Zeitung Heute : Wer ist Arnold Schwarzenegger?

Matthias B. Krause[New York]

WAS FÜR EIN GOUVERNEUR IST ARNOLD SCHWARZENEGGER?

In diesen Tagen können die Kalifornier ihren Gouverneur am Kiosk kaufen. Die Muskeln unter dünnem Hemd voll angespannt, das Haar ins Gesicht gekämmt wie das Hollywoodbild einer griechischen Gottheit, prangt der junge Arnold Schwarzenegger auf dem Titelbild des aktuellen „Muscle & Fitness“-Magazins. Mit seinem „lange verschollenen Trainingsplan“ glaubt das Blatt, Leser locken zu können. Diese Bilder und natürlich seine Filme haben ihn bekannt, reich und wählbar gemacht. Sein Versprechen aufzuräumen half ihm, den Demokraten Gray Davis im November 2003 aus dem Amt zu jagen.

Seitdem hat sich das politische Gesicht Schwarzeneggers oft gewandelt. Erst versuchte er sich als parteiübergreifender Vermittler, dann als unnachgiebiger Reformer. Grandios gescheitert auch in dieser Rolle, präsentiert er seit Anfang des Jahres sein drittes Gesicht, das des visionären Staatsmannes. So bescheiden und reuevoll wie bei seiner traditionellen Rede zur Lage im Staate in dieser Woche kannte den „Terminator“ niemand. „Ich bin nach vorn gestürmt, als ich hätte zuhören sollen“, sagte Schwarzenegger, „ich habe meine Lektion gelernt.“

Ist das noch derselbe, der im vergangenen Jahr seine demokratischen Opponenten im Parlament als „Girlie Men“ (Waschweiber) verspottete? Die Neudefinition seines Regierungsstils und seiner Person hat er allerdings dringend nötig. Nach einer Serie von Niederlagen, die im Herbst in der Ablehnung aller von ihm zur Volksabstimmung gestellten Initiativen gipfelte, sank seine Beliebtheit auf einen Tiefpunkt. Nur noch knapp ein Drittel halten ihn für den richtigen Mann am wichtigen Platz. Und im November muss er sich zur Wiederwahl stellen.

Allerdings ist die vermeintlich weiche, geläuterte Seite des Arnold Schwarzenegger nur die eine: Er steht weltweit in der Kritik, die in Kalifornien zulässige Todesstrafe unangemessen und unmenschlich zu verhängen. Der Europarat hat an ihn noch vor vier Tagen appelliert, den 76-jährigen, blinden und an den Rollstuhl gefesselten Todeskandidaten Clarence Ray Allen zu begnadigen. Die Todesstrafe sei eine „brutale und rachsüchtige Perversion der Justiz“. Allen, dessen Hinrichtung für den 17. Januar geplant ist, sei zwar für schuldig befunden worden, wenn er aber Jahrzehnte nach der Tat in hohem Alter hingerichtet werde, würden ihn die kalifornischen Behörden an „Grausamkeit und Rachsucht“ noch übertreffen. Auf dem Spiel stehe die „Achtung der menschlichen Würde in der amerikanischen Gesellschaft“.

Erst Mitte Dezember hatte Schwarzenegger ein Gnadengesuch abgelehnt. Seine Härte und das kritisierte Unvermögen, die Finanz- und Infrastrukturprobleme des Landes in den Griff zu bekommen, versucht Schwarzenegger nun mit Worten der Selbstkritik auszugleichen. Und er tritt die Flucht nach vorn an: Statt sich weiterhin mit Opposition und Interessengruppen anzulegen, will er nun alle für ein gigantisches Infrastrukturprogramm an einen Tisch bringen. Knapp 223 Milliarden Dollar soll der Staat Kalifornien in den nächsten zehn Jahren für den notwendigen Neubau von Autobahnen, die Modernisierung der Schulen und Gefängnisse sowie die Erweiterung des Trinkwassersystems ausgeben. Ein Großteil davon müsste auf Pump finanziert werden.

Viele Fragen sind offen, aber Schwarzenegger hat bereits jetzt erreicht, dass er wieder als unabhängige Kraft wahrgenommen wird, nur dem Volk verpflichtet. Und seinen eigenen Ambitionen, die bisweilen zu groß sind für das richtige Leben, natürlich.

WIE SEHEN DIE KALIFORNIER IHN?

„Wen kümmert es, ob er wiedergewählt wird, wenn er sowieso kein bisschen jener finanzpolitischen Verantwortung vertritt, an die wir Republikaner glauben“, sagt der konservative Landtagsabgeordnete Mike Spence. Er ist nicht der einzige Rechte, der sich verraten fühlt. Die Republikaner grummeln, seit Schwarzenegger eine enge Beraterin der Demokraten – noch dazu die seines Vorgängers – an eine einflussreiche Stelle in sein Team berief.

Die Demokraten freuen sich über den Schwenk. „Das Zehn-Jahres-Programm ist ein großer Schritt“, sagt die aus Kalifornien stammende demokratische Senatorin Dianne Feinstein. Die Gewerkschaften, mit denen sich Schwarzenegger Kämpfe leistete, beobachten das Ganze skeptisch. Mike Pulaski, Geschäftsführer der fünf Millionen Mitglieder umfassenden California Labor Federation sagt: „Wir werden es halten wie Ronald Reagan mit der Sowjetunion: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. In diesem Fall werden wir allerdings erst kontrollieren, bevor wir vertrauen.“

Ob der Kurs beim Wähler ankommt? „Jeder ist ein Produkt seiner persönlichen Herkunft“, sagt David Doak, Berater der kalifornischen Demokraten, „Schwarzenegger bringt einfach einen neuen Film heraus. Aber Politik funktioniert anders. Die Leute erwarten, dass man Überzeugungen hat. Die kann man anpassen, aber nicht über den Haufen werfen.“

WORAN GLAUBT SCHWARZENEGGER?

Am ehesten wird diese Frage bei einem Besuch in der luxuriösen Villa beantwortet, die Schwarzenegger mit seiner Frau Maria Shriver und seinen vier Kindern im teuren Brentwood in Los Angeles bewohnt: Er glaubt an sich. In der großzügigen Eingangshalle, in der er ökonomische Schwergewichte wie Ex-Finanzminister George Shultz, Wirtschaftsprofessor Milton Friedman und Investor-Guru Warren Buffett als seine Berater empfängt, begrüßt die Besucher ein Ölgemälde des überlebensgroßen Arnie – wie der Herrgott ihn erschuf. Seiner Frau schenkte Schwarzenegger zum Valentinstag einst ein selbst gemaltes Bildchen, das er mit den Worten signierte: „Ich liebe Dich, weil Du mich liebst.“

Es existieren Dutzende solcher Anekdoten über den Narzissten Schwarzenegger. Eine seiner Lieblingsrequisiten, die er mit nach Sacramento gebracht hat, so schreibt „Vanity Fair“, sei jenes Schwert, mit dem er in „Conan, der Barbar“ auftrat. Um im Konferenzraum seines Amtssitzes den Parlamentariern zu demonstrieren, wie er den Haushalt zusammenstutze, springe er gelegentlich auf den Tisch und zerlege das Zahlenwerk virtuell mit heftigen Schwerthieben.

Außer an sich selbst glaubt Schwarzenegger an alles Mögliche. Er plädierte für strenge Umweltvorschriften und den Beitritt zum Kyoto-Protokoll, er stoppte die Homoehe in San Francisco und wollte die Hürden für Abtreibungen erhöhen.

Die „Los Angeles Times“ gewinnt seiner Ideologie-Melange dennoch etwas Positives ab: „Man kann in dem ambitionierten Plan das Produkt seines Egos sehen oder einen politischen Trick oder das Ergebnis seiner Neugeburt nach seinen politischen Peinlichkeiten. Aber das Motiv spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass er richtig ist für Kalifornien.“

WAS PASSIERT, WENN SIE IHN NICHT WIEDERWÄHLEN?

Schwarzenegger bleibt nicht viel Zeit, um sich aus dem Keller herauszuarbeiten. Er hat seine Millionen und seine Popularität auf seiner Seite. Außerdem bieten die Demokraten bisher nur eine Reihe namenloser, reichlich blasser Kandidaten auf. Der Gouvernator wird sich ins Zeug legen, weil alles auf dem Spiel steht: Gewinnt er eine zweite Amtszeit, wird er der Rolle als politischer Hoffnungsträger der Republikaner neben Senator John McCain und New Yorks Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani gerecht und kommt seinem Traum näher, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Verliert er, ist seine politische Karriere beendet.

Das wäre seiner Frau womöglich recht. Maria Shriver musste ihren Beruf als Journalistin den Ambitionen ihres Mannes unterordnen. Außerdem erlebte sie im Shriver-Kennedy-Clan, wie Politik Privates auffressen kann. Danny DeVito, mit dem Schwarzenegger gemeinsam drehte, sagt: „Er ist im Augenblick sehr zufrieden, weil er weiß, dass er einen Unterschied macht in der Welt. Und ich denke, er könnte nicht glücklicher werden – es sei denn, wir drehen Twins 2, natürlich.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben