Zeitung Heute : Wer ist Friedbert Pflüger?

Werner van Bebber

WIE KAM FRIEDBERT PFLÜGER DORT HIN, WO ER JETZT IST?

Auf jeden Fall sehr schnell: Friedbert Pflüger ist innerhalb von zwei Wochen von einem unter vielen Namen auf der Kandidatenliste zum Hoffnungsträger der Berliner CDU geworden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist ganz einfach zu verstehen: Klaus Töpfer und die Berliner Union waren nicht zusammengekommen. Monatelang hatte sich CDU-Landeschef Ingo Schmitt um den ehemaligen Bauminister bemüht, dann aber sagte Töpfer ab – und Schmitt stand kurz vor einer kompletten Blamage. Das war Anfang Januar.

An Friedbert Pflüger dachten zu dieser Zeit nur einige wenige in der Partei. Jetzt kommt der zweite Grund: Einer, der in Berlin beruflich mit Pflüger zu tun hat, will ihn nach eigenem Bekunden schon mal ganz unverbindlich gefragt haben, ob er sich die Spitzenkandidatur vorstellen könne. Pflüger passte von seinem liberalen Profil her zu den Wünschen der Berliner Union, die so gerne wieder als „moderne Großstadtpartei“ in Erscheinung treten möchte.

Und: Bei Pflüger denken viele, die ihn kennen und seinen Werdegang im Bundestag verfolgt haben, im Hintergrund an Richard von Weizsäcker. Das muss vor allem den vier Headhuntern aus der Berliner CDU gefallen haben, die seit Mai 2005 auf Kandidatensuche waren: Von Weizsäcker und die von ihm seinerzeit mitgebrachten Senatoren – genau so sah das Modell der Kandidatensucher um Ingo Schmitt aus. Und genau das hatte sie damals auch auf Töpfer gebracht.

Doch der Traummann der Berliner Union gab von Nairobi aus missverständliche Interviews – und nicht einmal Angela Merkel konnte ihn nach allem, was man in der Berliner CDU so hört, überzeugen. Merkel aber – und das ist Grund Nummer drei für das Angebot an Friedbert Pflüger – soll sich nach Töpfers Absage für den Niedersachsen verwandt haben, dezent und diskret, aber unmissverständlich.

WAS FÜR EIN POLITIKERTYP IST FRIEDBERT PFLÜGER?

Wer es gut mit ihm meint, sieht in Pflüger einen politischen Vollprofi, der reden und auftreten kann: Ein Vordenker, der eigenen Partei ein wenig voraus, aber auch nicht so weit, dass er als Ideologe oder Visionär in Verruf geriete.

Wer es nicht gut mit Pflüger meint, sieht in ihm einen dieser konturenlosen Pragmatiker, der sein Leben im politischen Betrieb und im Bundestag verbringt, ohne jemals wirklich aufzufallen.

Aber Pflüger hat sich in eben diesem Politikbetrieb durchaus einen Namen gemacht. Den Reformern in der CDU war er immer verbunden. Als die Bundespolitik noch in Bonn gemacht wurde, gehörte er zur Pizza-Connection – das war die kleine Runde von Unions- und Grünen-Abgeordneten, die sich regelmäßig zusammensetzte, um über schwarz-grüne Perspektiven zu sprechen.

Pflüger schrieb ein Buch, in dem er versuchte, Marktwirtschaft und Ökologie zusammenzubringen. Und er machte gelegentlich deutlich, dass er kein unbedingter Kohl-Gefolgsmann war. So wandte er sich 1993 öffentlich gegen Kohls Absicht, den konservativen sächsischen Justizminister Steffen Heitmann zum Präsidentschaftskandidaten der Union zu machen.

Als Außenpolitiker der Union gehörte Pflüger immer zu den Atlantikern, die in der Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten ein Grundgesetz der deutschen Außenpolitik sehen. Pflüger blieb dabei grundsatztreu, auch als das langsam unpopulär wurde. Mit Angela Merkel reiste er 2003 während der Diskussionen um den Irakkrieg in die USA.

Andererseits gehörte Pflüger 2004 zusammen mit Grünen-Politiker Reinhard Bütikofer zu den 115 Unterzeichnern eines offenen Briefes an Wladimir Putin. Die Unterzeichner warfen Putin autoritäre Tendenzen vor und forderten die EU-Regierungschefs auf, das Scheitern ihrer Russlandpolitik einzusehen.

WAS WÜRDE IHN DAZU BEFÄHIGEN, REGIERENDER BÜRGERMEISTER VON BERLIN ZU SEIN?

Pflüger hat ein Gefühl für die Stadt – auch wenn er seine Erfahrungen mit der Berliner Politik bereits in den frühen 80er Jahren gemacht hat. Er wäre jemand, der es von der politischen Statur her gut mit Klaus Wowereit aufnehmen könnte. Wowereit mag die Berliner Verhältnisse zwar wie kein Zweiter durchdrungen haben – Pflüger aber würde eine gewisse Weltläufigkeit mitbringen. Er könnte Leute ansprechen und für die Berliner Politik gewinnen, die Wowereit nicht erreicht.

So könnte Pflüger nach dem Weizsäcker-Modell den Berlinern eines zeigen: Hier steht nicht nur einer, hier ist eine ganze Mannschaft, die von dieser Stadt angetan ist und etwas für sie tun will. Verweht wäre dann der Hauch der Provinzialität, der zurzeit über den Berliner Verhältnissen liegt und vielen in der Stadt das Gefühl gibt, dynamische Entwicklung gebe es in London oder Moskau, aber nicht in Berlin. Pflüger hat diese Eigenschaft, die begabte Politiker haben – er kann mit ein paar Worten und Gesten die Aufmerksamkeit größerer Gruppen auf sich lenken. Er kann, zumindest fürs Erste, Leute gewinnen.

BERLIN UND SPEZIELL DIE BERLINER CDU GELTEN ALS POLITISCH SCHWIERIGES TERRAIN. WIE SEHR DÜRFTE FRIEDBERT PFLÜGER DAMIT ZURECHTKOMMEN?

Mitten in der Berliner CDU gibt es ein Vakuum: Die Partei wartet auf einen, dem sie zutrauen kann, dass er sie aus dem 19-Prozent-Trauma befreit. Dafür ist die Berliner Union, die zu Weizsäckers Zeiten weit mehr als 40 Prozent der Wählerstimmen holen konnte, derzeit in den Sonntagsfragen gut. Wenn sich Pflüger auf die CDU einlässt, kann er ihr wieder jene Mitte geben, für die einmal Eberhard Diepgen stand. Pflüger passt mit seinem wenig konservativen Profil und seiner verbindlichen Art ganz gut zu einer Partei, die in Berlin noch nie durch besonders tweedjacketthafte Bürgerlichkeit aufgefallen ist. Einer der Modernisierungsversuche der CDU-Fraktion bestand im vergangenen Herbst in der Erkenntnis, dass Berlin die Stadt der Singles, der Alleinerziehenden, der Problemfamilien ist, voller Minderheiten und Migranten, für die man Politik machen muss. Klaus Wowereit hat gezeigt, dass ein Bekenntnis zur Homosexualität und eine anwaltschaftliche Haltung im Sinne der homosexuellen Community zur Stadt und zu seinem Profil passen; da ist er authentisch.

Pflüger könnte Ähnliches in der Patchworkfamilienmetropole Berlin für sich in Anspruch nehmen: In Scheidung lebend, neu liiert mit einer deutlich jüngeren Frau, Vater eines kleinen Jungen – es gäbe nicht mal in den konservativen Kleingruppen der Berliner CDU viele, die ihm das übel nehmen würden. Das würde für den Anfang reichen. Dann aber müsste Pflüger zweierlei zugleich bewältigen: Er müsste sich schnell und gründlich in die Berliner Großthemen Finanzen und Infrastruktur bis hin zum Flughafenbau einarbeiten. Da wird sich Wowereit nichts vormachen lassen: Dessen Detailkenntnis ist so wenig zu unterschätzen wie seine Fähigkeit zum Fallenstellen.

Pflüger aber müsste, während er sich die nötige Berliner Sachkenntnis erwirbt, auch Hoffnung verbreiten: Ich habe Pläne für die Stadt. Ich habe Zugang zur Bundeskanzlerin, wenn sich die Dinge etwa in Sachen Finanzklage in Karlsruhe oder in Sachen Flughafenplanung zum Schlechteren entwickeln. Ich habe außerdem Zugang zu ein paar experimentierfreudigen Berliner Grünen – und mit der FDP verstehe ich mich ohnehin bestens. Dass ich von Berlin begeistert bin und seit der Hauptstadtdebatte und meiner Entscheidung für Bonn viel dazugelernt habe, zeigt sich gerade an meiner Kandidatur.

Binnen kurzem wird es Pflüger schaffen müssen, zu einer gewichtigen Berliner Polit-Persönlichkeit zu werden. Allerdings kann er damit rechnen, dass ihm die Berliner CDU kräftig helfen wird. So gut wie dieser Tage dürfte die Stimmung der Partei lange nicht mehr gewesen sein. Sie hat sich müde gestritten, sie war, was das Binnenklima anbelangt, ganz unten. Wer jetzt Streit anfängt, kann nur verlieren. Bis zur Wahl des Abgeordnetenhauses wird sich Pflüger auf Ingo Schmitt ebenso verlassen können wie auf CDU-Generalsekretär Frank Henkel und auf Fraktionschef Nico Zimmer. Dann sieht man weiter.

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