte, das Homebanking oder gar die herkömmliche Überweisung angewiesen.Ein Zahlungssystem, mit dem genauso prompt kassiert wie gekauft werden kann, hat sich David Chaum - Gründer der in den Niederlanden ansässigen Firma DigiCash - mit "E-Cash" (elektronisches Bargeld) ausgedacht.Neben anderen, vergleichbaren Versuchen hat seine "digitale Bargeldherstellung" die größte Chance auf Verbreitung.

E-Cash ist ein speziell für das Internet entwickelter Ersatz von "richtigem Geld".Das heißt, sein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Zahlungsmethoden liegt nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern auch in der Anonymität der Bezahlung.Denn von dem beim E-Cash verwendeten Zahlencode kann nach der Transaktion niemand persönliche Daten über den Käufer erfahren - im Gegensatz etwa zu einem Kauf per Kreditkarte.

In groben Zügen beschrieben funktioniert es so: Wer im WWW auf Einkaufstour gehen möchte, muß zunächst von seiner Bank einen beliebig hohen Betrag auf sein "elektronisches Girokonto" bei einem Kreditinstitut überweisen, das mit DigiCash oder vergleichbaren Lösungen zusammenarbeitet.Um von dem "digitalen Konto" nun "Bargeld" zu bekommen, läßt man sich mit der E-Cash-Software zuhause am Rechner per Zufallsgenerator eine persönliche "Seriennummer" erstellen, die dem gewünschten Betrag zugewiesen werden soll.Diese Zahl wird gleich verschlüsselt und zusammen mit einer weiteren Ziffer, die die Höhe des gewünschten Betrags anzeigt, an den Server der Bank gesendet.Hier wird sie durch eine "blinde Signatur" zum Ausgeben fertiggemacht.Das bedeutet, daß die Bank für diesen Betrag die Zusage der finanziellen Deckung erteilt, ohne die ihm zugehörige "Seriennummer" zu kennen.Sie zieht nur den entsprechenden Geldbetrag vom "elektronischen Girokonto" des Kunden ab und sendet den für sie nicht lesbaren Code mit angehängter "Signatur" an ihn zurück.Der kann sein gültig gewordenes "Bargeld" nun wieder entschlüsseln und beim Online-Shopping ausgeben, das heißt, seine "Seriennummer" mit angefügter "Bank-Unterschrift" an den Verkäufer zur Bezahlung eines Produkts schicken.Dieser wiederum schickt die Zahl gleich an denselben Bankserver und hat sofort die Möglichkeit, online die Echtheit der "Signatur" (die Deckung) sowie die Höhe des Betrages überprüfen lassen und kann die gekaufte Ware beruhigt absenden.Die Bank schreibt ihm nun auf seinem "digitalen Konto" den Betrag gut und nimmt die zugehörige "Seriennummer" in eine Liste des "ausgegebenen Geldes" auf, damit nicht mehrmals mit der gleichen Zahl eingekauft werden kann.Damit ist die Transaktion beendet und niemand kann mehr in Erfahrung bringen, wem dieser "Geldschein" einmal gehört hat.

Um E-Cash wirklich zu einem Echtzeit-Zahlungsmittel werden zu lassen, müssen die Verschlüsselungen, Übertragungen und Verifizierungen sehr schnell ablaufen.Für die Sicherheit des Geldflußes kommt zusätzlich den Verschlüsselungstechniken eine besonders wichtige Rolle zu.Denn kann die "Seriennummer" vor dem Kauf von jemand anders herausgefunden und raubkopiert werden, ist der Betrag für den Kunden verloren, denn da die Bank die Zahl nicht kennt, kann sie den Vorgang auch nicht stornieren.Vielleicht ist mit ein Grund, warum der Markt seit der Einführung von DigiCash 1995 immer noch ziemlich verhalten auf das Zahlungsmittel reagiert.

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