Zeitung Heute : Wer ist Gordon Brown?

John F. Jungclaussen[London]

GROSSBRITANNIEN ÜBERNIMMT DEN G-8-VORSITZ. WELCHE ROLLE SPIELT BROWN?

Er sei sauertöpfisch, sagen viele, ein Kontrollfreak, unfähig zum Small Talk und absolut besessen von seiner Arbeit. Wer ihn kennt, wird Gordon Brown in dieser Beschreibung sicher wiedererkennen. Deswegen war es umso bemerkenswerter, als die britischen Zeitungen am Freitag einen ausgesprochen emotionalen Schatzkanzler zeigten. Der Mann, der seit acht Jahren die Nummer zwei in der britischen Politik ist und genauso lange viel lieber die Nummer eins wäre, war auf einer Mission, die ihn tief berührte, weil sie bis an den Kern seines politischen Selbstverständnisses reichte. In einem kleinen Dorf aus Lehmhütten mitten in Tansania besuchte er eine Grundschule und versprach, Großbritannien werde über die nächsten zehn Jahre 75 Millionen Dollar von den Schulden übernehmen, mit denen das Land bei der Weltbank in der Kreide steht. Ähnliche Versprechen machte er in Mozambique und Kenia. Innerhalb der nächsten zehn Jahre will Großbritannien den ärmsten Ländern der Welt etwa zwei Milliarden ihrer Schulden erlassen, solange sie sich im Gegenzug dazu verpflichten, von dem gesparten Geld die Schulbildung und die Gesundheitsversorgung in ihren Ländern zu verbessern.

Mit seinem Vorstoß steckte Gordon Brown den Pfad ab, den er in den nächsten sechs Monaten begehen will, in denen Großbritannien den Vorsitz der G-8-Gruppe der reichsten Industrienationen hat. Bessere Chancen für die Ärmsten unter den Armen durch Schuldenerlass von den Reichsten der Reichen.

WOFÜR STEHT BROWN?

Die Idee von Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit lag ganz am Anfang von Gordon Browns politischer Karriere. Der 53-Jährige wuchs als Sohn eines Pastors im schottischen Dunfermline auf, einer kleinen Stadt nördlich von Edinburgh. Der wirtschaftliche Niedergang der Region nach dem Ende des Krieges und die soziale Rolle seines Vaters in der Stadt erweckten und hegten in dem Jungen die politischen Instinkte der Linken. „Es gab Arbeitslosigkeit, die war einfach inakzeptabel, und dann gab es eine chronisch ungerechte Verteilung von Wohlstand und Macht“, sagte er einmal. Mit zwölf Jahren wurde er zum Politikmenschen, machte zum ersten Mal Wahlkampf für die Labour-Partei. Und brachte mit seinem Bruder John eine Zeitung heraus, in der sie sogar einen Artikel des damaligen Parteiführers und späteren Premierministers Harold Wilson veröffentlichen konnten. Mit 16 ging er nach Edinburgh an die Uni, mit 20 schrieb er sein erstes politisches Manifest und begann seine Dissertation in Geschichte. Diese Arbeit über den radikalen Sozialistenführer James Maxton aus Glasgow verfeinerte seine politischen Ansichten auf eine Art, die ihn bis heute für viele undurchschaubar macht.

Einerseits spricht aus ihm der Altlinke, der an einen starken, zentralistisch geführten Staat glaubt und seine Botschaft mit messianischem Eifer und Verbissenheit verbreitet. Dann aber ist er der Schatzkanzler, der sich seit acht Jahren um das Wohlergehen britischer Konzerne kümmert und natürlichen Alliierten wie den Gewerkschaften das Recht auf mehr Mitsprache versagt.

Über James Maxton schrieb Brown: „Ein erfolgreicher sozialistischer Politiker ist, wer das Wohlergehen seiner Partei fördert und Macht progressiv einsetzt, um die Gesellschaft zu verändern.“ Maxton hatte weder das eine geschafft, noch das andere. Er war ein Radikaler, der die Revolution wollte, und sein Versagen lehrte Gordon Brown, dass der Weg zum größtmöglichem Maß an gleichmäßiger Verteilung von Wohlstand in einer Gesellschaft nicht ohne eine wohlhabende Mittelschicht zu erreichen ist, deren Werte und Arbeitsmoral Brown aus seinem presbyterianischen Familienumfeld nur zu bekannt waren.

So formte sich ein Politiker, der von ganzem Herzen links ist und der progressive Veränderung aus einer wohlhabenden kapitalistischen Gesellschaft heraus für den besten Weg zu seinem Ziel hält. So formte sich auch ein Mann, der besessen ist von seinen Ideen, ein freudloser Workaholic, ein politischer Perfektionist, dem jede menschliche Seite fehlt. Jahrelang hatte er nicht einmal Zeit für ein Privatleben. Seine langjährige Beziehung mit der Tochter des im Schweizer Exil lebenden Königs von Rumänien, Prinzessin Margarita, ging in die Brüche, weil es ihm immer nur um eins ging: „Politik, Politik, Politik. Aber ich brauchte Aufmerksamkeit und Fürsorge“, erinnert sie sich. Etwas Menschlichkeit durch ein Leben außerhalb von Westminster erreichte er erst durch seine Heirat mit Sarah Macaulay vor vier Jahren und noch mehr durch die Geburt seines Sohnes John im Oktober 2003. Damals sah die Öffentlichkeit zum ersten Mal das echte Lächeln von Gordon Brown. Es war dasselbe wie jetzt in Tansania.

WAS UNTERSCHEIDET GORDON BROWN VON TONY BLAIR?

Sein scharfer Intellekt und seine visionäre Vorstellung von Labour als Regierungspartei machten ihn zu einem natürlichen Nachfolger für den Parteiführer John Smith. Auch der andere aufsteigende Stern am Firmament der Partei, Tony Blair, sah das so. Als Smith dann aber im Mai 1994 plötzlich an einem Herzinfarkt starb, ergriff Blair die Initiative. Während Brown noch Smiths Tod betrauerte, sammelte Blair die Schwergewichte der Partei hinter sich und schwang sich über Nacht zum nächsten Parteivorsitzenden auf. Für Labour war das vermutlich gut so. Blair ist charismatisch, intuitiv und zugänglich – ein überzeugendes Gesicht für die New-Labour-Idee. „Brown ist der Meister der Komplexität“, erklärt der politische Beobachter Madsen Pirie vom Adam Smith Institute. „Blair dagegen ist enger mit dem volkstümlichen britischen Demokratieverständnis verwandt.“ Ob Brown die Wähler in gleicher Weise begeistert hätte wie Blair, ist nicht sicher.

Freilich überrascht es nicht, dass Brown das ganz und gar nicht so sieht. Für ihn war der Freund zum Verräter geworden. Und weil Blair das genau wusste, versprach er Brown das wichtigste Amt in der Regierung: das Amt des Schatzkanzlers. Dort herrscht Gordon Brown seit Labours Wahlsieg 1997 mit einem Einfluss, wie ihn kaum einer seiner Vorgänger genossen hat. Ohne Brown geht am Kabinettstisch gar nichts. Er hat sich die Entscheidung über Großbritanniens Beitritt zur Eurozone allein vorbehalten, er bestimmt, welches Ministerium wie viel Geld bekommt, und er sorgt dafür, dass Presse und Öffentlichkeit ihn wahrnehmen, wenn viele zusätzliche Milliarden Pfund in das Gesundheitssystem gezahlt werden oder die Kinderarmut im Land zurückgeht.

Auf der einen Seite hat sich hier eine Doppelspitze ergeben, die Bemerkenswertes leisten kann. Andererseits haben beide Seiten in den vergangenen acht Jahren keine Gelegenheit für einen Zweikampf der ideologischen Nuancen ausgelassen. Tony Blair trat an mit einem Enthusiasmus für Europa, der in Brüssel gefiel. Er versprach, Großbritannien den Euro zu bringen und benutzte gerne große Worte. Europa sei Großbritanniens Bestimmung und dergleichen. Gordon Brown dagegen blieb der Pedant, der er immer war, und pochte darauf, dass es erst eine Reihe von wirtschaftlichen Kriterien zu erfüllen gelte, bevor das Pfund abgeschafft werden könnte. Brown ist kein Antieuropäer. Seine Kritik richtet sich gegen die operativen Unzulänglichkeiten Brüssels, nicht gegen die Idee an sich. Im Juni 2003 lieferte er ein 2000 Seiten langes Dokument, in dem haarklein dargelegt wurde, warum die wirtschaftlichen Umstände noch nicht ganz richtig sind. Blair wollte als großer Europapolitiker in die Geschichtsbücher eingehen. Brown hat ihm das vermasselt.

Dafür konnte Blair sich bei der Reform des öffentlichen Dienstes durchsetzen. Blair ist hier ganz konservativ. Er glaubt daran, dass ein aufgeblasener Staatsapparat durch marktwirtschaftlichen Wettbewerb schlanker und effizienter gemacht werden kann, und ließ den Privatsektor auf den öffentlichen Dienst los. Gordon Brown musste das zähneknirschend hinnehmen.

WELCHE AUSSICHTEN HAT BROWN?

Nach acht Jahren im Amt stehen die Zeichen einigermaßen gut für Gordon Brown, das Königsamt endlich bald zu erreichen. Im Mai wird Labour vermutlich zum zweiten Mal im Amt bestätigt. Der Hauptgrund dafür wird nicht der verhasste Krieg im Irak sein, für den die Wähler Tony Blair allein verantwortlich machen. Nein, Labour wird wohl wieder gewählt werden, weil die Haushalts- und Finanzpolitik der vergangenen Jahre tadellos war und das Land sich über eine astreine Wirtschaftslage freuen kann. Ob Arbeitslosigkeit oder Inflation, Haushaltsdefizit oder Währungsstabilität, keine andere G-8-Nation steht so gut da wie die Briten – und der Mann, dem sie dafür danken, ist Gordon Brown.

Tony Blair hat sich einen möglichen Termin für seinen Abgang im Frühjahr 2006 vorbereitet. Dann lässt er sein Volk nämlich über die europäische Verfassung abstimmen. Da passt es gut, dass er in der zweiten Hälfte dieses Jahres die EU-Ratspräsidentschaft führt. Doch die Wahrscheinlichkeit bleibt, dass er die Volksbefragung verlieren wird, und das wäre ein guter Augenblick, seinen Nachfolger ranzulassen. Es sei denn, Holland oder Dänemark lehnen das Vertragswerk vorher ab, dann müsste Blair gar nicht erst eine Niederlage riskieren, und Gordon Brown bliebe für immer der freudlose zweite Mann.

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