Zeitung Heute : Wer ist Hillary Clinton?

Christoph von Marschall[Washington]

Sie könnte Präsidentin der USA werden. Ihr Mann ist ihr bester Berater – und größtes Problem. Er ist beliebt, sie muss sich Sympathien erarbeiten. Eine Frau, die das Land spaltet.

WIE HAT HILLARY CLINTON ES VON DER FIRST LADY ZU EINER ANERKANNTEN SENATORIN GESCHAFFT?

Sie verfügt über Wahlkampfspenden in Höhe von 33 Millionen Dollar; sie hat einen Stab von 32 Vollzeitangestellten plus zehn Senatsmitarbeitern plus 13 politischen Beratern. Das sind Dimensionen, in die nur erklärte Präsidentschaftskandidaten vorstoßen. Doch mit solchen Gedanken beschäftigt sich Hillary Clinton nicht. Das sagt sie zumindest. Sie müsse sich voll auf ihre Wiederwahl als Senatorin des Staates New York am 7. November konzentrieren, sagt sie. Dabei scheint dieses Rennen längst entschieden zu sein. Denn es gibt keinen ernst zu nehmenden republikanischen Gegner, und so führt sie noch nicht einmal richtig Wahlkampf. Sie tut gerade genug, um 55 Prozent plus x zu holen. Mit 55 Prozent hat sie 2000 gesiegt, wenige Wochen, bevor die Clintons das Weiße Haus für George W. Bush räumen mussten. Die „plus x“ wären ein Argument und das zweistellige Spendenpolster ein Startkapital, falls sie doch noch der Ruf ereilt, sich 2008 um die Präsidentschaft zu bewerben.

Hillary Clinton wohnte noch im Weißen Haus, als sie Senatorin wurde – als erste amtierende First Lady in der US-Geschichte und erste Frau für den Staat New York. Ein politisch unbeschriebenes Blatt war sie nicht. Vielmehr war ihr vorgehalten worden, sie habe als Beauftragte für die Gesundheitsreform zu großen Ehrgeiz entwickelt, in der Politik ihres Mannes mitzumischen.

18 Jahre war Hillary Clinton alt, als sie bei den Republikanern politisch aktiv wurde. Kein untypischer Weg angesichts ihrer religiösen Erziehung in einem methodistischen Elternhaus im Mittleren Westen. Erst Jahre später wechselte sie zu den Demokraten, engagierte sich im Kinderschutz und für Sozialprojekte. An der kostenlosen Rechtsvertretung für Arme hielt sie auch fest, als sie an der Eliteuni Yale in Jura promoviert hatte, mit Bill nach Arkansas zog, sich in der Kanzlei Rose auf den Schutz geistigen Eigentums spezialisierte und nebenher an der Uni Jura lehrte.

Soziales, Gesundheit, Kinder- und Frauenrechte – mit diesen Themen wurde Hillary Clinton in Verbindung gebracht, als sie 2000 eine eigene politische Karriere anstrebte. „Gedöns“, Amerikas Machos denken da nicht viel anders als Exkanzler Gerhard Schröder. Vermutlich muss Hillary Clinton froh sein, dass ihr Konkurrent um den Senatssitz, Rudy Giuliani, kurz vor der Wahl aufgab, als bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert wurde. Gegen den angesehenen Bürgermeister, der New York von der Mafia befreit hatte, hätte sie wohl nicht gewonnen. Aber über den weniger prominenten Ersatzkandidaten Rick Lazio siegte sie.

Im Senat hat sie dann ihr Profil verändert. Sie sitzt in den Ausschüssen für Streitkräfte, atomare Sicherheit und Haushalt – alles harte Themen. Hillary Clinton ist politisch in die Mitte gerückt. Dorthin, wo sie eigentlich herkommt, sagen ihre Freunde. Aus kalter Berechnung, sagen ihre Gegner. Sie will demonstrieren, dass sie überparteilich denkt und kooperiert, also präsidiabel ist. Mit Newt Gingrich, früher republikanischer Erzfeind der Clintons, hat sie eine neue Gesundheitsreform ausgearbeitet. Das muss sie Überwindung gekostet haben, oder sie ist tatsächlich eiskalt berechnend. Immerhin hatte Gingrich Hillary Clintons Vorschläge zu einer Reform des Gesundheitswesen in den 90ern torpediert, und er hatte Bill Clinton 1994 die Kongressmehrheit genommen.

Gemeinsam mit den Republikanern wollte Hillary nun sogar die Verfassung um das Verbot erweitern, US-Flaggen zu verbrennen. Immer noch verteidigt sie ihre Stimme für den Irakkrieg, und sie ist gegen ein festes Abzugsdatum der US-Truppen. Bush habe Fehler in der Besatzungszeit gemacht, daher jetzt die Probleme, argumentiert sie.

WIE STEHEN DIE AMERIKANER ZU IHR?

Bekanntheit ist ein Vorteil in der Politik, aber nicht für Hillary Clinton, wenn sie Präsidentin werden will. Nur drei Prozent der Amerikaner sagen, sie hätten kein Urteil über sie. Alle anderen bewundern oder hassen sie – niemand polarisiert das Land stärker als Hillary. In den Großstädten an beiden Küsten würden viele sie wählen, hier leben die typischen Demokraten. In den Vorstädten und im weiten Mittleren Westen, dem Bush- und Republikanerland, stößt eine karrierebewusste und moderne Frau wie Hillary Clinton auf Ablehnung – auch beim weiblichen Geschlecht, das in traditionellen Rollen denkt.

In einer CNN-Umfrage gaben landesweit 47 Prozent an, sie würden Hillary nicht wählen. Bei den Erhebungen für „Time-Magazin“ schneidet sie geringfügig besser ab als ihre möglichen demokratischen Konkurrenten Al Gore, John Kerry und John Edwards. Das eigentliche Problem aber bleibt: Von den Nichtparteigebundenen geben 53 Prozent an, sie würden Hillary Clinton nicht unterstützen, 34 Prozent sagen sogar „ganz bestimmt nicht“. Hillarys Lager gibt sich optimistisch, im Konditionalis: falls sie antritt. Für einen Sieg brauchten die Demokraten doch nur die Staaten, die John F. Kerry 2004 gewonnen hat, plus einen mehr: Ohio oder Florida. Nur, woher sollen die Wechselwähler kommen, wenn Hillary Clinton so sehr polarisiert? Sicherlich, sie ist bei den Demokraten die Bekannteste, hat das dickste Spendenkonto und schon jetzt das beste Team von Wahlhelfern. Wer wollte ihr die Kandidatur streitig machen? Doch als wahrscheinlich gilt auch, dass die Demokraten mit ihr abermals knapp verlieren werden.

WELCHE ROLLE SPIELT IHR EHEMANN BILL CLINTON BEI IHRER KARRIERE?

Sie hat mit Bill Clinton den denkbar besten Berater. Er weiß, wie man die Mitte umwirbt, ohne die kein Sieg möglich ist. Und die Sympathien für ihn könnten auf sie abfärben. „Ihr kriegt uns beide – für den Preis von einem“, hatte er bei seiner eigenen Kandidatur gescherzt. Doch wenn sie zusammen auftreten, wird deutlich, was er hat und was ihr fehlt: Charisma. Bill ist ein Menschenfischer, Hillary muss sich Zustimmung erarbeiten. Solange sie im Schatten ihres Mannes steht, kann sie nicht Nummer eins werden. Deswegen lassen sich die Clintons nur noch selten zusammen sehen. Ehe Bill einen öffentlichen Auftritt zusagt, fragt er bei Hillarys Beraterteam nach, ob er seiner Frau damit in die Quere kommt. Denn bei gleichzeitigen Terminen an verschiedenen Orten schenken die Medien ihm bis heute mehr Aufmerksamkeit als ihr. Auch die Affäre mit Monica Lewinsky ist nicht vergessen, in doppelter Weise. Emanzipierte Frauen fragen: Wie konnte sie bei ihm bleiben? Sie sagt, aus Liebe. Republikaner sehen das als Beleg für ihr berechnendes Wesen, weil er ihr habe versprechen müssen, nun alles für ihre Karriere zu tun.

SOLLTE HILLARY CLINTON ES SCHAFFEN, WAS FÜR EINE PRÄSIDENTIN WÄRE SIE?

In jeder Hinsicht wäre sie das Gegenteil von George W. Bush. Hillary wäre die erste Frau im mächtigsten Wahlamt der Welt. Vor allem aber wäre sie keine Ideologin, keine emotional mitreißende Kämpferin für eigene Überzeugungen. Sie ist eher eine kühle Verfechterin rationaler Lösungsansätze. Verbündete muss man einbinden, die US-Soldaten aus dem Irak zurückholen, ohne dass dort Chaos ausbricht, sagt sie. Und die Energien der Regierung wieder stärker auf die Innenpolitik ausrichten. Brutale Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. So schockte Bill Clinton die Linke, als er 1995 die Staatsausgaben um 25 Prozent kürzte, um ein ausgeglichenes Budget vorzulegen. So etwas wäre auch seiner Frau zuzutrauen.

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