Zeitung Heute : Wer ist Rupert Murdoch?

Matthias B. Krause[New York]

RUPERT MURDOCH KAUFTE VOR KURZEM DAS „WALL STREET JOURNAL“, JETZT STEIGT ER BEIM DEUTSCHEN SENDER PREMIERE EIN. WIE HAT ER ES GESCHAFFT, ZU EINEM DER MÄCHTIGSTEN UNTERNEHMER WELTWEIT ZU WERDEN?

Die Lust zum Zeitungsmachen hat Rupert Murdoch von seinem Vater Keith geerbt, der als Nachfahre schottischer Einwanderer in Australien ein kleines Imperium aufbaute. Nichts vom Kaliber eines Arthur Sulzberger, der fast zur gleichen Zeit die „New York Times“ zu internationalen Höhen führte, aber es war ein Anfang. Als Murdoch die Geschäfte in den 50er Jahren übernahm, musste er zuerst den Konkurs des auf zwei Blätter geschrumpften Familienunternehmens abwenden. Das gelang ihm mit einem Rezept, das er später oft wiederholte: viel nackte Haut, viel kontroverse Politik, gut gemischt mit dem saftigen Skandal des Tages.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, steht Murdoch dem drittgrößten Medienkonzern der Welt vor. Die News Corporation setzt knapp 68 Milliarden Dollar um, in den USA besitzt sie den Fox-Nachrichtenkanal, das 20th-Century-Fox-Filmstudio, den Verlag Harper Collins, die Webseite „MySpace“, mehrere Zeitungen und seit neuestem das „Wall Street Journal“. In Großbritannien gehören ihr fünf Tageszeitungen, in Australien mehr als hundert. Seine Geschäftsstrategie beschrieb er kürzlich in einem Interview mit dem amerikanischen TV-Talker Charlie Rose so: „Wir haben ein oder zwei Wetten gemacht, die sich als nicht so großartig herausgestellt haben, aber größtenteils hat es hervorragend funktioniert.“

Eine ziemlich nüchterne Beschreibung für die hochriskanten und bisweilen epischen Machtkämpfe, die er ausfocht, um seine Märkte zu erobern. In den 80er Jahren zwang er die mächtigen britischen Druckergewerkschaften in die Knie – zur selben Zeit, als Margaret Thatcher ihren erbitterten Kampf mit den Bergleuten austrug. Mit lautem Getöse stieg Murdoch auch in den US-Zeitungsmarkt ein, namentlich in die „New York Post“, die fortan mit Schlagzeilen wie „Headless Body in Topless Bar“ („Kopfloser Körper in Oben-ohne-Bar“) auffiel. Kaum weniger laut ging es bei der Einführung des gnadenlos konservativen „Fox News“-Kanals zu, wo der Lewinsky-Skandal bis aufs Letzte ausgekostet wurde. Ted Turner, Gründer des ersten 24-Stunden-Nachrichtenkanals CNN, verfluchte Murdoch einst als „Hitler“. Der konterte via „NY Post“ mit der Headline: „Ist Turner durchgedreht? Sie entscheiden.“

Stets pflegt der Medienmogul dabei die Nähe zur Politik – und gestaltet sie im Zweifelsfall selbst. In Großbritannien verhalf er erst den Konservativen an die Macht, dann Tony Blair, mit dem er sich regelmäßig zum Tee traf. Weil es seinen Geschäften mit Peking geschadet hätte, verhinderte er einst die Veröffentlichung eines chinakritischen Buches des ehemaligen Gouverneurs von Hongkong. „Er ist gewitzter und er hat ein bei Weitem besseres Verständnis dafür, wie man Regierungen beeinflusst, als jeder andere Medienmacher, den ich jemals getroffen habe“, sagt Reed Hundt, ehemaliger Vorsitzender der amerikanischen Federal Communications Commission, die das US-Fernsehen reguliert: „Er macht es einfach geschickter als alle anderen.“

Die einen nennen es geschickt, die anderen teuflisch. Die „Columbia Journalism Review“ urteilt: „Murdoch benutzt seine Beteiligungen, um seine finanziellen Interessen auf Kosten der Gesetze und Regeln und der journalistischen Ethik durchzusetzen. Er verwendet seine Medien als Instrumente, um Politiker zu beeinflussen, die ihm helfen können. Wenn jemals einer die Gefahren von geballter Macht in wenigen Händen demonstrierte, dann ist das Murdoch.“

WAS WILL ER MIT SEINEN 76 JAHREN NOCH ALLES ERREICHEN?

Offensichtlich eine Menge. Noch bevor der Kauf des „Wall Street Journal“ endgültig unter Dach und Fach war, richtete sich Murdoch schon sein Büro im Verlagsgebäude am Ground Zero in New York ein. Er benehme sich wie ein Junge mit einem neuen Lieblingsspielzeug, der es kaum erwarten kann, es auszuprobieren, sagen seine Mitarbeiter. Vor allem aber lässt er wieder seine offensichtlich nie gestillte Kampfeslust durchblicken. Er umgibt sich mit alten Vetrauten und hat bereits mit der Rundumerneuerung der Zeitung begonnen. Dazu gehört auch der massive Ausbau des Washingtoner Büros. Nach seinen Vorstellungen soll das Blatt bunter werden, weniger wirtschaftslastig und deutlich politischer. Damit steuert er auf direktem Konfrontationskurs zur finanziell angeschlagenen „New York Times“. Alex Jones, Medienwissenschaftler an der Kennedy School of Government in Havard, sagt: „Die Frage ist nicht, ob er die Zeitung in ein Skandalblatt umwandelt. Er wird jedoch eine der großartigen, unabhängigen Stimmen des amerikanischen Journalismus nehmen und in den Dienst um das Wohl der News Corp. und um Rupert Murdoch selbst stellen.“ Daneben startete News Corp. vor wenigen Wochen auch den Fox-BusinessNews-Channel, ein Angriff auf Marktführer CNBC. Der Einstieg beim einzigen deutschen Bezahlsender Premiere wirkt dagegen eher wie ein kleiner Fisch. Was nicht heißen muss, dass Murdoch damit nicht noch Großes vorhat. Branchenkenner gehen davon aus, dass er mit den lukrativen Rechten der Deutschen Fußball Liga liebäugelt. Damit würde er einem alten Geschäftsschema folgen. In den USA hatte er Fox unter anderem dadurch groß gemacht, dass er die Sendelizenz für die National Football League erwarb. In Großbritannien verwandelte er BskyB, an dem er zu 39 Prozent beteiligt ist, in ein profitables Unternehmen, unter anderem mithilfe des Fußballs.

MURDOCH GILT ALS EIGENSINNIG UND KONSERVATIV. WIE FÜHRT ER SEIN WELTWEITES IMPERIUM?

Der Mann ist ein Mikromanager mit einem Blick fürs Große und Ganze. Seinen Tag verbringt er zum großen Teil damit, seine Chefredakteure in der ganzen Welt anzurufen und mit ihnen über die Lage der Dinge und die Politik im Besonderen zu diskutieren. Nach allem, was darüber bekannt ist, gibt er ihnen keine direkten Anweisungen. Aber er macht seine Meinung und seine Wünsche unmissverständlich klar. So erinnert sich einer, der für Murdoch einst die „New York Post“ führte, wie fast täglich Kommentare aus dem „Wall Street Journal“ auf seinem Tisch landeten – die vermeintlich wichtigsten Passagen handschriftlich von Murdoch persönlich hervorgehoben.

Der Australier erwarb 1985 die amerikanische Staatsbürgerschaft, weil das für seine Expansionspläne in den USA günstig war. Einer politischen Partei gehört er bis heute nicht an. Und während er im Allgemeinen als konservativ beschrieben wird, lässt er sich doch nicht mit streng parteipolitischen Kriterien fassen. Als Student in Oxford platzierte er eine Lenin-Büste prominent auf seinem Schreibtisch. Und er hat keine Probleme damit, liberale Demokraten wie den einstigen New Yorker Bürgermeister Ed Koch oder damals Blair zu unterstützen, wenn er der Überzeugung ist, dass sie ihre Aufgabe mit der richtigen Einstellung erledigen. „Ich trete keinen Klubs bei“, sagte Murdoch einst über sich, „ich möchte nie in einer Position sein, in der Leute mich zwingen können, etwas Bestimmtes zu tun. Ich habe weniger gute Freunde als die meisten Menschen, aber ich denke, es ist richtig, Distanz zu bewahren.“

Weil seine Medien in den USA den Irakkrieg vehement befürworteten und sich regelrecht als Kriegstreiber betätigten, wird oft angenommen, Murdoch pflege ein enges Verhältnis zu Präsident George W. Bush. Doch während er sicherlich keinen schlechten Draht zum Weißen Haus besitzt, steht er Politikern wie dem republikanischen Senator und Präsidentschaftsanwärter John McCain persönlich wesentlich näher.

Vor zwei Jahren überraschte er außerdem damit, dass er für Hillary Clinton, die sich damals um die Wiederwahl als Senatorin bewarb, eine Spendenveranstaltung organisierte. Selbst für ihren einst so verhassten Ehemann und dessen Stiftung sammelt Murdoch mittlerweile Geld. „Ich bin immer an neuen Ideen interessiert, das hält mich jung“, sagt er. Seine Kritiker sehen es nüchterner: Sie vermuten, er stelle sich mit den Clintons gut, weil es seinem Geschäft nutzt. Auch alte Weggefährten vergisst Murdoch nicht. Der ehemalige spanische Premierminister José Mariá Aznar zum Beispiel, ein treuer Verbündeter der USA im Irakfeldzug, sitzt jetzt im Aufsichtsrat der News Corp. Ein hübscher Job, der für wenig Arbeit jährlich 185 000 Dollar einbringt.

WER WIRD EINMAL SEIN ERBE ANTRETEN?

In drei Ehen zeugte Rupert Murdoch sechs Kinder. Lange Zeit galt sein ältester Sohn Lachlan als Kronprinz. Doch der zog sich 2005 überraschend zurück. Seitdem bringt Murdoch seinen zweitältesten Sohn James in Position. Im Dezember verabschiedete sich der 35-Jährige von der Spitze bei BSkyB, um in der News Corp. das britische Zeitungsgeschäft und das TV-Geschäft in Europa und Asien zu übernehmen. James studierte in Harvard Film und Geschichte, ehe er die Eliteuniversität 1995 ohne Abschluss verließ, um mit Freunden ein Hip-Hop-Label zu gründen.

Aus dem einstigen Rebellen ist mittlerweile einer der engsten Vertrauten von Rupert Murdoch geworden. Er gilt als liberaler als sein alter Herr. Und es gelang ihm sogar, das Thema Umweltschutz auf die Tagesordnung zu bringen. Seitdem strebt die News Corp. an, als treibhausgasneutrales Unternehmen zu agieren. Allerdings sieht es nicht so aus, als würde Murdoch senior das Zepter so bald aus der Hand geben. Im Augenblick umgreift er es fester und schwingt es entschlossener als selten zuvor.

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