Zeitung Heute : Wer ist Ijad Allawi?

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Die Ernennung Ijad Allawis zum Ministerpräsidenten im vergangenen Sommer kam für viele überraschend. Es war schon problematisch, dass die Übergabe bestimmter Kompetenzen an die Iraker am 30. Juni nur einer sehr eingeschränkten Souveränität gleichkam. Wenigstens die Person des neuen Ministerpräsidenten hätte die „Irakisierung“ der politischen Entwicklung symbolisieren sollen – so war die Erwartung. Es hätte ein Mann sein sollen, der für möglichst viele Iraker spricht und durch kritische Distanz zu den USA die neue „Unabhängigkeit“ demonstriert. Lakhdar Brahimi, der als UNBeauftragter Vorschläge machen sollte, hatte wohl auch eine solche Person vor Augen. Doch dann einigte sich der Regierungsrat plötzlich auf Allawi und damit war die Entscheidung gefallen. Es wird vermutet, dass die USA ihren Einfluss bei der Wahl geltend gemacht haben, denn sie hatten jahrelang mit Allawi zusammengearbeitet. Er war eine bekannte – und wie sie hofften, berechenbare – Größe und den USA wie den Briten zu Dank verpflichtet.

Im Irak war Allawi, der seit den 70er Jahren in London lebte, unbekannt. Er wurde wie die meisten Exil- Politiker, die mit westlichen Geheimdiensten zusammenarbeiteten, von vielen für eine Marionette gehalten. Dies belastete die neue Regierung und leistete dem Vorwurf Vorschub, sie sei nur der verlängerte Arm der USA. So gesehen war Allawi eher nicht der Richtige. Nicht der, der den Neuanfang verkörpern konnte. Und dann war er es wieder doch: Der zupackende Allawi kam von allen Kandidaten noch am ehesten dem starken Mann nahe, den sich viele Iraker angesichts der herrschenden Gesetzlosigkeit wünschten.

Der feingeistige Ex-Außenminister Adnan Pachachi hätte sicher mehr den demokratischen Aufbruch versinnbildlicht. Aber die Priorität hatte und hat die Sicherheit und dafür war Allawi der Richtige. Die Mitglieder seiner Organisation sind vor allem irakische Militärs, die sich von Saddam Hussein abwandten. Damit verfügen sie über das größte Wissen und die besten Kontakte, um die von den USA aufgelösten irakischen Sicherheitskräfte wiederaufzubauen. Allawi schuf einen neuen Geheimdienst, in den er auch Agenten, die bis zuletzt für das Regime gearbeitet hatten, berief. Er führte die Todesstrafe wieder ein und gab sich selbst die Macht, das Kriegsrecht zu verhängen. Auch mit kritischen Medien ging er wenig zimperlich um: Er schloss das Büro des panarabischen Senders „Al Dschasira“ wegen unausgewogener Berichterstattung. Der Baathist und Geheimdienstoffizier Ibrahim Dschanabi wurde mit der Regulierung der Medien betraut.

Allawis Botschaft war eindeutig: Sicherheit geht vor Demokratisierung. Und damit sprach er vielen Irakern aus dem Herzen. Auch die Beschuldigung, er habe eine Woche vor der Übernahme seines neuen Amts eigenhändig sechs Verdächtige in einer Polizeiwache hingerichtet, schadete ihm innenpolitisch nicht. Einige Beobachter vermuten sogar, er habe die Geschichte als Gerücht selbst in Umlauf gebracht, um sich hart und unnachgiebig zu präsentieren. Dies würde sein politisches Gespür beweisen: Die Berichte von der angeblichen Tat verbesserten seinen Ruf im Irak.

WAS VERBINDET IHN MIT SEINEM LAND?

Mit dem Irak verbindet Allawi eine zwielichtige Vergangenheit in der Baath-Partei und später die Konspiration mit westlichen Geheimdiensten gegen Saddam Hussein. Viele Unklarheiten in seinem Lebenslauf, den Allawi selbst oft sehr anders präsentiert als Augenzeugen, legen den Verdacht nahe, dass Allawi ein Machtpolitiker mit durchaus opportunistischen Tendenzen ist.

Er wurde 1945 in Bagdad geboren, besuchte die Jesuiten-Schule „Bagdad College“, zusammen mit Ahmed Chalabi, einem Cousin zweiten Grades und dem derzeitigen Finanzminister Abel Abdul Mahdi. Sie gehörten zur kosmopolitischen Elite, deren Privilegien mit dem Sturz der Monarchie 1958 beendet wurden. Während die Chalabis ins Exil gingen, blieb die Familie Allawis im Irak und der junge Ijad schloss sich den Baathisten an im Kampf gegen die Kommunisten. Nach Allawis eigenen Angaben brach er bereits 1971 mit seiner Übersiedlung nach London mit dem Regime von Saddam Hussein. Augenzeugen aus seinen ersten Jahren in Großbritannien berichten, er habe im Auftrag des Geheimdiensts irakische Kommilitonen bespitzelt. Allawi streitet das ab. Spätestens 1978 ist klar, dass er von Saddam Hussein als Feind und Verräter angesehen wird: Zwei Männer dringen nachts in sein Haus ein und hacken mit einer Axt auf ihn ein. Schwer verletzt überlebt der Mediziner und verbringt ein Jahr im Krankenhaus.

Zu der Zeit hatte Allawi wohl schon Kontakte zum britischen Geheimdienst. Auch als der Neurologe in den 80er Jahren Geschäfte in den Golf-Ländern und Jemen betreibt, geschieht dies vermutlich mit Hilfe des MI6. Anfang der 90er Jahre sollen die Kontakte zur CIA begonnen haben, die Allawis Umsturzpläne 1996 unterstützt, nachdem der seines Rivalen Chalabi ein Jahr zuvor kläglich gescheitert war. Doch auch Allawi scheiterte.

Seine konspiratorische Vergangenheit hat Allawi dafür trainiert, im Hintergrund geschickt die Strippen zu ziehen. Ein Mittelsmann aus London soll mit viel Geld dafür gesorgt haben, dass Allawi vor dem Irakkrieg in Washington in politischen Zirkeln empfangen wurde. Dort kommt er mit seiner pragmatischen Art an. Das mag auch der Grund dafür sein, dass ihm die von seinen Leuten geleistete Fehlinformation, Irak könne innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen in Gang setzen, wenig geschadet hat. Von Chalabi dagegen wandten sich die USA ab, nachdem das Ausmaß seiner falschen Angaben über Saddams Waffenarsenal ans Licht kam. Das vielleicht aber auch, weil Chalabi sich seit der Invasion als der Lieblingskandidat der Amerikaner präsentierte und damit verbraucht war, während Allawi im Hintergrund auf die passende Gelegenheit wartete.

WAS MÜSSTE ALLAWI ÄNDERN, SOLLTE ER WEITER IM AMT BLEIBEN?

Zunächst für sieben Monate als Interimsministerpräsident eingesetzt, hat Allawi nun erstaunlich gute Chancen, im Amt zu bleiben. Nicht nur nutzte er seine Regierungszeit, um sich den Medien zu präsentieren. Er kann auf gewisse militärische Erfolge verweisen, hat hochrangige politische Kontakte. Falls die so genannte Schiitenliste um Al Hakim keine absolute Mehrheit gewinnt, könnten die übrigen Wahlallianzen sich auf Allawi als Kompromisskandidat einigen.

Um die Nation zusammenzuhalten, müsste Allawi dann aber eine Eigenschaft entwickeln, die ihm fehlt: Die Fähigkeit, politische Allianzen zu bilden, die Hand zum nationalen Dialog auszustrecken. Der Geheimdienst und die Reaktivierung alter Baathisten werden neben dem langsamen Aufbau einer Armee nicht ausreichen, um die Sicherheitslage zu kontrollieren.

Gegen Muktada al Sadr ging er radikal vor – ihn muss er politisch einbinden. In Nadschaf gelang es ihm nicht, die militärische Konfrontation zu vermeiden. Sein grünes Licht für den Sturm Falludschas hat politischen Schaden angerichtet und die Aufständischen in die nördlichen Regionen vertrieben. In seinem Wahlprogramm hat er die ausländischen Militärs nicht einmal erwähnt. Doch im Verhältnis zu den USA muss er seine Loyalität gegenüber den eigenen Landsleuten stärker zum Ausdruck bringen. Es kommt schlecht an, wenn er im US-Fernsehen die Misshandlungen irakischer Gefangener durch amerikanische Militärs mit Hinweis auf die kriegerische Lage zu erklären versucht, statt die Empörung seiner Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen. Da Allawi wahrscheinlich nicht aus eigener Kraft auf seinen Posten zurückkehren könnte, würde er zu politischen Allianzen gezwungen sein. Sie könnten ihn dazu bringen, seine Vision von einem starken Irak mit politischen Mitteln zu verfolgen.

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