Zeitung Heute : Wenn sie wüßten, was sie verpassen...

EVA SCHWEITZER

Je später die Bonner Abgeordneten nach Berlin kommen, desto größer wird das Stück Ost-West-Geschichte sein, das ohne sie abgelaufen ist VON EVA SCHWEITZER

Wissen Sie, was "temporäre Ergänzungsgebäude" sind? Nein? Das sind Container.Sie stehen in Bonn in rauhen Mengen herum, vor Ministerien und vor dem Bundestag.Bonn platzt nämlich aus allen Nähten.Leider darf dort nicht mehr gebaut werden, Bundestag und Bundesregierung ziehen schließlich um, nicht sofort, aber Ende 1998 oder 1999, vielleicht auch im Jahr 2000, jedenfalls bald.Da lohnt es kaum, am Rhein noch zu investieren.Deshalb die temporären Ergänzungsbauten.Muß ziemlich ungemütlich sein, dort im Winter zu sitzen. Wissen Sie, was Provisorien sind? Provisorien gibt es nicht in Bonn, die gibt es nur in Berlin.Provisorien sind Altbauten.Eigentlich sind es recht solide Gebäude, die gar nichts provisorisches an sich haben.Vielmehr haben Sie Zentralheizung, Aufzüge, ISDN-Leitungen und so fort.Aber sie können nur provisorisch genutzt werden, denn der Bundestag wird in Berlin in Neubauten ziehen, wunderschön, streng funktional, nachgerade perfekt und allesamt miteinander durch Brücken und Tunnel verbunden. Schon aus diesen Begriffen läßt sich die Bangigkeit ablesen, mit der viele Bonner immer noch auf Berlin blicken.Man mag sie schon gar nicht mehr aufzählen, die vielen tausend Büroquadratmeter, die überall um den Reichstag zu finden sind, Altbauten, Plattenbauten, Bauten, die man mieten kann, Bauten, die leerstehen.Nein, ein Problem von Gebäuden und Flächen ist dieser Umzug nicht. Daß der Bundestag - bei der Bundesregierung sieht es inzwischen etwas anders aus - keine Provisorien will, sondern die perfekte Lösung, war der Preis, der für den Umzugsbeschluß gezahlt werden mußte.Sonst hätten die Befürworter des Umzugs die fast gleichstarke Minderheit der Gegner nicht auf ihre Seite gebracht.Und von der perfekten Lösung ist der Bundestag noch nicht abgerückt.Gerade in diese harten Zeiten, wo alle vom Sparen reden, will doch jeder an dem bißchen Wärme und Luxus festhalten, das noch bleibt. Nun plant also der Bund in großem Maßstab in Berlin.Er baut und saniert, daß die Milliarden nur so purzeln, ängstlich beäugt vom Rest Deutschlands; ängstlich beäugt mittlerweile auch von vielen Berlinern, die sich, entgegen allem, was man gemeinhin über sie sagt, das alles auch mehrere Nummern kleiner hätten vorstellen können. Dabei haben es die Gegner des Umzugsbeschluß geschickt geschafft, vergessen zu machen, daß es nicht an Berliner Wünschen liegt, daß die Betonmischer hier Hochkonjunktur haben.Es gehört offenbar zum Wesen einer Regierung, daß sie fortwährend danach trachtet, den Platz, den sie einnimmt, zu vergrößern und zu verschönern.Auch in Bonn standen die Milliarden schon abrufbereit, zahlreiche Neubauten für Ministerien, den Bundesrat und den Bundestag waren geplant, einige davon - wie das Milliardengrab Schürmannbau - wurden gar schon begonnen, obwohl Berlin ins Haus stand.Wahrscheinlich ist eine Baubürokratie in vollen Schwung damit überfordert, von heute auf morgen von hundert auf Null zu schalten. Und auf Null hat die Baubürokratie von Bonn bis heute nicht geschaltet.Sicher, es wirkt aus Berliner Sicht mißgünstig und kleinkrämerisch, darauf hinzuweisen, daß der Ausgleich für Bonn Summen verschlingt, die man vernünftigerweise einer Stadt vergleichbarer Größe, deren Hauptarbeitgeber den Betrieb verkleinert - mehr ist es ja nicht - nicht zugestehen würde.Aber es ist eine Debatte, die geführt werden muß, und der Bundestag ist gefordert, sie zu führen.Abgeordnete, die ihren Sparwillen, den Umzug betreffend bekundet haben, sitzen dort ja genug. Was nun aber die Abgeordneten betrifft, die so erpicht darauf waren, Provisorien zu meiden und die perfekte Lösung anzustreben: Sie bezahlen ein Mehr an physischen Komfort mit einem Verlust an Erfahrungen und an Bereitschaft, aufgenommen zu werden.Die Aufbruchsstimmung der Maueröffnung haben sie schon versäumt.Je später sie in die Stadt kommen, desto größer wird das Stück Ost-West-Geschichte sein, das ohne sie abgelaufen ist, und desto schwerer werde sie es haben, dazuzuhören. Eigentlich ist es noch nicht zu spät.Die Bonner können immer noch ihre temporären Ergänzungsgebäude auf Lastwagen laden und damit nach Berlin fahren.

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