Zeitung Heute : Wer ist die Hamas?

Andrea Nüsse[Ramallah]

WELCHE GESICHTER VERBINDEN SICH MIT DER HAMAS?

Das bekannteste Gesicht der Hamas ist Scheich Ahmed Jassin. Das Gesicht des schwer behinderten, alten Mannes mit dem lichten Bart und dem weißen Tuch um den Kopf prangt auf Wahlpostern und schmückt Wohnzimmer und Hamaseinrichtungen. Er war der spirituelle Führer der Hamas, der sie politisch radikalisiert hat. Die israelische Armee hat ihn 2004 beim Verlassen einer Moschee in Gaza ermordet. Nachdem auch sein Nachfolger Abdelasis Rantisi nur wenige Wochen später getötet wurde, verzichtete die Bewegung darauf, einen Führer zu benennen. Viele Mitglieder gingen in den Untergrund. Derzeit fungiert Mahmud Sahar als eine Art Sprecher in Gaza. Der Mann mit dem Gebetsfleck auf der Stirn gehört zum radikalen Flügel, gibt sich unerbittlich gegenüber Israel, soll aber für die Teilnahme an den Parlamentswahlen plädiert haben. Sein Sohn wurde bei einem israelischen Luftangriff auf sein Haus getötet, er selbst und seine Frau verletzt. Der in Damaskus ansässige Khaled Meschaal gilt als Kopf des politischen Flügels der Hamas. Er hatte ein Mordkomplott israelischer Geheimagenten in der jordanischen Hauptstadt Amman knapp überlebt.

Spitzenkandidat der Hamasliste ist Ismail Hanija, ebenfalls aus Gaza, der als Erster am Donnerstag den absoluten Wahlsieg der Hamas verkündete. Der oft in Hemd und Blazer auftretende Hanija gilt als pragmatisch und soll die Verhandlungen mit Premier Abbas über eine Waffenruhe, die die Hamas 2005 größtenteils einhielt, geführt haben. Er verdankt sein besonderes Prestige der Tatsache, dass er Bürochef Scheich Jassins gewesen ist. Der 43-Jährige wird als möglicher neuer Premier gehandelt, falls die Hamas kein Nichtparteimitglied für diesen Posten findet. Es wird gemunkelt, die Hamas sei bereits an Exfinanzminister Salam Fajjad herangetreten, der als Spitzenkandidat auf einer unabhängigen Liste angetreten war.

In der Westbank ist die Hamas insgesamt sehr schwach vertreten und hat kaum prominente Gesichter. Sprecher ist hier seit Jahren Hassan Jussef, ein kleiner, vollbärtiger Mann, der sich moderat und offen gibt. Er gehörte zu jenen 400 Palästinensern, die Israel 1996 in den Südlibanon verbannte. Jussef gewann am Mittwoch ein Direktmandat in Ramallah, sitzt aber seit vier Monaten im israelischen Gefängnis. Dort sitzen außerdem zahlreiche jüngere, pragmatische Hamasaktivisten, welche die Bewegung jetzt gut gebrauchen könnte.

WAS PRÄGT DIE WELTANSCHAUUNG DER HAMAS?

Die islamistische Bewegung ist durch die Dichotomie geprägt, welche den Koran durchzieht. Alles ist eingeteilt in Gut und Böse, erlaubt und unerlaubt. Die Hamas ist wie viele islamistische Bewegungen überzeugt davon, dass Muslimen eine Führungsrolle in der Welt zusteht, weil Gott zuletzt den Muslimen seine Religion offenbarte – nachdem Juden und Christen vom rechten Weg abgewichen waren. Nach klassischer islamischer Lehre dürfen insbesondere Länder, die bereits unter muslimischer Herrschaft waren, nicht von Nichtmuslimen beherrscht werden. Und so erklärt Hamas den politischen Palästinakonflikt mit religiösen Konzepten. Nach islamischer Lehre werden Juden zwar als Minderheiten respektiert und auch geschützt, sie dürfen aber kein Land, das einmal von Muslimen regiert wurde, beherrschen. Aus diesem Blickwinkel ist die Existenz Israels ein Unrecht, das mit dem koranischen Wort „batil“ beschrieben wird. Die daraus resultierende Erniedrigung durch Israel bedarf der Erklärung, sie wird mit den Komplotten gleichgesetzt, welche die jüdischen Stämme in Mekka gegen den Propheten Mohammed ausheckten. Daher lässt sich der Koran heranziehen, um den angeblich schlechten Charakter der Juden und ihren Hass auf den Islam zu beweisen. Anscheinend hilft die Verteufelung des Gegners als „ewig Bösen“, um das Ungleichgewicht der Kräfte zu ertragen. Auch werden Elemente des europäischen Antisemitismus übernommen, der in der Region keine Wurzeln hat. Gleichzeitig aber wird fast bewundernd anerkannt, dass Israel ein religiöser Staat ist. Sein Erfolg wird darauf zurückgeführt, dass seine Bewohner ihre Religion befolgen.

Der Kampf um Palästina wird als Teil des Ringens der Muslime begriffen, wieder eine Position der Stärke in der Welt einzunehmen. Das religiöse Vokabular und der Rückgriff auf bekannte Konzepte wie „Dschihad“ machen die Menschen für diese Ideologie empfänglich. Zivilisten müssen nach islamischer Lehre eigentlich verschont werden. Hamas argumentiert, dass Israel palästinensische Zivilisten töte und sich nicht an diese Regel halte. Dank des obligatorischen Militärdienstes für Männer und Frauen und den zahlreichen Reserveübungen sei die israelische Gesellschaft „militarisiert“. Bewaffnete Siedler und die restlichen Israelis seien daher keine Zivilisten.

IST DIE HAMAS TERRORORGANISATION ODER POLITISCHE PARTEI?

Die Hamas ist eine islamistische Bewegung, die als soziale Organisation, damals hieß sie noch Al Mudschama im Gazastreifen angefangen hat. Seit den 70er Jahren schuf der Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft dort soziale Einrichtungen, die sich vor allem um die zahlreichen Flüchtlinge kümmerten. Islamische Erziehung und eine Rückkehr zu den wahren Werten der Religion waren die Botschaft, die die Organisation den Menschen zugleich mit ihren karikativen Diensten überbringen wollte. An Widerstand gegen die Besatzungsmacht dachte damals niemand. Doch mit Ausbruch der ersten Intifada Ende 1987 musste die Bewegung ihre Position neu überdenken, um nicht an Popularität zu verlieren. Die Hamas wurde gegründet, die sich neben der muslimischen Erziehung den Kampf gegen die israelische Besatzung auf die Fahne geschrieben hat. Damit war die Bewegung endgültig politisiert, mit den Kassambrigaden war sie zusätzlich militarisiert. 1994, nach dem Massaker an 29 betenden Muslimen in Hebron, führten die Brigaden ihr erstes Selbstmordattentat aus. Seither ist Hamas für die Mehrzahl der Anschläge in Israel verantwortlich, die sie als Reaktionen auf die Tötung von Palästinensern durch die israelische Armee darstellt. Was für viele Palästinenser „Widerstand“ ist, sehen die EU und die USA als „Terror“ an. Unterdessen konnte die Hamas erste politische Macht in den Studentenvertretungen und Berufsverbänden in Gaza übernehmen. 2004 beteiligte sie sich an den Kommunalwahlen und konnte auch in der weniger konservativen Westbank Gemeinderäte erobern. Die erste Teilnahme an einer Parlamentswahl am 25. Januar 2005 wurde als wichtiger Schritt zur möglichen Wandlung zu einer politischen Partei gefeiert. Mit der überraschenden Regierungsübernahme hat die Hamas nun einige Stufen übersprungen.

WIRD SICH DIE HAMAS IN DER REGIERUNGSVERANTWORTUNG VERÄNDERN?

Obwohl die islamistische Bewegung einer starren Doktrin anzuhängen scheint, zeigt die Hamas sich immer wieder flexibel und pragmatisch. Sie benutzt religiöse Konzepte, um politische Ziele zu erreichen. Dafür interpretiert sie auch schon einmal klassische islamische Konzepte neu. Der im Islam unbekannte Nationalismusgedanke fand seinen Einzug in die Hamasideologie ebenso wie die demokratische Idee des Volkswillens als politische Autorität. Kurioserweise werden diese Konzepte dann als islamische Ideen präsentiert, zum Beweis werden Sätze aus dem Koran oder überlieferte Worte von Propheten herangezogen, der Zusammenhang ist oft nur vage erkennbar.

Der pragmatische und eklektische Charakter der Ideologie bedeutet auch, dass die Hamas bereit ist, Pfeiler des Gedankengebäudes aufzugeben, wenn sie nicht mehr ihren Interessen dienen. So war der spirituelle Führer der Hamas, Scheich Ahmed Jassin, 1996 erstmals bereit, eine „Waffenruhe“ (hudna) auszurufen. Diese könnte nach Ansicht der Hamas theoretisch ausgedehnt werden und damit langfristigen Charakter erhalten. Obwohl die Zerstörung Israels in der Charta steht. Mit dem Rückgriff auf das Konzept der „Waffenruhe“ kann die Hamas eine kontroverse Entscheidung, nämlich den Kampf gegen Israel als Gegenleistung für das Ende der Besatzung der 1967er-Gebiete und Ostjerusalems einzustellen, als angeblich islamkonform rechtfertigen.

„Wir werden niemals die Errichtung eines Staates Palästina in den Grenzen von 1967 behindern“, sagte in einem früheren Gespräch der neue Parlamentsabgeordnete Jussef. Er versicherte, das „Blutvergießen“ habe ein Ende, wenn Israel die Besatzung der Gebiete von 1967 und die Tötungen beende. Daher erscheint es nicht ausgeschlossen, dass der pragmatische Flügel der Bewegung auch einen Weg findet, eines Tages ein endgültiges Friedensabkommen mit Israel zu rechtfertigen – bei entsprechenden Gegenleistungen. Eine Anerkennung Israels als Vorleistung erscheint derzeit ausgeschlossen.

Am Sonnabend wurde bekannt, dass die Hamas eine Armee zum Schutz des palästinensischen Volkes aufbauen will. Das könnte ein erster Schritt hin zur politischen Partei, weg von einer Terrororganisation sein. Oder einer zu mehr Gewalt.

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