Zeitung Heute : Wer den Staat hat, wird auch reich

WOLFGANG KUNATH[NAIROBI]

Dieses schlichte Gesetz begründet, warum die Macht so attraktiv ist und warum sie in einem afrikanischen Land wie Kongo so zäh verteidigt wirdVON WOLFGANG KUNATH, NAIROBIDer Fluß ist alles andere als eine Grenze.Wenn sich Zaire erkältet, dann müssen wir husten", so beschrieb Pascal Lissouba, der Staatschef des Kongo, noch im Februar die intimen Verbindungen der beiden zentralafrikanischen Länder, die westlich und östlich des Kongo-Flusses liegen und die seit Kabilas Sieg in Zaire verwirrenderweise beide wieder Kongo heißen.Tausende, wenn nicht sogar Zehntausende sind in den vergangenen Tagen bei den Kämpfen zwischen Anhängern und Feinden Lissoubas ums Leben gekommen, eine Großstadt ist geplündert und zerschossen, die französische Luftwaffe evakuiert tausende von Ausländern, und das alles keinen Monat nach dem Zusammenbruch des Mobutu-Regimes in Kinshasa, auf der anderen Seite des Flusses. Lissouba scheint mit seinem Vergleich genau ins Schwarze getroffen zu haben.Bloß: gibt es wirklich einen logischen Zusammenhang zwischen Mobutus langem Abschied und dem grausigen Gemetzel von Brazzaville, oder ist es einfach ein Zufall, daß es an einem Kongo-Ufer losgeht, kaum daß es am anderen endlich wieder ruhig ist? Weder noch, lautet die paradoxe Antwort.Mobutus unbezahlte Soldaten haben schon vor fünf Jahren jedem ihre Knarre ausgehändigt, der ihnen mit zwei Zwanzig-Dollar-Scheinen vor der Nase herumwedelte.Die Waffen, die unstrittig in großen Menge den Fluß überquert haben, waren zwar vielleicht Bedingung, aber nicht Auslöser des Blutbades von Brazzaville.Dennoch ist es kein Zufall, daß beide Länder in eine schwere Krise getaumelt sind.Die Natur hat auch Kongo ziemlich üppig ausgestattet, und die menschliche Natur hat auch in Kongo verhindert, daß mit diesem Reichtum klug und weitsichtig umgegangen wurde.Wie in so vielen Staaten Afrikas wurde auch in Kongo kein gemeinsames Ideal geträumt, kein nationales Ziel definiert, und vielleicht stärker noch als anderswo in Afrika zerfällt unter der Oberfläche des Nationalstaates und seines Apparates die Gesellschaft in Völker, in Ethnien, in Stämme, Sippen und Cliquen. Denis Sassou Nguesso, der schon lange vor diesen Bürgerkriegstagen Lissoubas Gegenspieler war, stand über ein Jahrzehnt lang an der Spitze eines autoritären Militärregimes, das sich marxistisch-leninistisch gebärdete.Aber diese importierten ideologischen Fetzen konnten die Blößen des Tribalismus nicht bedeêken.Die politische Elite stellte - linke Rhetorik hin, nationalistische Phrasen her - der Norden, und auch die Soldaten stammten meist aus dem gleichen Volk wie Sassou.Als Lissouba, der aus dem Süden kommt, 1992 Sassou nach einer Wahl ablöste und Staatschef wurde, stellte er fest, daß drei Viertel aller Soldaten im Offiziersrang standen - ein schönes Beispiel dafür, wie der von Sassou gekaperte Staatsapparat zur Alimentierung des politisch- ethnischen Anhangs herhalten mußte. Natürlich kann man solche Zustände und solche Denkweisen nicht von heute auf morgen einfach abstellen.Wo soll denn die Idee des Gemeinwohls plötzlich herkommen, wie soll man auf ein abstraktes Ideal, auf einen anonymen Staat vertrauen - schließlich machen die Menschen in Afrika doch immer wieder die Erfahrung, daß die Bande der Familie, das Netz der ethnischen Gruppe am haltbarsten sind.Und so kommt es, daß Jocelyne Lissouba, die First Lady, im "Feindesland" nicht mal einen Handball-Pokal überreichen kann, ohne daß es zu Krawallen kommt, so kommt es, daß der Volksmund schon lange vor den jüngsten Kämpfen bestimmte Stadtviertel Brazzavilles in "Bosnien" und "Sarajewo" umgetauft hat und jetzt von ethnischen Säuberungen spricht.Und die Mächtigen machen sich all diese Spannungen und Ausgrenzungen zunutze; die drei wichtigsten Parteien Kongos - selbstredend auch die Lissoubas - unterhalten Privatmilizen, deren Kämpfer natürlich wie die Anhänger der Parteien jeweils der gleichen ethnischen Gruppe angehören. Kongo besitzt Öl, Edelhölzer und nicht viel mehr, und in den meisten afrikanischen Staaten mit einer solchen extraktiven Wirtschaftsstruktur ist es immer noch der Staat, der das Management dieses Ressourcen übernimmt.Wer also den Staat hat, wird auch reich - dieses schlichte Gesetz begründet, warum die Macht so attraktiv ist und warum sie in so vielen afrikanischen Ländern so überaus zäh und mit durchaus unfairen Mitteln verteidigt wird.

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