Zeitung Heute : Wer ist Barack Obama?

Christoph von Marschall[Washington]

BARACK OBAMA GILT ALS EIN FAVORIT FÜR DIE BUSH-NACHFOLGE. SEINE MUTTER STAMMT AUS KANSAS, SEIN VATER AUS KENIA. WAS HAT OBAMA GEPRÄGT?

Er findet eine gemeinsame Sprache mit dem zornigen jungen Schwarzen aus einem Armen- und Drogenviertel. Und mit dem stolzen Absolventen einer Eliteuni wie Harvard oder Yale. Er kann mit Arbeitern der krisengeschüttelten Stahl- und Autoindustrie an den Großen Seen reden, aber auch mit den Bossen der internetgestützten New Economy. Barack Obama vereint all die prägenden Erfahrungen amerikanischer Milieus, die sonst trennen, in seiner Person: Er ist Kind der weißen US-Mittelklasse und schwarzer Einwanderer aus Afrika, kennt Norden wie Süden der USA, ist Sohn des ländlichen wie des urbanen Amerikas, war als Jugendlicher nahe dem Absturz ins kriminelle Milieu und schaffte doch den Aufstieg in den Bildungsadel als erster schwarzer Chef der renommierten Zeitschrift „Harvard Law Review“. In Chicagos Problemvierteln hat er Sozialarbeit geleistet und ist zugleich in Millionärszirkeln zu Hause.

Die Kindheit war turbulent. Die Mutter, eine Weiße aus dem ländlichen Kansas, und der Vater, ein Gaststudent aus Kenia, hatten sich beim Studium in Hawaii kennengelernt. Zwei Jahre nach Obamas Geburt trennten sie sich. Die Mutter gehörte zum links-alternativen Blumenkinder-Milieu der 60er Jahre; Obama schildert sie in seinen Erinnerungen als warm und idealistisch. Ihren Eltern habe sie nie verzeihen können, dass diese mal für die Republikaner gestimmt hätten. (Er selbst kann es verstehen, schreibt er in seinem jüngsten Buch. Die 70er Jahre hätten die weiße Mittelklasse stark verunsichert.) Die Mutter heiratete erneut, diesmal einen Gaststudenten aus Indonesien. Aus der Ehe ging Obamas jüngere Schwester hervor.

Die Familie zog nach Asien, als er sechs war. Mit zehn ging er zurück und wuchs bei den weißen Großeltern in Hawaii auf. Er durchlitt all die Identitäts- und Pubertätskrisen junger Schwarzer, die allzu leicht in jedem Konflikt eine rassistische Diskriminierung wittern. Und haderte mit seiner doppelten Herkunft: „Der Vater auf den Fotos schwarz, dunkler als jeder Mensch in meiner Umgebung, die Mutter weiß wie Milch.“ Beide Eltern sind tot, der Vater starb bei einem Autounfall in Kenia, als Barack 21 war, die Mutter an Krebs, da war er 34.

Er studierte in Kalifornien und New York, zog nach Chicago, wo er Jobprogramme in Armenvierteln organisierte, und promovierte 1991 in Harvard magna cum laude in Jura. Zurück in Chicago, trat er in eine Anwaltskanzlei ein, lehrte Verfassungsrecht an der Uni und wurde 1996 mit 35 Jahren in den Senat des Staates Illinois gewählt. 2004 gelang ihm der Sprung in den US-Senat, die kleinere, aber feinere Kammer des Kongresses.

FÜR MANCHE AMERIKANISCHE MEDIEN IST ER „THE WUNDERKIND“. WAS MÖGEN DIE AMERIKANER AN IHM?

Vor allem fasziniert die Amerikaner, was Obama alles nicht ist – oder wenigstens nicht zu sein scheint. Er begeistert als das Gegenmodell zum politischen Establishment: jung, nicht verwickelt in die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Demokraten und Republikanern – vor allem aber zu jung auf der nationalen Bühne, um durch das Frustthema Irak belastet zu sein. Als 2003 auch viele Demokraten für den Krieg stimmten, war er noch nicht in Washington. In den zwei Jahren als Senator votierte er gegen weitere Kriegsmilliarden.

Mit großem rhetorischem Talent pflegt er den Ruf des nationalen Versöhners, in Reden wie auch in seinen beiden Bestsellern, „Dreams from My father“ 1995 und „Audacity of Hope“ 2006. Seine Sternstunde war die Rede auf dem Parteitag 2004 in Boston, wo die Demokraten John Kerry als Präsidentschaftskandidaten gegen Bush nominierten. Seine Botschaft: Es gibt kein weißes und kein schwarzes Amerika, kein reiches und kein armes, keines der Irakkriegsbefürworter und der -gegner – es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Und alle, alle, alle haben Platz darin. Genauso geht er mit seiner schwarzen Identität um: Nicht als zorniger African American, der ständig die Benachteiligung beklagt und Ausgleich fordert. Sondern als ein Mann, der zwar Missstände anprangert, aber zugleich sagt, in keinem anderen Land der Welt wäre seine Karriere möglich. Gezielt bedient er den amerikanischen Idealismus. Jeder ist seines Glückes Schmied: Selbst ein schwarzes Einwandererkind kann Senator werden, auch wenn er zurzeit der einzige schwarze Senator ist. Und jeder bekommt eine zweite Chance. Barack hat Drogen konsumiert, stand mit einem Bein in der Gosse, hat sich aber gerettet. Nach den Jahren der Spaltung über den Irakkrieg, die Steuerpolitik für Arm und Reich, die Gesundheitsvorsorge oder die Hurrikanfolgen steht er für die Sehnsucht nach Einheit über alle Gräben hinweg.

WIE VIEL POLITISCHE ERFAHRUNG HAT OBAMA?

National ist Barack Obama ein unbeschriebenes Blatt. Das ist einerseits ein Nachteil, er hat kein gefestigtes Image. Aber für ihn bisher eher ein Vorteil, zumal im Vergleich mit der Konkurrenz, voran Hillary Clinton, über die jeder Amerikaner eine Meinung hat. Er kann alle Sehnsüchte auf sich projizieren, sofern seine PR-Strategen das leere Blatt mit dem richtigen Inhalt füllen.

Ihm fehlt Erfahrung? Seine Anhänger haben längst die Gegenpropaganda parat. Das gelte doch auch für John F. Kennedy bei seiner Wahl 1960. Und was bedeuteten bei Bill Clinton schon ein paar Jahre als Gouverneur von Arkansas? Die Vergleiche hinken. Kennedy konnte auf sechs Jahre als Abgeordneter plus acht als Senator verweisen, als er antrat. Bei Obama werden es 2008 nur vier Senatorenjahre sein. Clinton hat gezeigt, dass selbst regionale Regierungserfahrung wertvoll ist, und sei es in einem zweitrangigen Einzelstaat wie Arkansas. Auch da muss einer Kämpfe durchstehen, Partei ergreifen, Flagge zeigen.

Obama hat bisher bei keinem kontroversen Großthema Standvermögen bewiesen, ob Außenpolitik, Bildungschancen oder harte Budgetentscheidung zwischen berechtigten Ansprüchen. Er sagt, was gefällt, erfüllt das Bedürfnis nach Harmonie. Erst in den jüngsten Wochen hat er die harten Seiten der Politik kennengelernt. Seit er als ernsthafter Bewerber gilt, zieht er neben Bewunderung auch Angriffe auf sich. Die Schmutzkampagnen werden sich bis 2008 steigern.

WELCHE CHANCEN HAT ER, PRÄSIDENT ZU WERDEN?

Das Image des Wunderkinds und unbelasteten Newcomers beginnt zu leiden. Im November 2006 verdächtigte ihn die „Chicago Tribune“ unlauterer Grundstücksgeschäfte mit einem Immobilienhai. Er leistete zerknirscht Abbitte: Beim Hauskauf in Chicago habe er zwar keinen illegalen Vorteil akzeptiert, „aber ich hätte mich nicht auf persönliche Geschäfte einlassen sollen, die den Anschein erwecken könnten, dass ich einem wie ihm Dank schulde“.

Über den Jahreswechsel folgte die nächste Attacke. Obama habe Rauschgift konsumiert: nicht nur Haschisch gepafft wie Bill Clinton (der sich seinerzeit damit herausredete, er habe ja nicht inhaliert), sondern Kokain. Das lässt sich nun schwerlich bestreiten, ist aber auch nicht neu. Obama hatte die Umstände 1995 in seinem Buch „Dreams of My Father“ beschrieben. Damals war er ein schwarzer Aufsteiger, seine Offenheit wurde bejubelt. Heute gehört er zur ersten Reihe der Politik, da gelten andere Maßstäbe. Bisher hält auch Obamas Verteidigungslinie an dieser Front: Kokain ja – richtig harte Drogen wie Heroin nein. Sein Name ist ebenfalls nicht mehr nur Material, mit dem er selbst, freiwillig, Scherz treibt. „Obama, Alabama, your mama“, hatte er sich verballhornt. Inzwischen ist die Verwechselbarkeit mit dem meistgesuchten Terroristen Osama bin Laden ein Problem. CNN hat sich entschuldigt für die Panne neulich, als unter dem Bild des Al-Qaida- Chefs die Frage auftauchte: Wo ist Obama? Aber das Problem bleibt.

In den Umfragen rangiert der Juniorsenator aus Illinois unverändert als gefährlicher Konkurrent, aber eben auch nur als Herausforderer der „Frontrunnerin“ Hillary Clinton. Nach der jüngsten Gallup- Umfrage würden 29 Prozent der Demokraten sie gerne als Kandidatin sehen, 18 Prozent Obama, 13 Prozent den Vertreter der linken Basis, John Edwards, elf Prozent Al Gore. Die Übrigen sind abgeschlagen. Im direkten Vergleich liegt Clinton mit 53 zu 39 vor Obama.

Und wie schneidet er gegen Republikaner ab, wenn er denn nach ganz vorne käme? Das fragen die Institute erst systematisch, wenn beide Parteien ihre Kandidaten in den Vorwahlen bestimmen. Nach den wenigen Umfragen bisher kann Hillary eher gewinnen als Obama. Aber beide dürfen sich nicht zu sicher sein, trotz des Rückenwinds aus dem demokratischen Sieg bei der Kongresswahl. Die Perspektive, dass erstmals in Amerikas Geschichte ein Schwarzer – oder eine Frau – Präsident werden könnte, fasziniert die USA. Am Ende der Analysen herrscht jedoch meist ein anderer, sehr nüchterner Ton: Was ist 2008 der größere Nachteil – eine Frau oder ein Schwarzer zu sein?

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