Zeitung Heute : Wer ist Jürgen Zöllner?

Anja Kühne

SEIT JÜRGEN ZÖLLNER DAS AMT DES WISSENSCHAFTSSENATORS IN BERLIN ÜBERNOMMEN HAT, SIND DIE ERWARTUNGEN GROSS. WAS ZEICHNET IHN ALS POLITIKER AUS?

Ohne geringelte Socken und Fliege geht Berlins neuer Wissenschaftssenator nicht ins Büro. Jürgen Zöllner hat keine Angst aufzufallen. In der Politik ist das nicht anders. „Ich scheue mich nicht zu sagen, dass …“ – so beginnt der mit rauer Stimme sprechende Pfeifenraucher seine Sätze gerne. Anbiederungen bei der Öffentlichkeit oder bei seiner Partei, der SPD, sind seine Sache nicht. Zöllner lächelt selten und mag klare Ansagen – auch wenn sie unbequem sind.

Von der Lust auf Schlagzeilen wird er dabei nicht getrieben. Der 61-jährige Medizinprofessor ist zwar eitel, wenn es um sein Äußeres geht. Politisch interessiert er sich aber vor allem für die Sache. Und der ist manchmal am besten gedient, wenn man die Dinge hinter den Kulissen bespricht, glaubt der Senator. Welchen Standpunkt er schließlich in einer Frage vertreten wird, bleibt deshalb manchmal eine Weile im Dunkeln. Die hohe Akzeptanz und der große Einfluss, den er mit dieser Strategie in der Bildungspolitik gewonnen hat, geben ihm recht.

„Betroffene zu Beteiligten machen“, lautet Jürgen Zöllners Motto. Der Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung gewinnt seine Überzeugungen nicht einsam am Schreibtisch räsonierend, sondern im Gespräch mit denen, die mit seinen Reformen später zu tun haben werden, mit Lehrern, Schulleitern oder Wissenschaftlern. Wer in solche Gespräche Sachverstand und gute Argumente einbringen kann, wird Zöllners Politik auch mitprägen können. Diese Arbeitsweise beeindruckt selbst politische Gegner. Und von manchen seiner Mitarbeiter wird Zöllner dafür sogar geliebt. Als er Ende vergangenen Jahres im rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium nach 15 Jahren seinen Abschied bekannt gab, weinten altgediente Beamte vor Kummer.

WIE PASST ER ZU BERLIN?

Eigentlich ist Berlin nicht der ideale Ort für Fliegenträger. Doch Jürgen Zöllner passt durchaus in die Stadt. Deutliche Worte weiß man in Berlin mehr zu schätzen als sonstwo in der Republik. Und Zöllners sprödes, an manchen Tagen gar muffliges Auftreten wird man ihm hier nicht übel nehmen. Auch ist Zöllner robust genug, um verbale Tiefschläge, wie sie im Berliner Abgeordnetenhaus gelegentlich ausgeteilt werden, einstecken zu können. Allerdings wirkt Zöllner unter den Lokalmatadoren im Wissenschaftsausschuss etwas überdimensioniert: Die meisten Parteien sind nach der Wahl überwiegend mit Neulingen auf diesem Feld vertreten, die einen Heimvorteil gegenüber Zöllner kaum ausspielen werden können.

„Zöllner hat Berlin immer geliebt“, sagt ein Vertrauter aus dem Umfeld des Wissenschaftssenators. „Ihm hüpft das Herz im Leib, wenn er an Berlins Universitäten und die Charité denkt.“ Es reize Zöllner, noch im Verborgenen liegende Schätze der Wissenschaftslandschaft zu heben. Möglicherweise denkt der Senator auch, dass er für sein großes politisches Ziel, einen neuen Länderfinanzausgleich für Studienplätze, von der Hauptstadt aus mehr Gehör findet.

Bestimmt ist er aber nicht zuletzt auch aus „staatspolitischer Verantwortung“ nach Berlin gekommen, davon ist man in seinem Umfeld überzeugt. Zöllner will nah dran sein, wenn Ost- und Westdeutschland, ja Ost- und Westeuropa zusammenwachsen. Jürgen Zöllner ist 1972 wegen Willy Brandts Ostpolitik in die SPD eingetreten. Damals hatte der auf Molekularbiologie und Gentechnologie spezialisierte Forscher bereits seine Dissertation über „Neun verschiedene Formen des Pferdeherz-Cyctochrom-C-Moleküls“ abgeschlossen und arbeitete als Assistenzprofessor an der Universität Mainz, deren Präsident er später werden sollte.

Nicht Revanchismus, sondern Entspannung wollte der Sohn einer 1946 aus Mährisch-Neustadt geflohenen katholischen Arztfamilie. In Berlin wird Zöllner von seiner Neigung – auch parteiübergreifende – Brücken zu bauen, reichen Gebrauch machen können. In den Schulen und der Wissenschaft wird man hoffen, dass es ihm auch gelingt, den gefürchteten Finanzsenator Thilo Sarrazin zu überzeugen. Die beiden kennen sich schon seit langem. Sarrazin war in den neunziger Jahren Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Finanzministerium.

WELCHE VORSTELLUNGEN VON BILDUNG HAT ZÖLLNER?

Jürgen Zöllners Bildungspolitik ist durchdrungen von zwei großen sozialdemokratischen Ideen: Chancengerechtigkeit und Solidarität. Seine Politik soll aber auf einem breiten gesellschaftlichen Fundament fußen. Darum ist Zöllner kein linker SPD-Mann. Er will lieber den Ausgleich als Fronten, ist Pragmatiker. Das zeigt sich zum Beispiel an seiner Haltung zu Studiengebühren. In Rheinland-Pfalz hat Zöllner Studienkonten eingeführt. Erst wenn die Studierenden ihr Studium nicht in der 1,75-fachen Regelstudienzeit abschließen, also nach 15 oder 16 Semestern, müssen sie 650 Euro pro Semester bezahlen. Ein völlig kostenloses Studium, wie viele es sich in der SPD weiterhin wünschen, muss es aus Jürgen Zöllners Sicht nicht geben: Die Studienkonten garantieren zwar soziale Gerechtigkeit, fordern dem Einzelnen aber auch Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gemeinschaft ab, die mit ihren Steuern die Universitäten finanzieren muss.

Eine vermittelnde Position hat Zöllner auch bezogen, als seine Partei 2004 vorschlug, bundesweit fünf Eliteunis in einem Wettbewerb auszuwählen. Zöllner hielt diese Idee für falsch, weil sie dem deutschen Hochschulwesen nicht gerecht werde. Nicht wenige Hochschulen sollten als Ganzes belohnt werden – denn welche Uni kann schon von sich behaupten, in allen Bereichen stark zu sein? Gemeinsam mit anderen Kultusministern setzte Zöllner den Kompromiss durch, der die Geschäftsgrundlage des jetzigen Elitewettbewerbs darstellt. Neben dem eigentlichen Elitestatus für die ganze Universität gibt es eine Förderlinie für Graduiertenschulen und eine für große Forschungsvorhaben („Cluster“). Um Ausgleich bemüht ist Zöllner auch in der Schulpolitik. So ist er kein eifriger Verfechter der Gemeinschaftsschule. Solange viele Eltern davon noch nicht überzeugt sind, setzt er sich für Vielfalt im Schulwesen ein.

WIE WILL ER BERLIN VERÄNDERN?

Was er in der Wissenschaftspolitik plant, hat Jürgen Zöllner erst in der vergangenen Woche kurz im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses dargestellt. Doch letztlich blieb es bei Allgemeinplätzen, die in der Berliner Debatte nicht neu waren: Das Hochschulgesetz soll novelliert werden, die Hochschulen sollen „mehr Autonomie“ bekommen, eine neue Personalkategorie, ein Dozent für die Lehre, der Lecturer, soll eingeführt werden. Zwar hat Zöllner auch angekündigt, Berlins Hochschulen müssten Schwerpunkte bilden – und zwar egal, ob es den Universitäten gelingen wird, ihre Erfolge aus der Vorrunde im Elitewettbewerb in der Schlussauswahl im Oktober wirklich heimzutragen. Wo diese Schwerpunkte liegen sollen, blieb allerdings im Dunkeln.

Gut denkbar ist aber, dass Jürgen Zöllner noch einmal einen Anlauf unternimmt, Studienkonten in Berlin einzuführen. Dann würde es wohl zu Reibereien mit dem Koalitionspartner kommen. Die Basis der Linkspartei/PDS hatte schon Zöllners Vorgänger Thomas Flierl mit einem entsprechenden Vorstoß auflaufen lassen. Umgekehrt ist es sehr wahrscheinlich, dass Zöllner die Linke in seiner Partei und die Linkspartei ausbremsen wird, wenn es um die von ihnen gewünschte Entmachtung der Hochschulpräsidenten zugunsten der Gremien geht. Diese Idee scheint zu radikal zu sein, der Widerstand der Universitätsleitungen gegen sie zu groß, um von Zöllner verfolgt zu werden.

Kümmern muss sich Jürgen Zöllner aber vor allem um die Schule, wo die Lehrer sich durch neue Bürokratie überlastet fühlen und wo zu viele Unterrichtsstunden ausfallen. Davon, ob es dem Bildungssenator gelingt, die Schulen wieder zu befrieden, werden sein Ansehen und seine Zukunft in Berlin maßgeblich abhängen.

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