Zeitung Heute : Wer ist der Mann im Ohr des Kanzlers?

In seinem Landhaus wurde der Kulturstaatsminister erfunden, Schröder wohnte mal dort, und das Nein zum Krieg war wohl auch seine Idee. Der Publizist Manfred Bissinger ist der treueste Freund des Regierungschefs. Und er sieht ihn schon als Friedensnobelpreisträger.

Jürgen Schreiber

Der erste Unterstützer von Gerhard Schröder kommt in heller Steppjacke durch die Tür. Manfred Bissinger hat den apricotfarbenen Schal wie ein Heldentenor um den Hals drapiert. Was der Kanzler zum Outfit meinte, möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Vielleicht lästerte der, ob ein 62-Jähriger für diese gewagte Kombination nicht zu alt sei?

Jacke wie Hose, die Kleiderfrage findet der Journalist zu privat. Wir hatten uns ja verabredet, weil er die Liste 19 prominenter Sympathisanten anführt, die mit einer laut dpa „ungewöhnlichen Solidaritätsaktion“ Schröder in der Irak-Frage unterstützen. Hinter Bissinger folgen unter anderem die Schöngeister Flimm, Grass, Rühmkorf. Die grauen Panther treten gern im Rudel auf.

Mit der Überschrift „Deutsche Intellektuelle und Künstler für Schröders Kurs“ ist Bissingers Multitalent freilich nicht annähernd erfasst. Er war stellvertretender „Stern“-Chef, leitete die Magazine „Konkret“, „Natur“ und „Merian“, erfand „Die Woche“. Offiziell fungiert er jetzt als „Publizist“ und „Geschäftsführer des Hoffmann & Campe Verlags“. Von Medien darüber hinaus zu „Schröders Berater“ und „Einflüsterer“ gekürt zu werden, goutiert der Mann eher nicht, der in seiner sagenhaften Wohnung sagenhafte Bilder mit sich und Schröder stehen hat.

Eine Schwarzweiß-Aufnahme der „FAZ“Fotografin Barbara Klemm zeigt den sichtlich gelösten „MB“ (sein Kürzel) am Wahlabend zwischen Kanzlergattin Doris und ihrem Gerd: sicher ein Symbol größtmöglicher Auszeichnung durch den Sieger in der Stunde wahrer Empfindung. Eine Batterie Flaschen steht auf dem Tisch, Schröder bringt aufgeräumt ein Prosit auf die Gemütlichkeit aus. Sie wirken wie große Jungs mit extravaganten Seidenkrawatten.

Die zweite, nicht weniger tolle Szene hielt Konrad R. Müller fest: Gerd mit dem Spezl dekorativ neben der Brandt-Büste im Arbeitszimmer gruppiert. Bissinger mag das Foto zur Illustration dieses Artikels nicht herausrücken, wie wenn es ehrenrührig wäre, von Künstlerhand dergestalt mit der Macht verewigt worden zu sein.

Seltsam, warum ziert sich der gebürtige Berliner so, über den Stand der Beziehung Bissinger-Schröder nähere Auskunft zu geben? Und stattdessen unfroh mit Floskeln à la „ich kenne Gerhard Schröder lange und bin mit ihm befreundet“ zu antworten? Dabei gehört ihre traute Eintracht zu den offenen Geheimnissen des Politbetriebs bis hin zum Kanzleramt-Kantinengeraune, das da lautet, „Bissinger gestaltet die Friedenspolitik.“ Den Tagesspiegel hingegen bescheidet er so höflich wie bestimmt, „es wäre falsch, wenn Sie dächten, ich gehöre zum inneren Zirkel.“ Das betont MB beim Italiener über den Risotto-Teller hinweg, mit unschuldigem Blick aus den von Rühmkorf bedichteten „aufgerissenen Blauaugen“. Anderen fällt zu dem Vollbärtigen eher Orson Welles im Bond-Film „Casino Royale“ ein.

Die erlösende Formel

Während die Kellner den von Freunden so genannten „Bissi“ umschwirren, bekräftigt er zum Mitschreiben: „Sie geheimnissen zu viel in die Geschichte rein.“ Er könne Schröder doch „nichts einreden, sondern ihm nur meine Meinung sagen“. Dass er „mich in bestimmten Situationen fragt, was ich darüber denke und wie ich es einschätze, halte ich nicht für besonders erwähnenswert“. Andere tun es schon.

Die gewöhnlich von der SPD sehr gut unterrichtete „FAZ“ zählt ihn zu den Handverlesenen, mit denen der Kanzler seinen aufsehenerregenden Irak-Kurs „beraten“ habe, ehe er das Thema Krieg und Frieden im Wahlkampf hochzog. Die „Zeit“ schreibt, MB habe „jedenfalls daran mitgestrickt“. Der „Stern“ rechnet ihn zu den „Amigos“, die „Welt“ zu den „Ratgebern“, sein Einfluss werde in der bevorstehenden Regierungserklärung „deutlich“. Die „Süddeutsche“ führte ihn als „Kanzler-Intimus“ vor, der für den Posten des Regierungssprechers in Frage kam, wobei klar ist, angesichts satter Chefredakteursgehälter wäre das ein reiner Freundschaftsdienst gewesen.

Dass er nach dem Titel „Kulturstaatsminister“ hätte greifen können, ist schon deshalb schlüssig, weil die Idee für den Posten anno ’98 bei ihm ausgeheckt worden ist. Eine illustre Runde, auch „Grappa-Connection“ genannt, tagte in Bissingers Landhaus nahe Stade. Besetzung: Günter Grass, Marius Müller-Westernhagen, Erich Loest‚ Jürgen Flimm, Oskar Negt, dazu Schröder mit den Helfern Hombach und Heye. Es ging darum, wie in einer SPD-Regierung Kultur verankert werden könne. Bissingers hübsch verstecktes Anwesen schien keine schlechte Platzwahl für dergleichen Planspiele; Freunde kolportieren, nach den Turbulenzen um die Trennung von „Hillu“ sei es Doris’ & Gerds Zufluchtsort gewesen.

Bissinger war es auch, der den sperrigen Grass an Schröder heranspielte, obgleich der Literat lange Lafontaines Lager verstärkte. In den Zeiten von Arbeitslosigkeit und Schulden verschaffte der Nobelpreisträger dem Kanzler damit eine Aura, die an den seligen Willy Brandt erinnern soll. In Schröders Umgebung hielt man die folgenden, von MB moderierten Gespräche im Kanzler-Elysium (unter anderem mit Christa Wolf und Martin Walser) wegen des Altersdurchschnitts der erlauchten Geister für eine gespenstische Veranstaltung. Gegen den Dino-Treff sei nicht anzudiskutierten, plaudert einer aus der Führungsriege.

Unter den raren, echten Schröder-Freun- den besticht MB mit besonderen wahrsagerischen Fähigkeiten. Als „der Gerd“ im Vorjahr in immer neue Tiefs stürzte, erklärte der Prophet jedem, der es nicht hören wollte: „Leute, schneidet euch nicht in den Finger, Schröder ist nicht weg.“ Im Tagesspiegel konstatierte Bissinger einigermaßen kühn: „Und Gerhard Schröder weiß, Statur zu zeigen.“ Die Meinung hatte er in der Phase noch exklusiv.

Es war die Zeit von Gerds Verliererlächeln, kampflos schien er sich Stoiber zu ergeben, Bissingers fürsorgliche Prosa schrieb ihn mit dem Mute der Verzweiflung hoch. „Alle, die schon auf das nahe Ende von Schröder spekulieren und es häufig öffentlich beschwören, sollten gewarnt sein.“ Seine „antizyklische Lobrede“ las sich als vertrauensstiftendes Epos zur Unzeit: „Er hat längst mehr erreicht, als ihm viele zugetraut haben.“ Der Mantel der Geschichte bauschte sich, MB bescheinigte Schröder eine „historische Rolle“. Mit mal vorauseilender, mit mal nachgetragener Liebe horchte er erstaunlich feinfühlig in den Kumpel hinein, wusste, warum sein erneuter Wahlsieg „kein nationales Unglück wäre“, wirkte therapeutisch an ihm: „In der Krise entpuppt sich Schröder als Regierungschef von präsidialem Format.“

Damals registrierten Beobachter, der Kanzler sei noch misstrauischer geworden, habe sich zum Opfer von Medienkampagnen stilisiert, sei froh gewesen, dem langjährigen Weggefährten „seine Nöte anvertrauen zu können“, erklärt ein Spitzengenosse. In diesem Sinne gleicht der Seelenverwandte einem Mentaltrainer, der durch verbale Streicheleinheiten viel zur Selbstsuggestion des schwankenden Schröder beitrug, der des Zuspruchs bedürftig war.

In der Ratlosigkeit suchte man nach einer „erlösenden Formel“, rekapituliert ein Teilnehmer von Gerds Tafelrunde. Eine solche formulierte Bissinger schon ’99, in vergleichbarer Malaise. Leitartikelnd erinnerte er daran, wie man „innenpolitisch verspieltes Terrain über die Außenpolitik wieder zurückgewinnen kann“. „In der Tat“, berichtet einer aus der SPD-Spitze, wurzelt Schröders jetziger Anti-Kriegs-Kurs in „Bissis“ wieder aufgewärmten Gedanken. Auf den Wahlschlager wären hochbezahlte Ministeriale nie gekommen, die feilten noch an der vom Kanzler beschworenen „Wertegemeinschaft“ mit Bush. Umfragen stützten die neue Linie ab, die zum Sieg beitrug. Rotwein-Runden mit Dichtern und Denkern (beliebt sei der Tignanello) befeuerten Schröders Nein zusätzlich. Der heute betonte, weltpolitische Überbau sei nachgeschoben, beteuert einer aus dem Team. „Das war kein geplantes Ding.“

Im Wahljahr war Bissinger in ähnlich depressiver Stimmung wie Schröder. Seine „Woche“ war eingestellt worden, er hatte nicht weniger als sein Lebenswerk verloren. Im Verlag verstauben nun die Auszeichnungen für das Blatt, in seiner tollen Bibliothek, die sonst Erstausgaben vorbehalten ist, fallen rotgebundene „Woche“-Bände auf. Des Kanzlers Misere spiegelte gleichsam die eigene. Der von ihm mit Herzblut beschriebene Schröder-„Traum vom Sohn kleiner Leute, der Deutschland regieren darf“, schien beendet.

In bedrängender Situation hätten sie sich gefunden, „wie zwei Ertrinkende, die sich aneinander klammern“, erzählen Mitstreiter. Bissinger litt brutal unter dem Bedeutungsverlust, hatte Entzugserscheinungen, berappelte sich mühsam nach einem Schlaganfall. Es war die gemeinsame Misere, die sie vollends zu Verschworenen machte. Ihr Männerbund braucht nie viele Worte.

Mit der „Woche“ verlor dem Gerd sein Manfred die Plattform für zuweilen penetrantes Herrscherlob. Fairerweise muss gesagt werden, dass er im eigenen Blatt mannhaft Schröder-Kritisches ertrug. Doch war es immer ein Genuss für Feinschmecker, wenn MB im Heft dem „Lieben Gerhard Schröder“ einen offenen Brief mit Forderungen für eine „neue Politik“ zustellte, und den Duz-Kameraden der Form halber siezte. Umgekehrt ließ Schröder die Präsidiumssitzung sausen, gab ihm eines jener Interviews, in denen der Freund den Freund mit „Herr Bundeskanzler“ anredete. Während der Journalist sich für ihn verausgabte, als schriebe er um sein Leben, steckte der Politiker wirklich Wichtiges allerdings weiter dem „Spiegel“, wo es ihm an Genossen ebensowenig mangelt wie im „Stern“.

Links, rechts, beliebig

Es muss in den schweren Wochen gewesen sein, da sah man Bissinger plötzlich durchs Kanzleramt huschen. Dem einen oder anderen, dem er dort leibhaftig erschien, wurde nahegelegt, die Anwesenheit bittschön zu vergessen. Vielleicht, weil es nicht dem Comment entspricht, hinter den Kulissen Mann ihm Ohr und gefragter Ratgeber zu sein, und draußen eine Politik zu preisen, die man womöglich vorher im stillen Kämmerlein mitbestimmte?

Nun muss man wissen, der Kanzler liebt die Spezies „unsichtbare Berater“ sehr. Er hat es nicht gern, wenn sich seine Leute allzu heftig im Rampenlicht sonnen. Sich womöglich zu Gedanken bekennen, die der Meister als eigene ausgeben möchte. Insider reihen „Bissi“ deshalb unter die „grauen Eminenzen“ ein, die im Stillen an seiner Erleuchtung mitwirken, „ihr Einfluss ist inzwischen gewaltig“, berichten Zuarbeiter. Der Meinungsmacher soll ihn im Hintergrund aufs erste Fernsehduell gegen Stoiber vorbereitet haben: „Er hat ihn mit gecoacht“, wird gestreut, nicht ohne den Hinweis zu versäumen, der Auftritt sei an den CSUler gegangen.

Die Geschichte einer wundersamen Freundschaft, Brüder im Geist haben sich gesucht und gefunden. Beide teilen die Abneigung gegen Lafontaine, die frühe Verzweiflung über Scharping. Ex-SPDler Manfred war in vielen Punkten mit der Partei zerstritten wie Gerd. Dem einen wie dem anderen wird ein taktisches Verhältnis zu Personen nachgesagt. Sie sind Anfasser, knuffen Leute in die Seite, klopfen auf Schultern, als müssten sie die ihnen nachgesagte Kühle durch demonstrativen Wärmestrom ausgleichen. Beide entwickeln beträchtlichen Teddybärencharme, um ans Ziel zu kommen, verfügen über einen schwer beschreibbaren Zauber, der Personen bindet. Beide vergessen hinterher manches Versprechen. Wechselseitig besuchen sie ihre Hochzeits- und Geburtstagspartys, Gerd ist Empfänger schön mit dem Füller geschriebener Manfred-Post. Der kann ihn jederzeit anrufen und Kollegen die Tür zu ihm öffnen. Sie sind Bauchtypen, schwärmen für Kuba, beschäftigen den gleichen Staranwalt.

Schröder teilt mit dem Publizisten den schwankenden Marktwert, ein „geübter Stehaufmann“, wie Bissinger den Kanzler zeichnet, als wärs ein Stück von ihm. Sie kommen von links, rückten nach rechts, ehe sie sich in der Mitte der Beliebigkeit die Hände reichten. Profitiert der Politiker mit „Bissis“ Worten davon, dass der Wähler „kein Archiv hat“, kommt ihm selbst zugute, dass der Leser kein Archiv hat. Sonst ließe sich gemeinsames Hakenschlagen dokumentieren. 2001 lobte MB am Beispiel Schröders, „Deutschland spielt international keine Sonderrolle mehr“, sprach von der „Enttabuisierung des Militärischen“. Heute marschieren sie mit vereinten Kräften auf dem Sonderweg, MB übermittelt ihm dazu per Pressemeldung die besagte „Solidaritätsadresse“. Es ist nicht ohne Pikanterie, dass Kanzler-Kritiker Hans-Ulrich Klose einst vom Senatssprecher Bissinger beraten worden ist, und heute betont: „Schröder manövriert Deutschland aus.“

Es war 1986, da setzte Bissinger in der „Natur“ die Schlagzeile „Doppel-Kopf“ über ein Schröder-Porträt des Verfassers dieser Zeilen. Eine bemerkenswerte Erkenntnis zu dem jungen Wilden, der sich im Widersprüchlichen treu blieb. Unbewusst aufschlussreich charakterisierte MB seinen Helden auf der „Achterbahn der Macht“ mit dem Satz: „Man braucht nur gute Nerven und muss das Magengrummeln aushalten. Und bei beidem ist er Meister.“ Es ist der Befund einer Spielernatur.

Die Fotos in Bissingers Wohnung zeigen Kanzler und Freund zusammen wie honette Führungskräfte, die für ihre SPD-Verwandt- schaft nichts können, über die sich bei Zigarrenkollegs trefflich philosophieren lässt. Die Genießer verbindet ein Sinn fürs Schöne, MB’s Kunstsammlung mit Vogler, Münter und dem Schwerpunkt Horst Janssen – er präsentiert herrliche Stücke aus dem Grafikschrank – ist eines Museums würdig. Der Kanzler schätzt den Maler gleichfalls, in einem Buch stehen ihre Würdigungen beieinander. Manfred war zuerst, Gerd danach fürs Berliner Stadtschloss.

Es stimmt, Bissinger ist kein gewöhnlicher Blattmacher. Er war schon berühmt, als Schröder im Pulli den Juso machte. Beim „Stern“ pflegte er einen superkritischen Touch, was keiner glaubt, der ihn, umspielt von Labrador Cooper, heute daherkommen sieht. Der Streitbare hatte als einziger Journalist gleichzeitig Helmut Schmidt und Helmut Kohl gegen sich. Er ist, im Auf und Ab, eine Branchenlegende, nicht ohne Tragik, die das „Woche“-Scheitern begleitet.

Schröders Aufstieg aus kleinen Verhältnissen korrespondiert mit Bissingers publizistischem Streben, bis hin zu den Außenseitergefühlen. MB fing bei der Zeitschrift „Vieh-und Fleischwirtschaft“ an, begann in der bayerischen Provinz den atemberaubenden Höhenflug. Der einstige Reporter erzählt gern, wie bei einem „Stern“-Interview mit Herbert Wehner das Bandgerät ausfiel und er unter Höllenqualen dessen Schachtelsätze rekonstruierte. 1978 endete seine „Stern“-Zeit im Krach. Kenner sehen in ihm seitdem einen Zerbrochenen, der hinter dem verlorenen Einfluss herjagt.

Jüngst verglich er als Kolumnist eines Springer-Blatts den Kanzler mit Willy Brandt. „Er könnte, wie sein Vorbild, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden.“ Schröder wieder im Tief, MB der Zeit voraus.

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