Zeitung Heute : Wer ist Michael Howard?

Matthias Thibaut[London]

WIE TRITT DER TORY–CHEF ALS HERAUSFORDERER VON TONY BLAIR AUF?

Meist zeigt er sich jetzt ohne Jackett: Hemdsärmlig wirkt jugendlicher. Nicht nur das Treppchen in seinen Hubschrauber – auch die kleine Stufe zum Rednerpult nimmt er sportlich hüpfend. Michael Howard ist 63 Jahre alt – das macht ihm den Kampf gegen den lachenden Frühfünfziger Tony Blair nicht eben leichter.

„Ich habe manchen Kampf gefochten“, rief Michael Howard bei der Wahlkampferöffnung in die Fernsehkameras. Und erklärte, warum er Premierminister werden oder doch wenigstens die Tories vor einer erneuten Demütigung durch die regierende Labour-Partei bewahren will. Er habe gegen Gewerkschaftstyrannen gekämpft, die einst die Wirtschaft „verkrüppelten“. Habe gegen Richter gekämpft, die behaupteten, man könne nichts gegen die Kriminalität tun. Ja, er habe gekämpft, um von einer Staatsschule aus in einem kleinen Städtchen in Wales der zu werden, der er heute sei: „Niemand darf meine Entschlossenheit unterschätzen, Großbritannien zu einem besseren Land zu machen.“

Wer wie Michael Howard viel kämpft, attackiert auch viel. Die Briten sehen in ihm den harten Mann, dem Kritik und Spott näher liegen als die Entwicklung von Zukunftsvisionen, die Blair so gern und farbenfroh ausmalt. Wieder und wieder treibt Howard im parlamentarischen Zweikampf seinen Gegner mit messerscharfer Logik, triumphierender Stimme und höhnischem Gesichtsausdruck in die Enge. In der öffentlichen Wahrnehmung gereicht ihm das nicht gerade zum Vorteil: Er gilt vielmehr als streberhaft und besserwisserisch. Die Briten finden ihn eher unsympathisch: Jeder Dritte sieht in ihm etwas „Gruseliges“. Seit er 1982 in seiner Jungfernrede als Unterhausabgeordneter die Wiedereinführung der Todesstrafe forderte, gilt Howard als Scharfmacher und Ideologe. Seine Parteifreundin Anne Widdecombe sagte 1997, nachdem sie mehrere Jahre als seine Staatssekretärin im Innenministerium gearbeitet hatte: „Michael hat etwas von der Nacht um sich.“ Damit prägte sie die bis heute klassische Charakterisierung Howards.

HOWARD IST DER SOHN JÜDISCHER EINWANDERER. HAT IHN DAS GEPRÄGT?

Bis er sechs Jahre alt war, hieß Michael Howard Michael Hecht. Bernat Hecht, sein Vater, kam in den späten 30er Jahren aus Rumänien nach England, um sich für eine Stelle als Kantor in einer Synagoge zu bewerben. Später heiratete er Hilda, die Tochter aus Russland eingewanderter Juden, und eröffnete ein Kurzwarengeschäft. In der Schule sei der kleine Michael gut integriert, aber eben „ein bisschen anders“ gewesen, berichtet seine ehemalige Lehrerin, Dai Smith. „Seine Eltern waren Geschäftsleute. Alle anderen in der Schule kamen aus Arbeiterhäusern“.

Sein Vater sei ein Wirtschaftsmigrant gewesen, sagt Howard heute – obwohl Angehörige von ihm, darunter seine Großmutter, in Auschwitz ums Leben kamen. Umso mehr verhöhnen nun Howards Gegner seine Vorschläge für eine strenge Begrenzung der Einwanderung und seinen Plan, aus der Genfer Flüchtlingskonvention auszutreten. Bei einer Fernsehdiskussion wurde Howard von einem jungen Mann, der sich als Flüchtling bezeichnete, hart angegriffen: „Sie sehen uns Flüchtlinge als Schmutz und Dreck. So wie Hitler vor 50 Jahren Ihre Eltern gesehen hat, bevor sie in dieses Land kamen.“

Die frühere Premierministerin Margaret Thatcher, Howards politische Mentorin, schrieb in ihren Memoiren: „Ich habe mir oft gewünscht, dass Christen die jüdische Betonung von Selbsthilfe und ihre Akzeptanz persönlicher Verantwortung ein bisschen mehr beachten.“ Das Gefühl von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung – das ist es, was Howard bei seinem Aufstieg vom Grammar School Boy zum Rechtsanwalt prägte. Und das ist es, was ihm vom „autoritären Labour-Staat“ zu wenig gefördert wird.

WAS WILL DER POLITIKER HOWARD?

Manche halten Howards Wahl zum Parteichef für einen strategischen Fehler, weil er wie kein anderer Torypolitiker mit der Ära Thatcher verbunden ist. Andere glauben, dass er der Retter der Tories ist und die Partei auseinander gefallen wäre, hätte sie sich 2003 erneut in interne Führungskämpfe verstrickt. Gerade ihm traut man zu, dass er mit seiner Erfahrung, seiner Dynamik, seinem scharfen politischen Instinkt und seiner Autorität das widersprüchliche Erbe der Thatcher Ära aufgreifen und zugleich die Konservativen neu positionieren kann. Stand in den achtziger Jahren bei den Briten die Reform der Wirtschaft ganz oben, ist nun die Reform der öffentlichen Dienste das vorrangige Thema. So hat Howard auf die klassische Forderung nach radikalen Steuer- und Ausgabensenkungen verzichtet und stattdessen die Schulreform und den staatlichen Gesundheitsdienst zur Priorität gemacht. Howard glaubt, dass Labour die Probleme nur mit mehr Geld angeht – er will „wirkliche Reformen“.

WAS SIND DIE VERBORGENEN SEITEN DES MENSCHEN HOWARD?

„Michael hat einen weichen Kern“, weiß Sandra Howard, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist. Wenn er nach außen oft hart wirke, dann nur, weil er einen so ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe. „Michael ist ein Romantiker“, sagt sie. Die erste Begegnung Howards mit dem damaligen Vogue-Model endete in einer Diskussion über romantische Dichtung. Sandra verbürgt auch, dass der Tory-Chef ein begnadeter Elvis-Presley-Imitator ist – und ein Jazz- und Rockfreund der ersten Stunde. Die Katze der Howards heißt „Prudence“ – Besonnenheit, Vorsicht, Sorgfalt – nach dem gleichnamigen Beatles-Song. Mit Enthusiasmus verfolgt Howard Pferderennen. Als er Innenminister war, musste sich oft das gesamte Büro-Personal vor dem Fernseher versammeln, um den FC Liverpool spielen zu sehen. Und er liebt schnelle Autos, hat sich nun aber ein umweltfreundliches Toyota Prius Hybrid-Auto gekauft. Niemals habe man gehört, wie er hinter dem Rücken anderer schlecht über sie rede, rühmen Parteifreunde seine Loyalität und Fairness. Der frühere Premier John Major beschreibt Howard in seinen Memoiren als clever und talentiert, aber auch schüchtern, charmant und ungekünstelt. „Am besten ist er, wenn er kein Publikum hat. In der Öffentlichkeit kann er es oft nicht lassen, die Dinge aufzurühren.“

WAS PASSIERT MIT IHM NACH DER WAHL?

Niemand glaubt, dass der Zeitpunkt für einen Machtwechsel gekommen ist. Howard klammert sich dennoch an die Hoffnung, sein Versuch, Blair im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg der Lüge zu überführen, könnte doch noch die Wende herbeiführen. Sein Problem: Viele Briten sind mit Labour nicht zufrieden – aber nur wenige halten Howard für die Lösung. 75 Prozent glauben, dass er nicht das Zeug zum Premier hat. So fällt Howard wohl die undankbare Aufgabe des Übergangsführers zu. Er wird den Weg für eine neue Generation von Tories ebnen. Wenn Howard am kommenden Donnerstag genügend Wahlkreise zurückerobert, wird er noch eine Weile in der Fraktion bleiben und den Neuen den Rücken stärken. Wenn nicht, wird er eine Fußnote in der Geschichte der Tory-Partei bleiben.

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