Zeitung Heute : Wer ist Ben Bernanke?

Christoph von Marschall[Washington]

WIE MEISTERT FED-CHEF BERNANKE DIE AKTUELLE KRISE?

Im Auge des Sturms steht er nicht allein. Eine Troika Männer, mit ganz unterschiedlichen Qualitäten, kümmert sich gemeinsam um das Krisenmanagement. Ben Bernanke ist der Professor und ruhige Theoretiker, Finanzminister Henry „Hank“ Paulson ein umtriebiger Dealmaker mit über 30 Jahren Wall-Street-Erfahrung, und Timothy Geithner, Chef der New Yorker Filiale der Federal Reserve, ein erprobter Regierungsfachmann für die Aufsicht über den Finanzsektor aus Bill Clintons Jahren im Weißen Haus. Gemeinsam treffen sie die Entscheidung, wann sie eine Bank mit Steuermilliarden retten, wann sie die Übernahme durch einen anderen Konzern unterstützen und wann sie ein Finanzinstitut pleitegehen lassen – schon um anderen zu signalisieren, die Regierung werde nicht allen das Überleben finanzieren.

Vor einer Woche besiegelten die drei das Aus für die 158 Jahre alte Investmentbank Lehman Brothers, beschlossen aber zugleich, den Versicherungsriesen AIG in Regierungsbesitz zu übernehmen. Dort sind viele der fragwürdigen Immobilienkredite rückversichert, ein Kollaps von AIG hätte neue Schockwellen in den Markt gesandt. An diesem Wochenende schnüren sie ein weiteres Hilfspaket für die taumelnde Branche: Der Kongress, dessen Budgetrecht sie bei den meisten Rettungsaktionen der jüngsten Zeit übergangen hatten, möge beschließen, Staatshaftung für die faulen Immobilienkredite zu übernehmen. Das dürfte die Steuerzahler mehrere hundert Milliarden Dollar kosten.

Im Rückblick könnte man meinen, Präsident George W. Bush habe den Zusammenbruch des Finanzsystems seit drei Jahren kommen sehen und um den Jahreswechsel 2005/06 alles getan, um ein verlässliches Rettungsteam um sich zu scharen. Falls es so war, spricht vieles dafür, dass Ben Bernanke ihm die Augen dafür öffnete, welche Folgen die Blase auf dem Haus- und Grundstücksmarkt und die leichtfertige Vergabe immer neuer Immobilienkredite haben könnte. Bernanke war nämlich in jener Zeit für kurze acht Monate Bushs oberster Wirtschaftsberater, von Juni 2005 bis Ende Januar 2006.

Am 1. Februar wurde er Notenbankchef, als Nachfolger des legendären Alan Greenspan, der die Fed gut 18 Jahre geführt hatte. Wenige Monate später gab Paulson, damals oberster Manager der Investmentbank Goldman Sachs, Bushs Drängen nach und wechselte als Finanzminister nach Washington. In einem Interview gab er als Motiv an, er habe die Regierung auf eine schwere Marktkrise vorbereiten wollen. Der entscheidende Vermittler war Joshua Bolten, Bushs neuer Stabschef im Weißen Haus. Bolten und Paulson waren einst Kollegen bei Goldman Sachs.

Goldman Sachs ist auch das Verbindungsglied zu Geithner. Bevor er 2003 die Fed-Filiale in New York übernahm, war er unter Bill Clintons Finanzministern Robert Rubin und Larry Summers aufgestiegen. Rubin war zuvor Vorstandsmitglied bei Goldman Sachs. Das alles nährt jetzt die Saga von einer patriotischen Investmentbank, die ihre besten Leute an die Regierung ausgeliehen habe, um die Nation aus der schlimmsten Finanzkrise seit dem Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems 1929 zu retten, nachdem die schwarzen Schafe der Branche eben diese Krise ausgelöst hatten. In der Tat ist Goldman Sachs im Vergleich mit anderen Banken auffallend wenig verwickelt in das Geschäft mit faulen Krediten.

WAS ZEICHNET IHN FÜR DAS AMT DES FED-CHEFS AUS?

Bernankes Intelligenz ist weit überdurchschnittlich. Zu Schulzeiten erzielte er bei Leistungstests die höchste Punktzahl im Bundesstaat, 1590 von 1600. Er promovierte mit 26 an einer der angesehensten Hochschulen der USA, dem Massachusetts Institut for Technology (MIT), und war dann Dozent in Stanford. Mit 32 bekam er eine Vollprofessur in Princeton, einer anderen Eliteschmiede. Aber er blieb Theoretiker und wechselte nie ins Management eines großen Konzerns.

Als Wirtschaftsprofessor erforschte er die politischen und ökonomischen Ursachen der großen Depression in den Jahren nach dem Crash von 1929. 2002 hielt er, damals frisch ernanntes Aufsichtsratsmitglied der Fed, eine Rede zum 80. Geburtstag von Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 1976. Darin stimmte er dessen These zu, dass erst die falschen Reaktionen der 1913 gegründeten Fed den Wirtschaftsabschwung des Jahres 1929 in eine bis 1939 andauernde Depression verwandelt hätten. Ein Hauptfehler sei es gewesen, dass die damals noch junge und unerfahrene Notenbank den kriselnden Banken nicht zu Hilfe gekommen sei und sie nicht mit frischem Geld versorgt habe. Zu Milton und Anna Friedman gewandt sagte er unter Anspielung auf seine neue Rolle in der Fed: „Was die große Depression betrifft, habt ihr recht: Wir waren schuld! Es tut uns leid. Aber dank euch werden wir den Fehler nicht wiederholen!“

Das Gründungsgesetz von 1913 weist der Fed drei Hauptaufgaben zu: maximale Beschäftigung, stabile Preise, moderate Zinsen. Anders gesagt: Jobs schaffen, Inflation bekämpfen und die Wirtschaft durch günstige Kredite ankurbeln. Der Preisauftrieb gehört erkennbar nicht zu Bernankes größten Sorgen. Er sagt eher schon mal, ein bisschen Inflation liege im allgemeinen Interesse, weil sie es dem Staat erleichtere, seine Schulden abzutragen. Die Konjunktur musste er zunächst nicht ankurbeln – ganz im Gegenteil. Als er 2006 antrat, galten die Märkte als überhitzt, voran der Immobiliensektor. Unter Bernanke erhöhte die Fed den Zinssatz sukzessive auf 5,25 Prozent.

Seit Ausbruch der Krise 2007 hat die Fed die Zinsen drastisch gesenkt. Bei der jüngsten Sitzung hielt sie an den derzeit zwei Prozent fest, offenbar um sich Spielraum zu erhalten. Er würde sich aber nicht mal dann als machtlos ansehen, wenn Deflation drohe, der Zinssatz bereits bei null liege und Amerika sich immer noch nicht mit billigem Geld eindecke, um die Wirtschaft anzukurbeln. In so einem Fall, sagte Bernanke 2002, könne die Fed Geldbündel per Hubschrauber abwerfen. Das trug ihm den Spitznamen „Helikopter Ben“ ein.

WAS UNTERSCHEIDET IHN VON SEINEM VORGÄNGER ALAN GREENSPAN?

Bernanke war 52, als er 2006 an die Spitze der Fed trat – Greenspan 1987 bereits 61. Und er hatte praktische Erfahrung als Manager in der Industrie und Finanzwelt. Im Rückblick wird Greenspan eine Mitschuld an der Immobilienblase gegeben, die nun platzt. Er habe sie durch zu niedrige Zinssätze erst entstehen lassen. Allerdings gestehen auch Greenspans Kritiker ein, dass in seinen letzten Amtsjahren ein anderes Ziel oberste Priorität hatte: Der US-Wirtschaft nach einem Doppelschlag Zuversicht und neue Dynamik zu geben. 2000 war die überhitzte New Economy am Ende und schickte die Börsen auf Talfahrt. Viele hatten zu große Hoffnungen auf eine Internetrevolution gesetzt. 2001 folgte der wirtschaftliche Niedergang nach dem Terrorangriff auf New York. Insgesamt haben die Amerikaner Greenspans Amtszeit als eine Zeit weitgehender Stabilität und des Aufschwungs in Erinnerung. Sein gutes Einvernehmen mit Bill Clinton, obwohl der Demokrat war und Greenspan den Republikanern zuneigt, galt als stilbildend.

Bernanke ist politisch zurückhaltender, sobald es nicht um sein Kerngebiet, die Geldpolitik, geht. Greenspan unterstützte offen Clintons Programm der Schuldenreduzierung und Bushs Politik der Steuererleichterungen. Bernanke sagt zu solchen Fragen, Steuerpolitik sei nicht sein Aufgabenbereich.

Greenspan war bekannt für Selbstironie, bedeutungsvolles Schweigen, sein Nuscheln und verworrene Kommentare zum Geschehen. Mit dieser „konstruktiven Vieldeutigkeit“ wollte er angeblich die Märkte davor bewahren, seine Aussagen überzuinterpretieren. Bernanke hatte mehr Transparenz versprochen, machte dann aber die Erfahrung, dass zu eindeutige Ansagen kritisiert werden, weil die Märkte abrupt reagieren.

WAS LIEGT NOCH VOR BERNANKE?

Bis zum 79. Lebensjahr wie Greenspan wird Bernanke wohl kaum amtieren, denn das wären noch 24 Jahre. Wie sein Vorgänger muss er sich früh im Amt in einer Krise bewähren. Seine Zukunft hängt davon ab, wie er die Herausforderung besteht. Nach Greenspans Nominierung im Juni 1987 erlebte der Bond- Markt den schlimmsten Absturz seit fünf Jahren. Am 11. August bestätigte der USSenat den neuen Notenbankchef. Zwei Monate später folgte der „Schwarze Montag“: Im Oktober 1987 stürzten die Börsenkurse um über 20 Prozent. Bald fing sich die Wirtschaft wieder. Greenspan galt als einer der Väter des Erfolgs. Bernanke hatte zwei Jahre Zeit, sich auf einen absehbaren Crash einzustellen. Die Bankenkrise 2008 hat freilich größere Dimensionen. Jetzt muss er dafür sorgen, dass das Sprichwort recht behält: In der Not wächst auch das Rettende.

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