Zeitung Heute : „Wer bin ich eigentlich?“

Ihr Glück schien perfekt: Sie hatte Erfolg und war verliebt. Doch dann wurde das alles zu eng. Jetzt lebt Franka Potente wieder in Berlin. Und ihre Suche ist noch lange nicht zu Ende.

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Entdeckt wurde Franka Potente in einer Münchner Bar, wo sie von einer CastingAgentin angesprochen wurde. 1996 spielte Potente, 29, ihre erste Hauptrolle in Hans-Christian Schmids Film „Nach fünf im Urwald“. Da war sie noch Schauspielschülerin. 1998 hatte sie ihren Durchbruch mit „Lola rennt“ von Tom Tykwer, dem größten deutschen Kassenhit in den USA nach „Das Boot“. Später drehte sie mit Johnny Depp den Film „Blow“ und mit Matt Damon „The Bourne Identity“. Seit diesem Donnerstag ist sie in dem Science-Fiction-Film „Blueprint“ im Kino zu sehen.

Interview: Kerstin Kohlenberg; Foto: Breuel-Bild Frau Potente, fangen wir doch gleich mit der einfachsten Frage an. Woher weiß man, wer man ist?

Was, das soll die einfachste Frage sein? Ich glaube, das ist eine Frage, die man sich wahrscheinlich sein ganzes Leben lang stellen wird. Und die Frage verändert sich auch, weil man weiser wird und sich nicht mehr so ernst nimmt. Aber ich glaube, man versucht es vor allem durch andere Menschen herauszufinden. Deshalb suchen sich die Menschen Partner, je nach Lebensphase auch unterschiedliche, um sich in ihnen, wie in Spiegeln, zu erkennen.

Also, man hofft, in der Reaktion der Menschen, sich selbst zu erkennen?

Ja. Und manchmal gibt es zufällige oder unbewusst selbst herbeigeführte Situationen, in denen geht plötzlich die Tür einen Spalt weit auf, und dann sieht man sich selbst ganz kurz. Und man denkt entweder, das bin ich jetzt gerade oder auch: Das könnte ich in Zukunft sein.

Haben Sie das schon mal erlebt?

Vor anderthalb Jahren. Da ging diese Tür plötzlich auf. Ich hatte zuvor wahnsinnig viel gearbeitet, und jetzt stand ich in meiner Wohnung und hatte das Gefühl, die Wände schieben sich zusammen. Es war so, als ob diese Wohnung zu einer Metapher für das wurde, was in mir drin los war. Die Wohnung war toll und groß und voll mit gemütlichen, geschmackvollen Möbeln. Aber sie war eben voll, man konnte nichts mehr dazustellen. Es war kein Platz mehr. Sie war wie erstarrt, ich hatte das Gefühl, ich kann gar nicht mehr atmen. Und so war auch mein Leben. Ich war unflexibel geworden. Wie viel Zeit zum Beispiel die Beziehung oder das Warten darauf manchmal einnahm. Und ich war unlocker mit meiner Arbeit geworden und überstreng in der Auswahl der Projekte. Es kam nie vor, dass ich gesagt habe, das mache ich jetzt einfach mal so.

Sie haben sich zu alt für Ihr Alter gefühlt?

Ja, ich hatte das Gefühl, irgend ein Teil in mir ist so wahnsinnig ernsthaft, so wahnsinnig alt. Ich war immer so vernünftig, dass ein anderer Teil in mir völlig unterging. Und dieser Teil hatte so viel Energie und Neugier und war so jung und durfte nicht raus. Das ist natürlich ein langer Prozess gewesen, der sich über ein halbes Jahr hingezogen hat. Und ich habe gesagt: Jetzt muss ich erst einmal ein bisschen Alice im Wunderland sein. Und dann bin ich nach Amerika gegangen.

Sie haben sich damals von Ihrem langjährigen Freund, dem Regisseur Tom Tykwer, getrennt. Da war das Leben im Wunderland anfangs bestimmt auch oft blöd?

Klar. Ich habe mir überlegt, dass es eben Beziehungen gibt, die sind 20 Jahre gut, weil sie sich langsam entwickeln, und es gibt die, die irgendwie ganz geballt und wahnsinnig kommen, und die halten fünf Jahre. Aber dann gibt es auch ein klares Ende.

Frau Potente, ich möchte mit Ihnen über Identität sprechen. Gibt es Dinge, die Sie an anderen bewundern, und die Sie selbst an sich vermissen?

Absolut. Es gibt so eine bestimmte Art von Charme, die ich nicht habe. Ich habe vielleicht eine andere Art, die man charmant finden kann, aber mir fehlt die im Oscar-Wilde-mäßigen Sinne oberflächliche, aber sehr charmante Art von Small Talk. Ich sehe das oft an Frauen. Die können auf diese zurückhaltende Art witzig sein. Das kann ich einfach nicht. Ich bewundere solche Leute, denn das kann oft sehr geistreich sein. Vielleicht gehe ich deshalb auch nicht so gerne zu solchen Anlässen, bei denen man viel Small Talk machen muss. Ich fühle mich da sehr prätentiös, unauthentisch und irgendwie auch peinlich. Wenn ich auf solche Frauen treffe… das ist natürlich die klassische Situation, in der man eifersüchtig wird.

Wenn Sie sich im Fernsehen sehen, in einer Talkshow, gefallen Sie sich dann?

Ich bin ein Sprechdenker. Das heißt, ich quatsche alles so raus. Das ist vielleicht authentisch, aber ich finde es schöner, wenn Leute überlegt und kurz antworten. Das zeugt für mich von einer guten Selbstkenntnis, von einer gewissen Weisheit, von Wissen, naja, von Intellekt eben. Ich bin ja oft im Fernsehen und werde da irgendwelchen Quatsch gefragt. Gerade als Frau und Schauspielerin wird man viel Quatsch gefragt. Ich denke immer, was laber ich denn da? Was ist das für eine Scheiße? Aber ich kann mir die Fragen auf der anderen Seite auch nicht aussuchen. Und dann verlabere ich mich manchmal und rede eine halbe Stunde über irgendetwas, über das ich persönlich nie so lange reden würde. Ich rege mich dann hinterher immer so auf – und das ärgert mich! Es gibt Leute, die das besser lösen. Die bleiben höflich, denken kurz nach und bringen die Sache in kurzer Zeit auf den Punkt. Das ist souveräner.

Wie muss eine Situation aussehen, in der Sie sich richtig wohl fühlen?

Viele Leute verwirren mich. Ich kann mich maximal zu zweit gut unterhalten, vielleicht noch zu dritt. Ich bin ein Themenredner. Wenn es mehr Leute werden, bin ich eher Zuhörer.

Egal, ob die Runde aus Frauen oder Männer besteht?

Frauen haben ja ohnehin eine andere Gesprächsstruktur. Da können zwei oder drei Frauen gleichzeitig tonangebend sein. Da fällt man sich mal ins Wort, und keine würde das als unverschämt werten. Bei Männern ist das anders, da muss man sich immer gleich entschuldigen.

Hatten Sie den Eindruck, dass Sie sich den Leuten in Amerika anders gegenüber verhalten haben, als Ihren Bekannten in Deutschland?

Man wird dort ganz anders wahrgenommen als in Deutschland. Mich umwehte da als Europäerin so etwas Exotisches und Abenteuerlustiges, egal ob privat oder beruflich. Das reichte meistens, um mich interessant zu finden. Und darauf reagiert man dann natürlich auch anders.

Waren Sie einsam?

Nein, ich wollte allein sein, aber ich war nicht einsam. Ich bin eh jemand, der die Dinge mit sich selbst ausmacht, bis ich es in präsentablen Häppchen erzählen kann. Alles andere wäre ja auch eine Zumutung gewesen, denen da meine ganze Lebensgeschichte und mein ganzes privates Leidenspäckchen vor die Füße zu werfen. Das hat auch gut funktioniert, denn in den USA, da stellt keiner Fragen. Ich habe mir Los Angeles ausgesucht, eine Stadt mit kompletter Zivilisation, deren Sprache ich spreche, wo ich Freunde habe, aber trotzdem sehr anonym bin. Eigentlich mag ich Los Angeles gar nicht, aber für meine Zwecke war es ideal.

Weil Sie in Los Angeles nichts an Sie selber erinnert hat?

Ja, vielleicht. Es hört sich vielleicht doof an, aber ich hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Kontakt zu Nachbarn. Ich bin natürlich nicht Tom Cruise, das hört sich jetzt vielleicht so an, aber meine subjektive Wahrnehmung war, ich kann wieder am Alltagsleben teilnehmen. Wie wenn mein Leben ab einem bestimmten Punkt anders verlaufen wäre, ich einen Job an einem Stadttheater angenommen hätte und da jetzt glücklich wäre. Los Angeles war ein kurzer Ausflug in ein anderes Leben, weil ich immer gewusst habe, dass ich wieder zurückgehen werde. Die letzten Koffer habe ich erst gar nicht ausgepackt.

Wie sind Sie der verlorenen Franka denn näher gekommen?

Ich hatte das Bedürfnis nach schwerer Literatur, Museen und vor allem nach vielen Dingen, die ich früher schon einmal gemacht habe. Ich bin zum Beispiel wieder zum Fechten gegangen. Das ist ja ein ganz archaischer Sport, in dem man sich als Schüler dem Lehrer total unterwirft. Sehr streng und strukturiert. Oder ich habe mein Schachbrett wieder rausgekramt und habe mit Leuten Schach gespielt. Ich bin auch wieder zum Geigenunterricht gegangen.

Ein klar strukturierter Alltag nimmt einem ja in gewisser Weise das Denken ab. Sie wollten Ihren Kopf für eine Weile ausschalten.

Ich wollte einfach wieder Schüler sein und die Verantwortung abgeben. Ich war auf der einen Seite erschöpft, von dieser Beziehung, in die ich fünf Jahre all meine Kraft gesteckt habe, aber irgendwo mussten diese Energien jetzt ja hin. Ich habe mich selbst ziemlich zersplittert wahrgenommen. Und in Los Angeles war zuerst einmal der Druck weg, keiner hat mich mehr beurteilt. Ich konnte einfach ausprobieren, wer ich gerne sein möchte. Ich habe viel neue Musik gehört, isländische zum Beispiel. Und ich habe mir die unterschiedlichsten Bekannten gesucht, weil ich herausfinden wollte, wer ich selbst gerade bin.

Wen haben Sie sich da zum Beispiel gesucht?

Einer war Rockmusiker, ein Drogentyp mit jüdischer Herkunft, dessen Familie ich auch ein bisschen kennen gelernt habe. Ein anderer war Regieassistent, der ganz gesund gelebt hat, und den es immer wieder in die Berge gezogen hat. Also ganz klischeehaft: der Düstere, Verlebte, Kranke und der gesunde Sportsmann. Ich glaube, ich habe Menschen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten gesucht und mir überlegt: Kann ich damit etwas anfangen?

Und, haben Sie etwas Neues über sich erfahren?

Das wird sich erst in der nächsten Zeit herausstellen. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt wieder in Berlin bin, und damit ist Amerika einfach vorbei. Erst in der Rückkehr dahin, wo man gestartet ist, wird sich herausstellen, was sich an einem verändert hat. Rein äußerlich habe ich mich auf jeden Fall nicht verändert. Ich fühle mich aber entspannter, gelassener. Ich bin ein bisschen nachsichtiger in Bezug auf andere und auch auf mich selbst geworden. Ich war, glaube ich, eine ganze Weile sehr, sehr streng mit allem. Jetzt fühle ich mich wie ein Ritter in einer verbeulten Rüstung, aber mit dem Helm unterm Arm. Und ich weiß, ich bin aus meiner Krise einigermaßen heile wieder herausgekommen. Und ich würde auch eine andere überleben. Mich hat das gestärkt.

Wie haben Sie gemerkt, dass Ihre Zeit in Amerika zu Ende ist?

Ich habe angefangen, mein Berliner Leben zu vermissen. Das Wichtigste, was ich in Berlin durch Tom und die Beziehung gelernt habe, war, sehr analytisch und reflektiert auf mein Leben zu schauen. Und die Gedanken, die man sich da so macht, auch artikulieren zu können. So bin ich Probleme immer angegangen, und das finde ich grundsätzlich immer noch eine gute Haltung. Aber in Amerika habe ich dafür kaum passende Menschen gefunden. Ich musste da alles im Zwiegespräch mit mir lösen. Das hat mich irgendwann doch überfordert. Dadurch bin ich letztendlich auch irgendwie gesundet, und die Sehnsucht nach Berlin kam wieder.

Wie sieht das aus, wenn man sehr analytisch auf sein Leben blickt?

Das heißt zum Beispiel bei einem Streit, sich wirklich hinzusetzen und Perspektivenwechsel von allen Seiten vorzunehmen, sich in einen Mikrokosmos zu begeben, und zu versuchen, den anderen wirklich zu verstehen. Und sich auch selbst zu verstehen, warum argumentiere ich so? Nicht da aufhören, wo die meisten Streits aufhören, an der Oberfläche, sondern es ausdiskutieren. Und sich zur Not auch damit abfinden, dass es keine Lösung gibt. Aber immer insofern konstruktiv bleiben, dass man etwas etabliert, auf das man in der nächsten schwierigen Situation aufbauen kann. Als Ziel soll ja Entwicklung stehen.

Diese Art von Diskussionen hören sich so an, als hätten sie Sie vor einem Jahr aus Berlin weg getrieben.

Vi elleicht habe ich nur eine Auszeit gebraucht. Es muss ja auch nicht immer gleich so tief gehen. Ich glaube, zuhören kann theoretisch jeder, Menschenkenntnis kann jeder aktivieren, Fragen kann jeder stellen. Es geht nicht darum, immer einen guten Tipp zu haben. Manchmal hilft schon eine Frage, die den Perspektivenwechsel leichter macht.

Sie haben mal gesagt, Sie seien wahrscheinlich nur deshalb Schauspielerin geworden, weil Ihr Bruder geboren wurde. Er stand dauernd im Mittelpunkt, und da haben Sie begonnen, Faxen zu machen. Was wäre aus Ihnen ohne den Bruder geworden?

Wahrscheinlich eine Biologie-Lehrerin. Ich habe sogar mal überlegt, ob ich Journalismus studieren soll. Ich hatte Deutsch Leistungskurs, und ich gehe bis heute gerne mit Texten um. Was man in meinem Beruf ja auch tut. Ich analysiere gerne Texte. Bei uns zu Hause war alles auf Bildung ausgelegt. Wir mussten immer fragen, ob wir fernsehen dürfen, und da habe ich damals eben viel gelesen.

Was hat den Ausschlag für die Schauspielerei gegeben?

Das hat sich so entwickelt. Rollenspiele im Kindergarten, Theatergruppen in der Schule, auf dem Gymnasium habe ich eine englischsprachige Theatergruppe ins Leben gerufen – ich war übrigens auch mal Klassensprecherin, fällt mir ein. Ich habe dann in der Zeitung von der Folkwangschule gelesen, da bin ich überhaupt erst darauf gekommen, dass es Schauspielschulen gibt. Ich habe zusammen mit einem Freund, Markus Schneider, im Wäschekeller geprobt, und mit 17 haben wir uns zum ersten Mal beworben. Und sind beide in die zweite Runde gekommen. Das war ja schon was. Nach dem Abitur habe ich es noch mal probiert, und da hat es geklappt.

Ihr Vater ist Lehrer, Sie kommen nicht gerade aus einer künstlerischen Familie. Haben Sie sich mal gefragt, woher so ein Interesse und Talent kommt?

Nö. Ich hatte nie so einen Blick auf mich. Die Schauspielerei hat mir immer Freude gemacht, und es lief alles so glatt. Ich weiß auch nicht, ob ich die Puste gehabt hätte, wenn es schwieriger gewesen wäre, und ich mich ewig hätte bei Schauspielschulen bewerben müssen.

Wenn Sie nach einem Dreh nach Hause nach Dülmen fahren und Ihre Eltern besuchen – fühlen Sie sich dann wohl oder kommt Ihnen das alles sehr fremd vor?

Für mich ist das eine Basis. Die Welt, in der ich mich die meiste Zeit aufhalte, hat wenig von dieser kleinstädtischen, bürgerlichen Bodenständigkeit meiner Elternwelt. Und gerade deshalb habe ich oft das Bedürfnis nach zu Hause. Das ist wie ein Ausgleich, gerade wenn ich unter Stress gerate, um mein Gleichgewicht zu halten.

Welchen Anspruch haben Sie an Ihr Leben?

Für mich muss alles immer klar sein, muss ein klares Ergebnis haben. Ich kann nicht zweigleisig fahren. Das muss man ja manchmal, in der Arbeit oder auch gedanklich. Aber für mich muss das Ziel immer zwingende Klarheit sein. Wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig machen. Damit sind, glaube ich, auch die Ortswechsel in meinem Leben zu erklären.

Sie meinen den Umzug von München nach New York, dann den Umzug nach Berlin, dann Los Angeles und jetzt wieder Berlin.

Ja, ich will klare Situationen, auch mit meinen Lebenspartnern.

Sie sind jetzt mit einem Fotografen aus Berlin liiert. In den USA hatten Sie überlegt, sich für Philosophie oder Psychologie an der Uni einzuschreiben – warum ist daraus nichts geworden?

In Harvard kann man eine Summer School machen, drei oder vier Monate, das hätte mich interessiert. Ich habe in Los Angeles angefangen, mich durch Soren Kierkegaard zu quälen. Zuerst auf Englisch, das hat überhaupt nicht hingehauen, dann auf Deutsch. Mich hat das Thema Theologie und Religion interessiert – eine Frage, die bei mir noch immer nicht beantwortet ist. Es ist relativ einfach, sich durchs Leben zu lavieren. Das ist ja auch in Ordnung, aber ich finde, man kann es sich leicht machen, oder man kann die Dinge hinterfragen. Warum tue ich das, woher kommt das und wer bin ich eigentlich? Das ist ein Riesenprojekt. Leider ist mir dann ein Film dazwischengekommen. Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr.

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