Zeitung Heute : Wer an der Reihe ist

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Früherkennung von Brustkrebs

Hartmut Wewetzer

Als Kind bekam ich einmal Post vom Amt. Röntgen-Reihenuntersuchung wegen Tuberkulose. Während meine Eltern die an sie adressierten Postkarten ignorierten und zu Hause blieben, glaubte ich, meine Pflicht tun zu müssen. Ich trottete zu dem Schirmbild-Bus, der durch die Lande fuhr, und ließ meine Lunge röntgen.

Jetzt, Jahrzehnte später, ist es wieder soweit. Mit Beginn des Jahres ist das bundesweite Mammographie-Screening-Programm angelaufen. Auf deutsch: Brustkrebs-Reihenuntersuchungs-Programm. Alle Frauen zwischen 50 und 69 sollen eingeladen werden, sich einer Röntgenaufnahme (Mammographie) ihrer Brust zu unterziehen. Zum Glück hat sich seit den Zeiten der Tuberkulose-Reihenuntersuchung eine Menge getan. Moderne Röntgengeräte helfen, dem Brustkrebs besser auf die Spur zu kommen. Jede Mammographie wird von besonders geschulten Ärzten begutachtet.

Auch Skeptiker müssen inzwischen zugeben, dass die Früherkennung von Brustkrebs das Risiko, an dieser Krankheit zu sterben, nachweislich gesenkt hat. Nach einer amerikanischen Schätzung war die Brustkrebs-Früherkennung knapp zur Hälfte daran beteiligt, dass die Zahl der Todesfälle durch diesen Tumor in den USA deutlich zurückgegangen ist. Oder, um statistisch korrekt zu sein, die Todesrate. Das ist die Zahl der Brustkrebs-Todesfälle bezogen auf 100 000 Frauen im Alter zwischen 30 und 79.

Allerdings gibt es keine staatsbürgerliche Pflicht zur Mammographie. Im Gegenteil: die Entscheidung dafür oder dagegen will überlegt sein. Es gibt keinen Grund für ein schlechtes Gewissen. Nicht umsonst war die Brustkrebs-Früherkennung lange umstritten und ist es immer noch, zumindest zum Teil.

Ein verbreiteter Irrglauben ist der, dass es sich bei der Mammographie um Vorsorge handelt. Das Röntgen der Brust verhütet aber Krebs nicht, sondern hilft bestenfalls, ihn früher zu erkennen. Ein Nachteil der Reihenuntersuchungen ist, dass falscher Alarm ausgelöst wird. Ein vermeintlicher Krebs auf dem Röntgenbild stellt sich bei der Gewebeuntersuchung als harmlos heraus. Oder aber ein Tumor wird nach allen Regeln der Kunst operiert, obwohl er unentdeckt nie zu einem Problem geworden wäre.

Und dann sind da noch jene Krebsgeschwülste, die mit der Mammographie einfach nur früher entdeckt werden, aber bereits unheilbar sind. Die betroffenen Frauen werden früher mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert, ohne deshalb einen Tag länger zu leben. Auf eine Frau, die durch die Früherkennung vor dem Tod an Brustkrebs gerettet wird, kommen zwei, die unnötigerweise behandelt werden. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, welche von den dreien zu Recht und welche unnütz behandelt wird.

Wer eine Einladung zur Mammographie bekommt, sollte sich also zunächst gründlich informieren und sich dann entscheiden. Anders als ich, als ich ein Schulkind war. Von den Leuten im Röntgen-Bus habe ich übrigens nie wieder etwas gehört.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

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