Zeitung Heute : Wer ist Philipp Mißfelder?

Peter Siebenmorgen

WOFÜR STEHT ER?

Unübersehbar war Philipp Mißfelder, der Zwei-Meter-Mann eigentlich schon seit längerem, doch einem größeren Publikum wurde er erst im Sommer des vergangenen Jahres bekannt. Damals warf er in einem Interview mit dieser Zeitung die Frage auf, wieso eigentlich die Allgemeinheit für künstliche Hüftgelenke von alten Menschen aufkommen sollte. Aufgabe der gesetzlichen Krankenversicherung sei es doch nicht, Greise fit für Rentner-Adventure-Urlaube zu halten, sondern die medizinische Grundversorgung für jedermann zu sichern. Wer mehr wolle, der müsse – angesichts der kollabierenden Sozialsysteme – in Zukunft dafür selbst Verantwortung tragen, etwa durch eine freiwillige Zusatzversicherung.

Seither weiß Heiner Geißler, dass Mißfelder für den Siegeszug des vulgären und kaltherzigen Neo-Liberalismus auch in den C-Parteien steht, wohingegen der Jesuit und katholische Soziallehrer Friedrich Hengsbach, eigentlich eher ein Mann der moderaten Linken, den Vorstoß des damals 23-jährigen Bundesvorsitzenden der Jungen Union durchaus mit seinem christlichen Herzen unterstützen konnte.

Links oder rechts, modern oder konservativ, dem bundesrepublikanischen, rheinisch-gezähmten Kapitalismus verpflichtet oder neo-liberal orientiert – am Streit um Mißfelders Hüft-Attacke sieht man schon, dass sich der junge Mann nicht in die gängigen Schubladen einsortieren lässt. Eines ist auffällig und eher ungewöhnlich: Wenn er für etwas steht, dann bleibt er auch stehen. Damals, im Hüftgelenk-Streit, wurde er von allen Seiten angegriffen. Die Bildzeitung plakatierte ihn eine Woche lang als „Milchbubi“ ohne Herz. Morddrohungen empörter Bürger ließen nicht lange auf sich warten. Edmund Stoiber, der damals im bayerischen Wahlkampf stand, sah schon seinen Sieg dahinschwinden.

Harte Tage und Wochen waren das für den Jungpolitiker, doch mehr als eine Entschuldigung für „verletzte Gefühle“ alter Menschen ließ er sich nicht abringen. Er blieb bei seiner Position, auch im Wissen darum, dass jedwede Reform des Gesundheitssystems über kurz oder lang an Kürzungen der gesetzlichen Regelleistungen nicht umhin kommt. Nicht alles, was Mißfelder politisch fordert, ist derart brisant. Ein geschlossenes Konzept für alle politischen Lebenslagen hat er noch nicht zu bieten. Aber das meiste hört auf den Generalnenner „Generationengerechtigkeit“ – für seine Alterskohorte, aber auch für die, die noch gar nicht geboren sind. Er will mehr als bloß Interessensvertreter seiner Generation sein.

WARUM GAB ES KEINEN GEGENKANDIDATEN FÜR PHILIP MIßFELDER?

Mit der gestiegenen Bekanntheit, der rasch angeeigneten Professionalität im Umgang mit den Medien, die ihn jetzt gerne und häufig zitieren, hat sich der junge Mann reichlich Respekt verschaffen. Gerade 25 Jahre alt geworden, bewundern ihn schon viele alte Hasen in den eigenen Reihen für das, was sie zumeist selbst nicht auszeichnet: Standfestigkeit. Und damit hat auch der Verband, dem Mißfelder vorsteht, die Junge Union Deutschland, an politischem Gewicht gewonnen. Innerhalb der Union und auch außerhalb wird sie ernst genommen. Und die Delegierten dankten es ihrem Vorsitzenden mit einem besonders guten Ergebnis. Entspricht es einer Regel der JU, dass es bei Wiederwahlen immer schlechtere Ergebnisse gibt als beim ersten Mal, so konnte Mißfelder auf dem Deutschlandtag in Oldenburg dieses ungeschriebene Gesetz jetzt umdrehen. Während es im Vorfeld seiner Wahl vor zwei Jahren noch Bemühungen gab, unterstützt von seiner Vorgängerin Hildegard Müller, einen Gegenkandidaten aufzubauen, ist Mißfelder mittlerweile unbestritten. Nichts ist eben so erfolgreich wie der Erfolg. Die Organisation jedenfalls verdankt ihn nicht zuletzt ihrem alten und neuen Vorsitzenden.

WOFÜR BRAUCHT MAN EIGENTLICH JUNGE POLITIKER WIE IHN?

In den bisherigen zwei Jahren von Mißfelders Amtszeit hat sich die Junge Union rasant gewandelt. Erstmals seit langer Zeit steigt auch die Mitgliederzahl wieder spürbar, auf 130 000 – gegen jeden Trend. Auch inhaltlich erfindet sie sich gerade neu. Denn in der längsten Phase ihrer Geschichte war sie ein ziemlich langweiliger Verein: Transmissionsriemen der Unionsparteien in die junge Generation, das auch – doch mehr noch Tummelplatz und Erprobungsfeld für künftige Führungskader. Politisch auffällig wurde sie erst in den 70er Jahren, als CDU und CSU das erste Mal die Oppositionsbänke im Bund drücken mussten. Damals, in den großen Richtungsstreitereien, ergriff sie stets für die Modernen in der Partei das Wort. Später, in Kohls Kanzlerjahren, hat sie dann kaum noch Spuren hinterlassen. Wirkliche Impulse für die politische Diskussion gingen von der Jungen Union nie aus.

Mit Ausnahme des späteren Bundesverkehrsministers Matthias Wissmann, der die JU Mitte der siebziger Jahre übernahm, endeten alle Vorsitzenden als mehr oder weniger verkrachte politische Existenzen. Wer kennt heute noch Jürgen Echternach? Oder Klaus Escher? Vielleicht wird man sich morgen noch an Hildegard Müller erinnern. Wie? Jene, die man noch im aktiven Gedächtnis hat, sind eher beklagenswerte Gestalten: Christoph Böhr beispielsweise, der Riesenprobleme hat, sich als rheinland-pfälzischer Oppositionsführer zu behaupten.

Unter Mißfelder beginnen sich die Verhältnisse zu verändern. Mit beachtlichem Ernst erarbeiten sich die Jungunionisten ihre Themen, stets die Lebenswelt von morgen im Blick. Und anders als die mittlerweile betagten Jungpolitiker von früher, stehen sie sehr viel näher bei ihren Altersgenossen und repräsentieren deren Lebenswelt. Es ist nicht mehr so, dass wer schlecht im Sport ist und wenig Freunde hat, sich eben in der Politik versucht. Die JU von heute ist vergleichsweise geerdet. Auch deshalb gewinnt sie allmählich politische Kraft.

WAS SIND SEINE FEHLER? WIE KÖNNTE MISSFELDERS POLITISCHE ZUKUNFT AUSSEHEN?

Der politische Ehrgeiz Mißfelders strahlt ihm aus jedem Knopfloch. Wirkliche Fehler hat er bislang noch nicht begangen. Aber es könnte schon sein, dass er sich der Gefahr aussetzt, zu sehr mit den Medien spielen zu wollen. Eine Zeit lang machen die das mit, geigen einen hoch – bis er seine Fallhöhe erreicht hat. Politikern geht es da nicht anders wie Popstars oder Sportprofis. Wenn er diese Klippe stets wach im Auge hat, dann könnte Mißfelder wirklich eine große politische Zukunft vor sich haben. Freund und Feind haben ihn als eine der größten politischen Nachwuchsbegabungen auf der Rechnung. Er ist ein guter Redner, auch jetzt schon in jungen Jahren, ein begabter Netzwerker – und an Fragen von politischer Substanz mindestens so sehr interessiert wie an taktischen Finessen. Keine schlechten Voraussetzungen für eine steile politische Karriere.

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