Zeitung Heute : Wer bin ich?

Der Mensch steht in einer Reihe mit Wurm und Wühlmaus. Das haben uns die Naturwissenschaftler gelehrt. Jetzt sagen sie: Das Geheimnis liegt im Eiweiß. / Von Hartmut Wewetzer

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„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das Genom in mir.“

Immanuel Kant, 1788 (aktualisiert 2003)

H eute lernen wir die Sprache, in der Gott Leben geschaffen hat.“ Ein Satz, der die Herzen der Anwesenden höher schlagen ließ. USPräsident Bill Clinton sagte ihn im Juni 2000. Die Sprache Gottes – das war das menschliche Genom.

Francis Collins, Chef des öffentlich geförderten Genom-Projekts, und sein Kontrahent Craig Venter, Erbgut-Chefsequenzierer der Firma Celera, hatten sich im Weißen Haus eingefunden, um den Abschluss des Genom-Projekts zu feiern. Der größte Teil des 3,2 Milliarden biochemische Buchstaben umfassenden menschlichen Erbguts war entziffert. Die Begeisterung kannte keine Grenzen: eine Sternstunde, die Mondlandung der Biologie, der heilige Gral der Biologie, in Clintons Worten: „Die wichtigste, wunderbarste Karte, die jemals von der Menschheit produziert wurde.“ Die Kommentatoren überschlugen sich.

Wie der Ruhm verblassen kann. Als sich Francis Collins im November 2002 mit Kollegen über die neuen Absichten seines Instituts diskutierte, musste er sich peinliche und kritische Fragen gefallen lassen. Seine Pläne würden sich wie eine „organisatorische Identitätskrise“ lesen, bemängelte ein Forscher aus der Pharmaindustrie: Genom-Informationen, gegen genetische Diskriminierung kämpfen, medizinische Forschung betreiben, Ausbildung von Wissenschaftlern. Ein Gemischtwarenladen für das nachgenomische Zeitalter. Was folgt auf die Vision, die einst die Erbgut-Forscher in den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan zu Höchstleistungen antrieb?

Auch der Genom-Tiger Craig Venter ist leiser geworden. Vor einem Jahr setzte die Biotechnik-Firma Celera dem Mann den Stuhl vor die Tür, der die Firma drei Jahre zuvor mitbegründet und sie weltberühmt gemacht hatte. Geld mit Genomen zu verdienen ist ein schwieriges, für die meisten zu schweres Geschäft. Der anfängliche Überschwang hat getrogen. Celera will nun Medikamente entwickeln, und Venter widmet sich wieder alten Plänen wie dem Design eines Bakteriums, das mit möglichst wenig Erbanlagen existieren kann. Aus dem Mann, der einst wie „Moses vom Datenberg hinabstieg“ (so der Biologe Hubert Markl), um der Menschheit das Genom zu präsentieren, ist ein Reduktionist geworden. Venter möchte die „minimal art“ der Erbgut-Verkleinerung perfektionieren. Der lautstarke Dirigent von drei Milliarden Genom-Buchstaben wandelt sich zum Kammermusiker, dem es nur noch um ein paar Hundert Gene geht.

Die Entzifferung des Genoms – in Deutschland ließ die Begeisterung von Anfang auf sich warten. Im Gegenteil, in den deutschen Medien überwogen die skeptischen Töne, die sich bis zu Untergangsszenarien steigerten. „Man sollte lieber beten“, verkündete Erwin Chargaff, einst selbst Biochemiker, in der „Frankfurter Allgemeinen“ und behauptete: „Das Genom wird verschwinden.“ Jeremy Rifkin, ein anderer Kritiker, prophezeite im gleichen Blatt: „Man wird Kriege um Gene führen.“

Den Chor der Bedenkenträger schien – und scheint – vor allem ein Gedanke zu bewegen: die Angst vor der genetischen Manipulaton des Menschen. Dass der gemachte Mensch, der Homo sapiens aus der Retorte, eigentlich schon fast Realität sei, zog sich wie ein roter Faden durch die Argumentation. In seiner Berliner Rede vom Mai 2001 warnte Bundespräsident Johannes Rau vor einer Fortschrittsvorstellung, die „den perfekten Menschen als Maßstab hat“. Und davor, dass „die Optimierung zum Stärksten und Besten“ zu einer „selbstverständlichen Vorstellung“ werde. Noch weiter ging Außenminister Joschka Fischer im Januar 2001: „Ich frage mich, ob wir über nichts Geringeres diskutieren als über die Verabschiedung des Homo sapiens.“ Im August 2002 geißelte auch der Papst die Gentechnik, da sich mit ihr der Mensch an die Stelle Gottes setze und „das Recht des Schöpfers, in das Geheimnis des menschlichen Lebens einzugreifen“, beanspruche.

Auch in den Augen deutscher Intellektueller war die Genom-Entschlüsselung ein eher unheimliches Projekt, aus dem nichts Gutes hervorgehen würde. So verdächtigte Hans Magnus Enzensberger den „wissenschaftlich-industriellen Komplex“ eines „kalten Putschversuchs“ mit dem Ziel, „alle demokratischen Entscheidungsprozesse auszuhebeln“ und „die Umzüchtung der Spezies“ anzustreben. „Wollt ihr das totale Engineering?“ fragte der Dichter Botho Strauss entrüstet die Leser der „Zeit“.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Heute, knapp zwei Jahre, nachdem das Genom in den Fachblättern „Nature“ und „Science“ veröffentlicht wurde, kann man nüchtern festhalten, dass schwere Krankheiten weiter bestehen – trotz der großen Versprechen mancher Erbgut-Entzifferer. Noch sind wir nicht von allen Weltübeln erlöst, und paradoxerweise wird die Zahl der offenen wissenschaftlichen Fragen immer größer.

Auf der anderen Seite werden noch immer keine Kriege um Gene geführt, das Genom ist nicht verschwunden und der Mensch nach Maß bleibt vor allem Fiktion. Und das trotz der bizarren Umtriebe der kanadischen Klon-Sekte der Raelianer. Denn die genetische Kopie eines bereits existierenden Menschen wäre, wenn sie existierte, nicht der roboterhafte seelenlose Übermensch aus der Retorte, sondern vermutlich ein Behinderter – ein Fall für die Aktion Mensch.

Natürlich muss der Missbrauch der Gentechnik verhindert werden. Aber anders, als viele ihrer Kritiker meinten und meinen, ist die Biotechnik in Deutschland streng reguliert. Gesetze verhindern schrankenloses Forschen. Eine „Umzüchtung der Spezies“ wäre deshalb schon aus juristischen Gründen kaum möglich. Vor allem aber wäre sie technisch völlig utopisch. Denn unser Körper ist nicht nach einem simplen Bauplan wie ein Einfamilienhaus Stein für Stein aufgebaut. So einfach hat es die Natur der Wissenschaft nicht gemacht.

Wer einen Blick in die Ergebnisse der Genomforschung wirft, wird schnell verstehen, warum Menschenmachen im Labor nicht so einfach ist. Er wird dabei nicht das Fürchten, wohl aber das Staunen lernen. Und einsehen, warum der (Alp-)Traum vom Menschen mit beliebigen Eigenschaften eine Illusion bleibt – der längst nicht nur Schriftsteller, Politiker oder Geistliche, sondern auch Wissenschaftler immer wieder erlegen sind. So sagte der Biologe Sydney Brenner 1982 aus Anlass von Darwins 100. Todestag, dass er einen Organismus „berechnen“ könne, wenn er nur dessen DNS-Sequenz kennen würde und einen leistungsstarken Computer zur Verfügung hätte. Auch Nobelpreisträger können irren.

Was aber wissen wir wirklich? Man kann von einer neuen Bescheidenheit sprechen, die mittlerweile in den Labors eingekehrt ist. Forscher mussten in den letzten Jahren lernen, dass der Schritt von der Erbanlage zum Merkmal weit ist. Zwar gibt es das Gen für blaue Augen tatsächlich. Aber solche vergleichsweise simplen Zusammenhänge sind die Ausnahme. Viel häufiger wirken Gene auf etliche verschiedene Eigenschaften ein. Sie kooperieren beim Aufbau des Organismus und formen ihn gemeinsam. Das gilt auch in umgekehrter Richtung: ein einzelnes Kennzeichen unseres Körpers ist das Produkt vieler verschiedener Gene.

Schönheit steigern

Das macht es der Medizin so schwierig, die Spur der Gene in Krankheiten wie Diabetes und Krebs zu verfolgen. Denn auch bei den großen Volkskrankheiten sind jeweils mehrere, vielleicht Dutzende von Erbanlagen beteiligt. Sie zu finden, ist eine der größten Herausforderungen für die biomedizinische Forschung. Natürlich heißt das auch, dass sich erwünschte Eigenschaften wie Jugend, Gesundheit, Schönheit oder Intelligenz nicht einfach biotechnisch steigern oder erzeugen lassen. Johannes Raus Furcht vor der synthetischen Eliterasse ist verständlich, aber vorerst unbegründet.

Das Genom allein reicht schlicht nicht aus, um das Leben zu verstehen. Immer mehr zeigt sich: der Weg vom Gen zum Merkmal ist ein ungeheuer vielschichtiger Prozess. Wie Zwiebelschalen legen sich verschiedene „Bedeutungsebenen“ um den inneren Kern, den Strang aus biochemisch gespeicherter Information. In jeder dieser Ebenen erfährt der Urtext eine neue Interpretation.

Das beginnt schon in der Erbsubstanz selbst. DNS-Abschnitte sind biochemisch markiert („methyliert“) und auf diese Weise entweder lahmgelegt oder zum Ablesen bereit. Und es setzt sich fort in dem Moment, in dem die Erbinformation von der DNS abgelesen und auf die Boten-RNS übertragen wird. Dabei kann der genetische Text auf verschiedene Weise „redigiert“ werden. Anschließend wird die Boten-RNS aus dem Zellkern zu den Ribosomen, den Eiweißfabriken der Zelle, geschleust. Hier wird das Genprodukt, meist ein Eiweiß (Protein), hergestellt. Proteine sind die Bausteine und Handwerker des Lebens. Ohne sie, diese perfekt konstruierten molekularen Maschinen, wäre das Leben nicht denkbar. Während die Gene träge im Zellkern liegen und darauf warten, „gelesen“ zu werden, sind die Proteine rastlos am Werk.

Auch das „fertige“ Protein wird noch vielfältig verändert, Moleküle werden hinzugefügt oder abgetrennt. Und natürlich stehen Gene und ihre Produkte nicht für sich, sondern beeinflussen sich gegenseitig, werden an- und abgeschaltet, stimuliert oder gehemmt und sind Umwelteinflüssen ausgesetzt. Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass wir von Vorgängen in einer einzelnen Zelle reden – der Mensch sich aber aus Billionen dieser kleinsten Einheiten des Lebens zusammensetzt.

Überhaupt, die Proteine: Zwar diktiert das Gen mehr oder weniger seine biochemische Zusammensetzung – Eiweiße setzen sich aus einem langen Faden von Aminosäuren zusammen. Aber das Wesentliche am Protein ist seine räumliche Struktur, seine Fähigkeit, sich Zehntelsekunden nach der Fertigstellung in eine bestimmte Form zu falten. Dieses molekulare Origami zu verstehen ist eines der wichtigsten Ziele des Proteom-Projekts. Das Vorhaben gehört zu den wissenschaftlichen Baustellen, die um das menschliche Genom herum entstanden sind. Verglichen mit dem Verstehen des Proteoms war das Genom-Projekt fast ein Kinderspiel.

Es geht jetzt um nichts Geringeres als den Versuch, das Netzwerk des Lebens zu verstehen. Eine große, neue Frage. Forscher beschäftigen sich damit, wie man Biologie und Informatik verknüpfen kann, um der gewaltigen Datenströme aus dem Genom Herr zu werden, oder wie der Weg vom Gen zum Protein verläuft („funktionelle Genomik“). Wieder andere wenden sich der anspruchsvollen Aufgabe zu, die Kooperation der Proteine untereinander und damit ihr ausgeklügeltes Zusammenspiel zu erforschen.

Alle diese Vorhaben zeigen: Die Entzifferung des Genoms war erst der Beginn. Die neuen Projekte sind letztlich viel umfangreicher und schwieriger als die Genom-Entschlüsselung selbst, und sie werden die Biologie vermutlich das nächste halbe Jahrhundert – so eine Schätzung des Nobelpreisträgers David Baltimore – in Atem halten.

Die vergleichende Genom-Forschung hat seit der Veröffentlichung des menschlichen Erbguts enormen Auftrieb bekommen. Zu den größten Überraschungen zählt, dass der Mensch „nur“ etwa 30000 Gene besitzt – etwa soviel wie die Maus. Der Fadenwurm bringt es schon auf 19000 Erbanlagen, und selbst der Hefepilz hat 6000 Gene.

Die Hälfte unserer Gene hat deutliche Ähnlichkeit mit den Erbanlagen von Fadenwurm und Hefe. Sogar mit der Banane sind wir zu 50 Prozent genetisch verwandt. Gering geschätzt. Je näher uns die Lebewesen stehen, umso größer die Übereinstimmung. Mit der Maus beträgt sie schon 96 Prozent, mit dem Schimpansen gar 99 Prozent. Und von Mensch zu Mensch unterscheiden wir uns nur zu 0,1 Prozent, genomisch gesprochen.

Es lebe der feine Unterschied! Man weiß heute, dass die Proteine „modular“ aufgebaut sind, sich also aus einigen „Fertigbausteinen“ zusammensetzen. Wie ein Musikstück, eine Sonate oder eine Symphonie, setzen sie sich aus einzelnen, miteinander verwobenen „Motiven“ zusammen. Diese Motive werden je nach Art leicht abgewandelt, verdoppelt, neu kombiniert.

Die Evolution ist ein Meister der Mischung, und der Mensch hat Glück bei der Verteilung gehabt. Auch wenn die Zusammensetzung unserer Erbanlagen nicht beliebig ist – das Gen, das uns zum Menschen macht, existiert nicht. Vielleicht ist es gar nicht so sehr die Art der Proteine, die uns vom Tier unterscheidet, sondern unterschiedliche Mengen bestimmter Eiweiße. Entscheidet nicht die Qualität, sondern die Quantität über unser Menschsein?

Natürlich irritieren uns solche Informationen. Ist der Mensch nur ein Gebräu aus raffiniert gemixten Kohlenstoffverbindungen, aufgelöst in Wasser? Das klingt technokratisch, kalt, trostlos, und dieser Eindruck ist vielleicht eine der Gründe dafür, dass es die „Dritte Kultur“ hier zu Lande so schwer hat. Die „Dritte Kultur“ will die Früchte der Naturwissenschaft in die etablierte, geisteswissenschaftlich geprägte Kultur hineintragen.

Ein Gedicht über die Schönheit eines Proteins, eine Fuge über das Zusammenspiel der Gene? Klingt eher komisch. Der Mensch aus Materie gleicht so gar nicht der Vorstellung, die wir uns gern von uns selbst machen: erhaben über alles Dingliche, ein zu höherem berufenes Geistwesen, außerhalb und über der Natur stehend, beseelt.

Ende der Sonderrolle

Aber außerhalb der Natur stehen, das heißt auch: alleine dastehen. Der Mensch war immer gut darin, sich selbst eine Sonderrolle zuzudichten. Die Naturwissenschaft hat uns dieser Sonderrolle Stück für Stück beraubt. Sie hat die Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos in seine Peripherie gerückt und den Menschen in eine Reihe mit Wurm und Wühlmaus gestellt.

Vielleicht liegt darin nicht nur eine Kränkung für uns. Denn die Naturwissenschaft zeigt uns auch, dass wir mit dem ganzen Geschehen um uns herum verbunden sind. So hat das Genom-Projekt eindrucksvoll belegt, dass der Mensch in den Zusammenhang der Evolution gehört, ein Teil der Natur und bis in sein Innerstes, sein Erbgut also, keinen Millimeter von ihr separiert ist. Das Genom ist ein biochemisches Archiv, in dem die Entwicklung über Hunderte von Millionen Jahren ihre Spuren hinterlassen hat – und ein Beweis unserer Herkunft. Unsere Urahnen? „Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor“, hat Gottfried Benn gedichtet.

Die neuen Erkenntnisse haben insofern auch ein befreiendes Moment, indem sie uns zeigen, dass alles Leben zusammenhängt: Über den universalen genetischen Code sind wir mit allen Lebewesen verbunden. Wir gehören dazu, wir sind eins mit der Natur, mit allem Lebendigen.

Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass vieles, was uns ausmacht, nicht im Erbgut zu finden ist. Die Unterscheidung von Gut und Böse beispielsweise kommt in der Natur nicht vor. Ethik und Selbstreflexion finden sich zwar nicht im Zellkern, aber sie gehören zum Kern unseres Menschseins. Ein vollständiges Genom ist noch kein vollständiger Mensch. Es ist nur ein Anfang.

Im Frühjahr wird Francis Collins noch einmal im Rampenlicht stehen. Dann soll die endgültige Fassung des menschlichen Erbguts veröffentlicht werden. Das Ende des Genom-Projekts – und der Beginn einer neuen Ära. Denn es wird darum gehen, die Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Zu einem neuen Bild des Menschen.

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