Zeitung Heute : Wer ist Meinhard von Gerkan?
VON GERKAN HAT GEGEN DIE BAHN PROZESSIERT UND GEWONNEN. WARUM HAT ER DIESEN FÜR EINEN ARCHITEKTEN UNGEWÖHNLICHEN WEG GEWÄHLT?
In der „Austernbar“ des neuen Berliner Hauptbahnhofs wurde die Einweihung am 26. Mai gefeiert. Ebendort genehmigte sich Meinhard von Gerkan ein Glas Champagner, nachdem ihn am Dienstag der Urteilsspruch des Berliner Landgerichts erreicht hatte. Seiner Klage gegen die Verletzung des Urheberrechts gab das Gericht statt. Die Deutsche Bahn kündigte postwendend Berufung an. Doch das Echo, das das Urteil bundesweit gefunden hat, dürfte es der Bahn schwer machen, die Sache durch jahrelanges Prozessieren auszusitzen.
Architekten klagen nicht gegen Bauherren – das ist die Regel. Zu groß ist die Befürchtung, fortan als Streithansel verschrien zu werden, dem man tunlichst keinerlei Aufträge zukommen lässt. „Der Bauherr eines Eigenheims lässt sich auch nicht vom Architekten vorschreiben, welche Decke in sein Wohnzimmer kommt“, hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn gebellt, als von Gerkan von der – ohne Rücksprache veranlassten – Änderung seines Entwurfs für die unterirdische Bahnsteighalle erfuhr und Widerspruch anmeldete.
Nun ist die Bahn allerdings nicht der „Bauherr eines Eigenheims“, sondern ein öffentlicher Bauherr. Zudem besteht ein Vertragsverhältnis zwischen Bauherr und Architekt: Mit dem Vertragsabschluss wird die Verwirklichung des Entwurfs innerhalb des festgelegten Kostenrahmens verbindlich, und es besteht das Urheberrecht des Entwerfers. Diese Bindewirkung überging Mehdorn, als er ohne Rücksprache ein anderes Büro mit der Gestaltung der Bahnsteighalle beauftragte.
„Wir haben bei jedem unserer 250 Projekte Kompromisse machen müssen“, räumt von Gerkan aus 40-jähriger Berufserfahrung freimütig ein. „Das gehört nun einmal zum Bauen.“ Nur: Einen Kompromiss hatte die Bahn zuletzt überhaupt nicht mehr gesucht. Bei der Verkürzung des gläsernen Daches hoch über den geschwungenen Stadtbahngleisen von 430 auf 321 Meter – dem ersten und noch weit schwerer wiegenden Eingriff – hatte die Bahn das Büro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) zumindest heranziehen müssen, weil ohne dessen Mitarbeit eine Veränderung dieses hoch komplizierten Entwurfs kaum zu schaffen gewesen wäre. Damals hatte von Gerkan zähneknirschend eingewilligt, um seinen spektakulären Entwurf einigermaßen zu retten.
Noch 2001 war in einer Bahn-Broschüre zum Bahnhofsprojekt über die vier Jahre später verworfene Hallenkonstruktion der Tiefebene stolz von einer „Kathedrale der Technik“ die Rede. Heute sagt Mehdorn: „Wir haben einen Bahnhof bestellt und keine Kathedrale.“
Gewiss nicht – doch der Hauptbahnhof ist die Visitenkarte der Hauptstadt. So wurde denn auch der kühne Wurf, dessen charakteristische Grundzüge von Gerkan 1992 auf ein Blatt Papier skizziert hatte, von allen Beteiligten gerühmt.
WAS FÜR EIN ARCHITEKT IST VON GERKAN?
Meinhard von Gerkan und sein Partner Volkwin Marg erregten gleich mit ihrem ersten Wettbewerbsbeitrag von 1965 bundesweites Aufsehen. Denn der Wettbewerb galt dem Neubau des Flughafens Tegel, den das eingemauerte West-Berlin als wichtigste Verkehrsverbindung benötigte. Die beiden jungen, an der TU Braunschweig diplomierten Architekten hatten zuvor über Flughäfen gearbeitet – und konnten ihr Wissen nun in die Praxis umsetzen. Die Sechseckform der Abfertigungshalle erlaubt die denkbar kürzesten Wege zwischen Zubringerverkehr und Abfertigungsschaltern.
Der Entwurf ist charakteristisch für die Arbeit des Büros gmp, das in den vierzig Jahren seit seiner Gründung zum größten deutschen Architekturbetrieb mit weit über 300 Mitarbeitern herangewachsen ist. „Erstrebe vom Einfachsten das Beste“, so ein Kernsatz der Firma. Ein weiterer: „Organisiere die Funktionen zu klaren Bauformen.“ Es ist nicht verwunderlich, dass unter den gut 200 realisierten Bauten von gmp zahlreiche Großvorhaben zu finden sind, bei denen die Funktionalität der Abläufe im Vordergrund steht, wie Messehallen oder Stadien.
Von Gerkan hat sich stets mit dem Verkehr beschäftigt, hat Flughafenerweiterungen wie in Stuttgart oder München entworfen und eben Bahnhöfe, so den glasgedeckten Bahnhof Spandau, der seit 1998 das Berliner Einfallstor für die ICEs der Bahn bildet. Bedauerlich, dass die Bahn den von Gerkan gestalteten Business-Zug „Metropolitan“ aus dem Programm strich: Solch edlen, dabei unaufdringlichen Komfort kennt die Bahn sonst nicht. Man könnte ihn als im besten Sinne hanseatisch bezeichnen.
Dass zu den Entwürfen des Architekten auch der preisgekrönte Christus-Pavillon auf der Weltausstellung von Hannover 2000 zählte, zeigt die unermüdliche Neugier, mit der von Gerkan das Terrain der Baukunst sichtet. Bankrepräsentanzen wie am Pariser Platz, Einkaufspassagen wie das mit noblem Backstein verkleidete „Hanse-Viertel“ in Hamburg oder die Musikhalle in Lübeck: Immer geht es gmp um „eine Identität des Entwurfs aus dem Spezifischen der Situation“.
WAS HAT IHN GEPRÄGT?
Meinhard von Gerkan wurde Anfang 1935 im lettischen Riga geboren. Der baltendeutsche Akzent ist ihm bis heute anzuhören. Sein Lebensweg ist eng mit der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte verwoben. Der Vater fiel im Krieg, die Mutter starb kurz nach der Flucht aus Posen. Gerkan wuchs als Pflegekind in Hamburg auf. Nach dem Architekturstudium tat er sich mit Volkwin Marg zusammen. Heute residiert die Zentrale des weltweit tätigen Büros gmp an Hamburgs nobler Elbchaussee, wo Gerkan sich zugleich sein Privathaus errichtet hat. Der Aufstieg von gmp ist ein Spiegelbild der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte – einschließlich der Globalisierung der Gegenwart. Gerkan weiß Genuss zu schätzen: In seinem Hamburger Firmensitz brachte er das Nobelrestaurant „Le Canard“ unter. Dessen Ableger „Vau“ richtete er in einem Altbau nahe dem Gendarmenmarkt ein. Und ist dort natürlich Stammgast. Die Brille ins schlohweiße Haar geschoben, geht er fachmännisch die Karte durch – ohne sich anmerken zu lassen, dass er womöglich gerade erst von einem Vortrag in London oder einer Präsentation in Moskau zurückgekehrt ist.
WAS HAT VON GERKAN NOCH VOR?
Mit 71 Jahren denkt von Gerkan mitnichten an Ruhestand. Zur Erholung dient ihm ein Ferienhaus an der Ostsee. Ansonsten jettet er mehr denn je um die Welt, denn die ganz großen Aufträge kommen heute aus den prosperierenden Ländern Asiens. In der Nähe von Schanghai entsteht eine Retortenstadt für nicht weniger als 800 000 Einwohner, in Hanoi wurde vor zwei Wochen das Nationale Konferenzzentrum Vietnams eingeweiht. Berlin, bislang schon Ort der meisten Einzelbauten von gmp, wird an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden ein weiteres Geschäftshaus erhalten, nachdem bereits zwei Bürohäuser von gmp die Adresse Friedrichstraße tragen.
Ohnehin lassen sich die Entwürfe von gmp nicht in jedem Fall einem der beiden Prinzipale und den mittlerweile sechs Partnern zuordnen. Das Haus ist bestens bestellt, die Partner wachsen in eigenständige Projekte hinein. Das Büro hat sich stets an Wettbewerben beteiligt, großen wie kleinen. So gewann Meinhard von Gerkan beispielsweise die Konkurrenz für die Pionierschule Ingolstadt, seit September im Bau. Aufhören? Die Frage stellt sich ihm nicht. Er baut, aus Lust und Leidenschaft. Gerade hat er einen weiteren Wettbewerb in China gewonnen – ein Stadion für 60 000 Zuschauer. Das Credo von gmp – die Konzentration auf das Wesentliche, Machbare und Bleibende – wird ohnehin seine Gültigkeit behalten.





