Zeitung Heute : Wer ich bin

Manchmal schreit er nachts nach seinem Papa. Weil so viel in seinem Kopf drin ist, seit er Superstar wurde. Ihn hat Deutschland gesucht, obwohl das Finale morgen ohne ihn läuft. Er heißt Daniel und muss noch viel realisieren.

Harald Martenstein

Ein paar Wochen lang ist Daniel Küblböck einer der bekanntesten Deutschen gewesen. In ein paar Monaten ist er vielleicht wieder vergessen. Daniel, 17 Jahre alt, aus Eggenfelden, Niederbayern. Die beiden letzten Kandidaten in der Fernsehshow „Deutschland sucht den Superstar“ heißen morgen im Finale Alexander und Juliette. Der eigentliche Sieger aber ist Daniel, extrovertiert, bisexuell, rührend, fast noch ein Kind – ausgeschieden am letzten Samstag. Er konnte nicht singen. Aber er war der einzige Kandidat mit Starpotenzial. Daniel wird angebetet und gehasst. Manche sagen: Daniel ist unwichtig. Was kann der schon? Aber das stimmt nicht. Er ist wichtig, weil das, was ihm passiert ist, heute fast jedem passieren kann. Du bist ganz normal, nichts Besonderes, weder dumm noch ein Genie, weder hässlich noch Schönheitskönig. Du bewirbst dich irgendwo, und plötzlich bist du berühmt. Plötzlich kennen dich alle, sie hassen und sie lieben dich. Und dann? Dann versuchst du zu verstehen, was mit dir passiert. Dann schwankst du zwischen Euphorie und Angst, zwischen Größenwahn und Fluchtreflex, zwischen deinem alten Ich und einem neuen. Dann redest du so wie Daniel Küblböck.

„Ich bin der Daniel. Ich habe eine leichte Rolle, denn ich spiele mich selbst. Ich mache keine Show. Vielen Leuten da draußen geht das nicht in den Kopf. Die meinen, ich verkaufe mich so. Das finde ich ziemlich schade.

Die Zuschauer sehen uns ja im Fernsehen. Ich glaube, die machen sich ein Bild von uns. Die identifizieren sich auch ein bisschen mit uns, sag ich mal. Die Jugendlichen sagen: ,Die sind total toll. Der hat’s geschafft. Das möchte ich auch gerne.’ Das ist schon ein bisschen ein Phänomen. Ich hab zum Beispiel gemerkt: Wenn andere auf der Bühne stehen, ist das nicht so. Aber wenn wir dann hoch gehen, heulen die richtig. Das ist wirklich beatlesmäßig.

Ich meine, ich habe ja vorher genauso gelebt. Ich bin zum Bäcker gegangen und hab mir die Semmeln geholt. Ich hab keine Autogramme gegeben. Da war ich auch glücklich und hab meinen Spaß gehabt am Leben.

Ich les mir das in der Presse dann alles so durch und schau, was die Prominenten sagen. Norbert Blüm zum Beispiel sagt: ,Daniel singt doppelt so gut wie ich, und das ist zu wenig.’ Davon lasse ich mich nicht beeinflussen.

Ich muss noch lernen, dass ich mich ein bisschen zurückhalte. Ich bin ein kleiner Rebell. Es ist aber auch wichtig, dass man seine Meinung sagt. Weil, wenn man immer nur Ja und Amen sagt, dann ist es langweilig.

Hello, my name is Daniel, I come from Bavaria in Germany. Ich kann nur diesen Satz in Englisch. Mehr kann ich nicht.

Man muss halt nicht immer perfekt sein. Wir machen einfach nur unser Ding und versuchen, es gut zu machen. Es ist wichtig, dass man sich selbst treu bleibt und genau das weitermacht, was man am Anfang gemacht hat. Dazu muss man stehen. Am Anfang wollte ich unbedingt beweisen: ,Ich kann singen. Ich beweis es jetzt allen, dass ich singen kann.’ Aber ich habe gemerkt, ich muss das gar nicht. Ich scheiß drauf. Ich mach jetzt einfach nur noch das, was ich will. Und das ist singen. Ich meine, jeder hat eine andere Stimme, und es ist schön, dass jeder eine andere Stimme hat. Sonst wär’s langweilig.

Also, ich möchte ganz gerne mal Sandra Bullock kennenlernen, dann Julia Roberts und Hugh Grant. Der ist einfach Wahnsinn. Nicht, weil ich jetzt irgendwie… Sondern weil der eine tolle Persönlichkeit ist. Das sind Menschen, wo ich sagen würde: Die würde ich auf jeden Fall interessant finden.

Mein Lieblingsstar ist absolut Eminem – absolut! Es ist einfach so ein Kämpfertyp und hat sich auch durchgekämpft durch die Szene. Er war ja als weißer Hiphopper, sag ich mal, schon immer ein bisschen nicht so toleriert von anderen Leuten. Was auch wichtig ist: dass deutsche Stars genauso populär sein können und genauso cool sind.

Ich bin Kinderpfleger, und ich bin ein stolzer Kinderpfleger. Ich arbeite ja auch im Kindergarten, und ich habe Pädagogik und Psychologie gelernt. Ich weiß eigentlich schon ein bisschen, wie man Menschen einschätzt. Michael Jackson ist ein Mensch, der sehr viel mitgemacht hat und jetzt beweisen möchte, dass ein Mann Gefühle zeigen kann zu Kindern und sie bemuttern und erziehen kann. Ich finde es wichtig, dass man ihn nicht für bekloppt hält. Man sollte tolerieren, dass es eben Menschen gibt, die anders sind.

Mein Herz ist in Bayern, aber ich werde auf jeden Fall ein Jahr oder so nach Berlin ziehen. Ich finde das einfach total toll – der Flair, die Wurstbudenverkäufer. Berlin ist geil. Ich hätte gerne eine schöne Wohnung mit Aussicht über die Stadt. Außerdem will ich noch um die Welt reisen und was erforschen. Aber ich werde weiter für Deutschland da sein.

Ich werde jetzt aber erst mal wieder nach Bayern fahren und muss mindestens drei Bodyguards haben. Bei den anderen aus der Show sind es weniger. Es ist nicht so, dass die Leute kommen und sagen: ,Ich hau dir jetzt eine rein.’ Aber man muss schon aufpassen. Ich find’s eigentlich schade. Ich bin ja so klein und zierlich. Ich tu ja keinem etwas. Ich akzeptiere ja auch alle Menschen so, wie sie sind.

Mein Styling ist wie eine Vision. Dann spür ich: Das muss ich anziehen. Ich sehe das wirklich vor mir. In meinem Gepäck ist alles, was ich brauche. Schminkzeug, Maske, Beauty Face, dann verschiedenste Klamotten, CDs, Geschenke.

Zu Alkohol muss ich sagen: Ich trinke schon mal ein Glas. Aber ich kann mich schon noch kontrollieren.

Bei meinem ,Saturday Night Fever’-Auftritt war ich fertig. Ich bin eine echt sehr schwierige Person, und wenn ich grad nicht Bock hab, dann hab ich einfach keinen Bock. Dann kann ich auch nicht nach vorne gehen und die beste Show machen. Ich hasse die 70er Jahre. 80er Jahre, okay, aber 70er Jahre will ich nicht machen. Da habe ich mir gedacht: ,Jetzt werde ich voll abfucken.’

Manchmal bin ich schon ein bisschen überfordert. Ich hab so viel geübt, dass ich einfach nicht mehr konnte. Ich hab keine Gesangsausbildung. Juliette zum Beispiel hat eine perfekte Stimme, und wird immer als ,zu perfekt’ hingestellt.

Als Vanessa ausgeschieden ist, habe ich neben ihr gesessen und ihre Hand gespürt. Sie wollte unbedingt gehen, freiwillig. Sie sagte: Heute wär’s gut, wenn sie gehen könnte. Ich glaube, es geht immer der, der es innerlich möchte. Der nicht mehr kann. Ich denke, dass man in so einem Job viel Kraft braucht. Ich hab’s mir leichter vorgestellt. Ich bin eigentlich eher ein positiver Mensch und versuche, lustig zu sein. Aber da sind oft Augenblicke, da könnt’ ich echt heulen. Oder mich in ein Loch verziehen und wirklich Privatsphäre haben.

Für mich war von Anfang an alles wie ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Ich darf’s gar nicht laut sagen, aber ich wollte nie zu einer Talkshow. Aber Oliver Geissen finde ich echt cool. Ganz ehrlich, ich bin kein Supermann oder so. Es passt nicht, weil ich eben kein Proll oder Macho bin, der sagt: ,Ich bin der Supermann.’ Man muss nicht immer gewinnen, man muss nicht perfekt sein, das ist meine Lebenseinstellung.

Meine Kuscheltiere habe ich immer noch. Ich habe noch alles in meinem Zimmer. Ich könnte wieder im Kindergarten arbeiten, ich könnte wieder in Eggenfelden wohnen, das ist für mich kein Problem. Wir Kandidaten müssen einfach auf dem Boden bleiben. Ich lebe mein Leben weiter. Aber ich glaube schon, dass welche dabei sind in dieser Show, von denen man in zwei Jahren immer noch was hören wird. Wenn man zum Beispiel Eminem sieht. Das sind Stars, die haben sich durchgekämpft. Wenn man das im Hinterkopf hat, kann man es weit schaffen. Ich werde auf jeden Fall viel Gesangsausbildung machen.

Ich schlafe sehr unruhig. Ich wälz mich, spring oft auf, ich schreie dann nach meiner Familie, nach meinem Papa oder ,Vanessa!’. Ich glaube, das kommt daher, dass sehr viel wirr in meinen Gedanken ist. Ich denke mir, bei uns ist sehr viel in den Köpfen drin, das wir erst realisieren und verkraften müssen.

Mein Favorit, wenn ich ganz ehrlich bin, ist der Alex. Ich steh ja voll auf Alex, in einem anderen Sinn natürlich. Wir drei, Juliette, Alexander und ich, wir werden auch auf jeden Fall noch viel miteinander zu tun haben. Wir werden uns in zehn Jahren noch sehen.“

Wer die Homepage von Eggenfelden anklickt, wird zu 39 Daniel-Fan-Seiten weitergeleitet. Dort findet man jedes Fernsehinterview, jedes Radiointerview, jeden Videochat mit Daniel. Aus diesen Interviews ist der Text entstanden. Jeder Satz stammt von Daniel Küblböck, wenngleich er die Sätze in anderer Reihenfolge und bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt hat.

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