Zeitung Heute : Wenn’s zu viel wird

Veranstalter, die Reisen überbuchen, müssen Schadenersatz zahlen – über Rechte und Pflichten

Alexander Visser

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass Reiseveranstalter bei Überbuchung gegebenenfalls Schadenersatz zahlen müssen. Wie wird sich das Urteil auf das Reisegeschäft auswirken?

Das Pärchen hatte sich auf das Schnorcheln gefreut. Das zum Hotel auf den Malediven gehörende Hausriff lockte im Reisekatalog mit Unterwasserwundern. Eine Woche vor Reiseantritt meldete sich der Veranstalter Tui: Das Hotel sei überbucht, die beiden Urlauber sollten ein anderes Domizil beziehen. Dort gab es aber kein nahes Hausriff. Die Urlauber lehnten das Angebot ab. Der Reiseveranstalter erstattete den Preis zurück – das gehört in einem solchen Fall zum Standard. Doch die Urlauber fühlten sich um die schönsten Wochen des Jahres betrogen und klagten auf Schadenersatz. Zu Recht – hat der Karlsruher Bundesgerichtshof (BGH) am Dienstag entschieden.

Das Urteil betrifft zwei Punkte: Überbuchung und Schadenersatz. Das Urteil betrifft die Frage, was der Anbieter bei einer Überbuchung leisten muss. „Bisher war es für den Veranstalter üblich, Reisende, die beispielsweise ein bestimmtes Hotel auf Mallorca gebucht hatten, in ein anderes Haus umzubuchen“, sagte Reiserechtsexperte Klaus Tonner von der Universität Rostock. „Der Bundesgerichtshof hat nun entschieden, dass sich der Kunde das nicht prinzipiell gefallen lassen muss.“ Dabei ist es egal, ob der Urlauber daheim geblieben ist oder ob er mit einem anderen Veranstalter verreist ist. Er braucht nicht zu beweisen, dass er zu Hause geblieben ist.

Allerdings bleibt offen, welche Konsequenzen das gestrige Urteil in der Praxis haben wird. Denn der verhandelte Fall ist ein Sonderfall: Auf den Malediven befindet sich oft nur ein Hotel auf jeder Urlaubsinsel. Der Veranstalter kann dann kein Alternativhotel auf der gleichen Insel anbieten. Ob der Urlauber auch ein nahes Alternativhotel in gleicher Kategorie ablehnen kann, hat der BGH nicht ausdrücklich festgelegt. „Zumindest werden die Reiseveranstalter jetzt genauer prüfen müssen, ob das angebotene Ersatzhotel tatsächlich vergleichbar ist“, sagte Tonner.

Die zweite grundlegende Frage betrifft den Schadenersatz. Im Wesentlichen hat der BGH die übliche Rechtspraxis bestätigt und die Entscheidung der Vorinstanz abgesegnet. Die hatte den Reisenden neben der Rückerstattung der Kosten eine Entschädigung in Höhe der Hälfte des Preises zugesprochen. Der volle Reisepreis kommt dem BGH zufolge als Schadenersatz nur dann in Betracht, wenn der Reisende „so schwere Beeinträchtigungen erlitten hat, dass er sich während seines Urlaubs überhaupt nicht erholen konnte.“ Salopp gesagt: Eine Entschädigung in Höhe des Reisepreises gibt es nur, wenn im Pool kein Wasser ist und die Mäuse auf der Bettdecke tanzen.

Die Reiseveranstalter gehen nicht davon aus, dass das Urteil bedrohliche Konsequenzen für sie haben wird. Die Zahl der von Überbuchung betroffenen Reisenden bewege sich „im Promillebe- reich“, heißt es bei Tui. „Zudem bieten wir Kunden bei Überbuchung in der Regel höherwertige Alternativhotels an, so dass es selten Grund für eine Klage gibt“, sagte ein Tui-Sprecher.

Bei Pauschalreisen sehen Verbraucherschützer die Rechte des Kunden insgesamt gut geschützt. Offen sei jedoch die Frage des Rücktrittsrechts bei höherer Gewalt, gibt der Stuttgarter Rechtsanwalt Rainer Noll zu bedenken. „Nehmen Sie die Flutkatastrophe, die auch das Urlaubsland Thailand getroffen hat“, sagte Noll. Zwar könne man jetzt von einer Reise zurücktreten. „Aber ob das auch für eine im Herbst gebuchte Reise gilt, ist ungeklärt“, sagte Noll. Angesichts sich häufender Katastrophen und Anschläge werde sich der BGH bald auch mit dieser Frage befassen müssen.

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